Wer im Regionalzug mit angetrunkenen Volksfestbesuchern oder grölenden Fußballfans unterwegs war, weiß, welchen Belastungen Zugbegleiter ausgesetzt sind. Spätestens seit dem tödlichen Angriff auf Serkan Çalar ist klar: Der Ruf der Eisenbahngewerkschafter nach mehr Schutz ist nicht überzogen, sondern fast schon Notwehr. Notwehr gegen eine zunehmend verrohende Gesellschaft, aber auch gegen Ministerien, die seit Monaten nur abstimmen, prüfen, vertagen, während Bahnbeschäftigte täglich Beleidigungen, Bedrohungen und Gewalt erleben.
Trotzdem ist die Streikdrohung der EVG problematisch. Ein Arbeitskampf, der nicht den Arbeitgeber, sondern den Gesetzgeber treffen soll, überschreitet in gefährlicher Weise eine Grenze. In Deutschland sind politische Streiks aus guten Gründen verboten. Wer droht, mit dem Lahmlegen kritischer Infrastruktur Gesetze erzwingen zu wollen, setzt den inneren Frieden aufs Spiel – oder setzt zumindest ein Signal, das in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft gefährlich ist.
Die Bahngewerkschafter haben zwar in der Sache recht, bei der Wahl ihrer Mittel liegen sie falsch. Die Regierung, so viel ist klar, darf das aber nicht entlasten. Sie muss jetzt schnell handeln und Bahnbeschäftigte besser schützen. Sonst wird aus berechtigter Wut ein Konflikt, der den Rechtsstaat und das Vertrauen der Fahrgäste gleichermaßen beschädigt.
