Am 1. September wird Kaiser Otto I. im Magdeburger Dom beigesetzt – erneut. Seit 2025 war an seinen Gebeinen geforscht worden. Archäogenetische Analysen ergaben, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit tatsächlich um die Gebeine des 973 gestorbenen Kaisers handelt. Was noch dabei herausgekommen ist: dass Otto etwa 1,80 Meter groß war, in seinem Leben viel geritten ist, Hiebe auf den Kopf erhalten hat, sich von Getreide, Hülsenfrüchten, viel Fleisch und Süßwasserfisch ernährte und Karies hatte. Noch nicht ganz belegt ist, ob er blond war und ob er blaue Augen hatte.
Die AfD in Sachsen-Anhalt ist mit diesem Prozedere im Zuge der Grabrenovierung nicht einverstanden: Die „Reliquien der Nation“ seien „banaler Neugier“ ausgeliefert worden, meinte Hans-Thomas Tillschneider, kulturpolitischer Sprecher der Partei, anlässlich der Präsentation der Gebeine in der Universität in Magdeburg. Immerhin sei Otto der „Gründer des deutschen Reichs“ und damit die „Präfiguration unseres Staats“. Weshalb Tillschneider in einer Parlamentsdebatte gleich eine „Straße des Deutschen Reichs“ forderte – mit Stationen in Quedlinburg, Memleben und Magdeburg.
„Der Geist von Memleben“, so der SPD-Abgeordnete Andreas Schmidt, „lacht über Sie“. Die Rede zur Neu-Beisetzung Ottos I. eine Woche vor der Wahl in Sachsen-Anhalt hält Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos). Dieser hat anlässlich des 65. Jahrestags des Mauerbaus gerade vor „Geschichtsvergessenheit“ gewarnt.
„Autokratische Bestrebungen gründen auf falschen Geschichtsbildern“, hat der Archäologe Harald Meller, der die Gebeine Ottos I. untersucht hat, konstatiert. Um das zu sehen, muss man nicht nach Sachsen-Anhalt schauen und sich auch nicht an die berüchtigte „Fliegenschiss“-Bemerkung von Alexander Gauland erinnern. Auch die Tatsache, dass das Bauhaus nach Ansicht der AfD wegen zu großer Internationalität und Moderne nicht mehr in das AfD-Geschichtsbild eines „deutsch Denkens“ passt, zeigt, wie sehr Geschichte zur Identitätskonstruktion genutzt wird. Auf der anderen Seite sind die Vergleiche mit dem Ende der Weimarer Republik und dem Aufstieg der NSDAP allgegenwärtig, wenn es um den Umgang mit der AfD geht.
Geschichte ist zum Kampfplatz autoritärer Kräfte geworden: In den USA ficht Donald Trump einen absurden Kampf mit einem Geschichtsmuseum wie dem Smithsonian Institute in Washington aus, weil es das „unvergleichliche Erbe unserer Nation“ nicht angemessen präsentiere. Jetzt soll es Warnschilder vor dem Haus geben. In Russland tut Putin alles dafür, den Zusammenbruch der Sowjetunion als große historische Katastrophe darzustellen und Josef Stalin – ein paranoider Diktator, dessen Säuberungen Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind – als glorreichen Helden zu rehabilitieren. Kritische Organisationen wie die Menschenrechtsorganisation Memorial sind verboten.
Was dagegen hilft? Historisches Interesse in der breiten Bevölkerung. Guter Geschichtsunterricht in den Schulen. Eine auskömmliche Ausstattung und garantierte Unabhängigkeit der Universitäten. Und Geschichtsmuseen und Gedenkstätten, die vor Eingriffen, Anfeindungen und Einsparungen geschützt werden. Allein, dass das Deutsche Historische Museum in Berlin bis auf Weiteres geschlossen ist, ist in dieser Hinsicht ein fatales Zeichen. In geschichtsrevisionistischen Zeiten schlägt die Stunde der Wissenschaft. „Was eine ideologische Geschichtserzählung hasst, sind Fakten“, hat der Archäologe Harald Meller unlängst in einem Interview gesagt. Es ist unser aller Verantwortung, dass die Fakten sichtbar bleiben.
