Stuttgart

Lenny Kravitz hätte bei den Jazz Open fast die Flucht ergriffen

Von schwingenden Böden über 18 Meter große Puppen auf der Bühne bis hin zu Grace Jones' Wein-Notfall: Die Schlossplatz-Bühne der Jazz Open hat schon einiges erlebt.

  • Hier stand vor Jahren einst Lenny Kravitz und traute seinen Beinen nicht: Der Boden hat geschwungen. Warum das völlig ungefährlich ist, erklärt Jazz-Open-Produktionsleiter Matthias Kreiner.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

    Hier stand vor Jahren einst Lenny Kravitz und traute seinen Beinen nicht: Der Boden hat geschwungen. Warum das völlig ungefährlich ist, erklärt Jazz-Open-Produktionsleiter Matthias Kreiner.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Am Mittwochabend haben die Jazz Open feierlich Eröffnung im Alten Schloss gefeiert, nebenher läuft der Aufbau der größten Bühne des Festivals auf dem Schlossplatz auf Hochtouren. Matthias Kreiner, Head of Production, auf gut Deutsch Produktionsleiter, ist seit 2008 dabei und hat schon einige Stars auf und hinter der Bühne erleben dürfen. Von Bob Dylan über Kylie Minogue bis hin zu Kraftwerk.

„Das ist eine Sonderanfertigung nur fürs Jazz Open“, sagt Kreiner beim Spaziergang übers Festivalgelände und zeigt auf den VIP-Bereich hinter den mobilen Sitzrängen. Letztere wiederum sind schon um die halbe Welt gereist und haben zahlreiche Stars und Sternchen, unter anderem Adele live miterleben dürfen, wie die Techniker vom Anbieter für temporäre Bühnen, Nüssli, verraten. Rundherum herrscht vor dem Neuen Schloss derweil geschäftiges Treiben, allein 40 Menschen sind mit dem Aufbau von Bühne und Tribüne der Jazz Open beschäftigt. Wenn man das Personal mitzählt, das für Backstage, Sanitär, Innenausbau und Co. zuständig ist, können es schon mal hundert Leute werden, die gleichzeitig auf dem Schlossplatz werkeln, sagt Kreiner. Bis Montag, zum ersten Konzert, das im Ehrenhof des Neuen Schlosses stattfindet und das vom König der Düsternis, Nick Cave und seinen Bad Seeds bestritten wird, muss alles fertig und vom Tüv abgenommen sein. Insgesamt zehn Tage hat das Team Zeit dafür.

Schwingender Albtraum: Warum Lenny Kravitz fast streikte

Ob dabei schon mal was in die Hose gegangen ist? „Nicht, dass ich wüsste“, sagt Kreiner und grübelt. Ja doch, da war was: „Lenny Kravitz wäre wegen der schwingenden Bühnenfläche fast nicht aufgetreten“, erinnert er sich an dessen ersten Auftritt auf der großen Schlossplatzbühne. Weil sie aufgrund des Wasserspiels inmitten des Ehrenhofs mit wenigen direkten Bodenstützen drüber gebaut werden muss und stattdessen mit flexiblen Gelenken arbeitet, schwingt sie leicht, wenn man darauf hüpft. „Aber alles sicher“, betont Matthias Kreiner und hüpft zum Beweis auf und ab.

Bis zu zwei Personen pro Quadratmeter hält die Bühne problemlos aus, schon ein rund 100-köpfiges Orchester habe die Bühne anstandslos überm Wasserspiel getragen. Dem US-Star war sie anfangs jedoch gar nicht geheuer. „Es hat mich 15 Minuten und meine besten Überredungskünste gekostet, bis er überzeugt war, dass alles seine Richtigkeit hat und er bedenkenlos auftreten kann“, sagt Kreiner mit einem Schmunzeln. Seine Überzeugungskraft hat sich nachhaltig bewährt: In diesem Jahr tritt die Rock-Legende am 10. Juli abermals auf der schwingenden Jazz-Open-Bühne auf.

Es ist mittlerweile Kreiners 18. Jahr beim Stuttgarter Jazz- und Pop-Festival. Seitdem hat sich auch bezüglich der Bühnenshows einiges getan: „Früher hatten die Künstler nicht so viel dabei“, erinnert sich der Experte: „Eine Gitarre hat manchmal gereicht.“ Mittlerweile kommen die Stars und Sternchen der Musikwelt mit Lkw voll individuellem Equipment für Licht, Ton und Bühnenbild an. Kylie sei im vergangenen Jahr mit sechs Lkw angereist und auch Katy Perry, die am 8. Juli auftreten wird, wird mit einigem Gepäck erwartet. Zum Vergleich: die ganze Bühne und Tribüne passen in 40 Lkw.

Wobei fast noch interessanter ist, welche Personen der Pop-Star noch mit nach Stuttgart bringen wird. Hat da etwa jemand Justin Trudeau gesagt? Doch zur Akte Trudeau (dem neuen Mann an Perrys Seite) mag sich Kreiner nicht äußern. Dafür verrät er zwischen den Zeilen, dass sich Teddy-Swims-Fans auf einiges gefasst machen dürfen: Der US-amerikanische Singer-Songwriter, der 2023 mit dem Hit „Lose Control“ weltberühmt geworden ist, wird ein ganzes Wohnzimmer auf der Bühne nachbauen.

Ob es schon spektakuläre Bühnenbilder gegeben hätte, die nicht umgesetzt werden konnten? „Bisher nicht“, sagt Matthias Kreiner. Seine Zweifel habe er kurzzeitig beim Lesen des Stage Riders von Sam Smith, vor seinem Auftritt 2024, gehabt: Darauf war eine 18 Meter große Puppe eingeplant gewesen. Aber mit welchem Krahn sollte die auf die Bühne gebracht werden? „Es hat sich dann herausgestellt, dass sie aufblasbar gewesen ist“, lacht Kreiner, „zum Glück.“

Auch im Backstage-Bereich, wo einige der Stars und Sternchen nach ihren Auftritten noch gemeinsam mit allen feiern und den Abend ausklingen lassen, laufen währenddessen die Aufbauarbeiten auf Hochtouren. Die Künstler-Container und Umkleidekabinen sind bis auf die Klimaanlage aktuell noch komplett leer. Sie werden nach den Wünschen der Musikstars mit entsprechendem Mobiliar, Deko, Getränken und mehr ausgestattet. Dabei gibt’s nichts, was es nicht gibt. „Einer der diesjährigen Künstler bringt seine eigenen zwei Waschmaschinen mit“, verrät Kreiner. Und auch die speziellen Getränkewünsche sind in der Regel sehr ernst zu nehmen. Grace Jones soll sich ohne ihren Lieblingsrotwein nicht in der Lage gefühlt haben, ihren Auftritt zu beginnen. Zwanzig Minuten und eine hektische Weinsuche später erst konnte die Künstlerin die Bühne auf dem Schlossplatz entern.

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