Stuttgart - Auch Schulleiter, Lehrer, Sekretärinnen und Hausmeister freuen sich auf einen unbeschwerten Silvesterabend. Doch der Knalleffekt des Jahreswechsels ereilt zwei Schulen in Filderstadt-Sielmingen (Kreis Esslingen) schon am Nachmittag. Ein Lehrer hatte noch etwas erledigen wollen – und ein Bild der Verwüstung entdeckt. Im Lehrerzimmer: Schränke aufgebrochen, Hefte, Unterrichtsmaterial, Notizbücher, Mappen wild verstreut. Tische umgeworfen. Regale umgestoßen. Die Täter dürften erst kurz vorher geflüchtet sein. Der Abend ist gelaufen. Ein gutes Neues!
Es ist eine unheimliche Einbruchserie, die in den Weihnachtsferien ihren Höhepunkt blinder Zerstörungswut erreicht. Egal, ob Grund-, Werkreal-, Realschule oder Gymnasium, von den Fildern bis nach Stuttgart – die Täter schienen blindlings zuzuschlagen. „Randaliert wie verrückt“ – so hat es ein Polizeisprecher formuliert, als er vor einigen Wochen eine erste Bilanz der Serie zog, die erst mit der Festnahme im Januar 2026 endete. 250.000 Euro Schaden, Beute im Wert von etwa 20.000 Euro. Wer macht denn so was?
Zur Tatzeit waren sie 16, 16, 17 und 18 Jahre alt – die vier jungen Angeklagten, die sich am Dienstag vor dem Jugendschöffengericht des Amtsgerichts Nürtingen verantworten müssen. Die Vorsitzende Richterin Astrid Hagen schließt auf Antrag der Verteidigung die Öffentlichkeit nach Paragraf 48 des Jugendschutzgesetzes aus.
Dabei sind längst nicht alle Fälle der Serie angeklagt. In Stuttgart laufen noch Ermittlungen. Auf der Liste im Amtsgericht Nürtingen stehen 19 Fälle – und sie beginnen am 31. Oktober 2025 um 20.19 Uhr. Eine Werkrealschule in Leinfelden gilt als erster Tatort. Dort sind sie selbst Schüler gewesen. Aus Langeweile und weil’s kalt ist, brechen sie ein. Sie finden Bargeld – und damit Geschmack an den Beutezügen, die sie mit ihren Handys filmen. Von den Fildern mit Leinfelden-Echterdingen und Filderstadt geht es zu Schulen in Stuttgart-Süd, Degerloch, Vaihingen, Möhringen, Weilimdorf.
Von den ursprünglich vier Haftbefehlen ist zum Prozessauftakt am Dienstag zunächst nur einer noch in Vollzug. Ein 16-Jähriger, der offenbar mehr auf dem Kerbholz hat, wird in Handschließen vorgeführt. Seine U-Haft währt fast sechs Monate.
Bei den angeklagten Fällen geht es um 188.000 Euro Schaden. Warum das alles? Wenn man nichts gefunden habe, sei man eben wütend gewesen, ist zu hören. Denn manchmal gab es wahre Geldbündel, haufenweise Fünfziger, wie in Handyfilmen dokumentiert ist. Insgesamt 7500 Euro Beute gab es in den angeklagten Fällen – und damit ein Leben in Saus und Braus.
Der Beutezug endet am späten Abend des 5. Januar 2026. Wieder ist das Gymnasium in Bernhausen im Visier. Zufällig macht der Hausmeister seine Runde – und entdeckt Licht im Gebäude. Die alarmierte Polizei umstellt das Areal und nimmt zunächst drei Täter fest – auch einen, der sich davonschleichen will. Der 18-Jährige wird von einem Polizeihund gebissen. Ein 16-Jähriger wird von der Besatzung eines Polizeihubschraubers auf dem Dach der Schule ausgemacht. Wütend reckt er sein Handy der knatternden Maschine entgegen, beschimpft sie unflätig.
Der 16-Jährige vom Dach – ein Unbelehrbarer. Er stand unter Bewährung, ist s vorbestraft – und auch für die Vorsitzende Richterin Astrid Hagen kein Unbekannter. Er wird zu einer Jugendstrafe von drei Jahren und acht Monaten verurteilt. Vom Gerichtssaal geht es hinter Gitter. In Haft geht auch der zweite 16-Jährige, er muss drei Jahre Haft verbüßen. Gegen die beiden zur Tatzeit 17 und 18 Jahre alten Angeklagten wird die Jugendstrafe von einem Jahr und neun Monaten zur Bewährung ausgesetzt. Was aus den anderen zumeist Stuttgarter Fällen resultiert, die noch nicht zu Ende ermittelt sind, das bleibt vorerst offen.
