Stuttgart

Nachruf: Stuttgart nimmt Abschied von Heiko Grelle

Nachruf: Stuttgart nimmt Abschied von Heiko Grelle

  • Heiko Grelle hat die Stuttgarter Hip-Hop- und Nachtkultur der Nuller- und Zehnerjahre mit seinem Schräglage Club maßgeblich mitgeprägt. Für die Verwirklichung seiner Ideen war ihm kein Weg zu weit.Foto: Leif Piechowski, Lichtgut

    Heiko Grelle hat die Stuttgarter Hip-Hop- und Nachtkultur der Nuller- und Zehnerjahre mit seinem Schräglage Club maßgeblich mitgeprägt. Für die Verwirklichung seiner Ideen war ihm kein Weg zu weit.Foto: Leif Piechowski, Lichtgut

Stuttgart - Es gibt Menschen, die einer Stadt etwas zurückgeben, wovon sie dachte, es längst verloren zu haben. Heiko Grelle war so ein Mensch. Er war einer von Stuttgarts prägendsten Pionieren der Nachtkultur, ein Verfechter echter Hip-Hop-Clubkultur in Stuttgart, als in den Nullerjahren niemand mehr an deutschen Rap glaubte. Der mit seinem Schräglage Club ein anderes Gesicht der Landeshauptstadt gezeigt hat. Eines, das nahbar, lässig, undergroundig und bunt ist. Nix mit Schlips, nix mit Schampus.

Klebrige Böden, Feiern, Abriss. Noch bei der Schließung seines Schräglage Clubs vor wenigen Monaten betonte Heiko Grelle die kulturelle und vereinende Kraft der Hip-Hop-Musik. „Hip-Hop wird nie tot sein. Das war früher schon die albernste Ansage aller Zeiten.“ Nun ist der Mitbegründer der legendären Schräglage im Alter von 62 Jahren verstorben.

Von der fixen Idee zur Heimat des deutschen Hip-Hop

Dabei hat die Schräglage, die eine ganze Generation in Stuttgart nachhaltig geprägt hat, die Sinnbild für das Lebensgefühl ebendieser Generation wurde, als fixe Idee von Surferjungs und Hip-Hop-Heads begonnen. „Sie war als Afterwork- und Party-Location für unsere eigene kleine Bubble gedacht“, erinnerte sich Grelle in einem seiner Interviews mit uns. Doch die kleine Idee lernte schneller laufen als gedacht und ging durch die Decke. Deichkind, Marteria, Haiyti, Haftbefehl, Trettmann – was Rang und Namen im deutschen Hip-Hop hatte, sollte früher oder später live in der Schräglage spielen. Es wird kaum einen Stuttgarter geben, der ab den Nullerjahren im Nachtleben unterwegs war, der nicht den einen oder anderen Kurzen an der Theke der ersten behelfsmäßigen Bar am Marktplatz oder dem späteren Club in der Hirschstraße getrunken hat. Dass dabei lieber erst gemacht, dann nachgedacht wurde, gehörte irgendwie dazu.

Hauptsache, es passierte was. Hauptsache, es war was los. Hauptsache, es war cool. Ob die Halfpipe im Club nun erlaubt war? Na ja, das war das Problem von morgen (war sie nicht und musste kurz nach ihrer Installation wieder entfernt werden). Aber nach jedem Stolperer wurde der Schmutz abgeklopft und weitergemacht, daran hat Heiko Grelle nie einen Zweifel gelassen. Und genau dieses Macher-Gen, der drängende eigene Antrieb immer wieder Neues zu schaffen und die Meile extra zu gehen, sorgte dafür, dass der Schräglage Club erst der Anfang war. In den darauffolgenden Jahren sollte aus der Stuttgarter Marke noch so viel mehr als ein Club werden: Catering, Restaurants, Shops wuchsen aus dem Kreativ-Tank rund um die Schräglage heraus. Dabei blieb Heiko Grelle bei allem, was er anpackte und aus dem Boden stampfte, sich selbst treu. Nicht abgehoben, nicht etepetete, nicht drüber. Es musste passen.

Und bei all den Selbstdarstellern der Szene muss man bei Grelle vor allem eins hervorheben: Egal, bei welcher der zahlreichen Eröffnungen, öffentlichkeitswirksamen Events oder VfB-Spielen man ihn traf, man lernte ihn immer als feinsinnigen Beobachter und Macher mit klarer Haltung kennen, der sich nicht in den Vordergrund spielte. Mit Handschlag, Fairness und nie um einen Schnaps verlegen. Er wusste um die transformative Kraft einer guten Nacht, eines perfekten DJ-Sets und der richtigen Gemeinschaft zur richtigen Zeit.

Stuttgart ist um eine prägende Stimme leiser geworden. Was bleibt, ist die Erinnerung an jene Nächte, in denen die Schräglage genau das einlöste, was gute Clubkultur ausmacht: ein Gefühl von Beiläufigkeit und Freiheit, das man nicht kaufen, sondern nur zusammen erzeugen kann. Der Beweis, dass eine Stadt erst durch ihre Nächte und die Menschen, die sie gestalten, wirklich lebendig wird. Einen Menschen wie Heiko Grelle.

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