Stuttgart

Frust als Feature: Spiel über den S-21-Fernwanderweg

Ein Videospiel macht den langen Fußweg durch Stuttgarts Bahnhofs-Tunnel zwischen Gleisen und Stadt erlebbar. Was Entwickler Willi Schorrig dabei antreibt und warum ein Happy End ausbleibt.

Stuttgart - Über den langen provisorischen Fußgängertunnel zwischen der Stuttgarter Innenstadt und den Gleisen des Hauptbahnhofs ist schon viel gespottet worden. Ein „Fernwanderweg“ sei er, der Weg zu den Gleisen beim Milliardenprojekt Stuttgart 21. Jetzt soll ein Videospiel den Gang durch den Tunnel erlebbar machen. Es geht um Zeit und Verzweiflung, Frust und Ärger – und zumindest die Demo verspricht kein Happy End, realistisch klingende Lautsprecherdurchsagen inklusive.

Immer der Karotte nach

„Man soll Spaß haben dabei und man soll sich auch ärgern“, sagt Willi Schorrig, Entwickler von „S 21 – The Game“. Er kennt den Weg durch den rund 350 Meter langen Tunnel aus eigener Erfahrung: Seit Jahren läuft er die Strecke mehrmals in der Woche. „Da ist mir die Idee gekommen, dass man das auch perfekt als Spiel umsetzen könnte: Man hat quasi immer diese Karotte vor der Nase und läuft immer weiter und weiter“, sagt der 32-Jährige über das Spiel, über das mehrere Medien bereits berichtet haben.  Sinnbildlich sei das für das Bauprojekt: „Erst heißt es, es wird nächstes Jahr fertig, dann in vier Jahren, dann in zehn Jahren. Man wird immer wieder vertröstet.“

Bis zu zehn Minuten kann es dauern, um von den Gleisen durch den Tunnel zu kommen. Ziel des Spiels ist es, innerhalb von 20 Minuten Gleis 9 zu erreichen. Klingt großzügig – allerdings bremsen Hindernisse den Weg durch den dämmrig beleuchteten, menschenleeren Tunnel immer wieder aus. „Am Anfang will man noch seinen Zug bekommen, am Ende will man nur noch aus dem Tunnel heraus“, beschreibt Schorrig, dessen Büro „Hanging Gardens Interactive“ den sogenannten Walking Simulator entwickelt.

Der Weg durch die Gänge scheint im Spiel kein Ende zu nehmen. „Falls Sie denken: Der Weg dauert unendlich lang – das stimmt nicht“, tönt es passend dazu aus den Lautsprechern. Auf einem Smartphone ist die Abfahrtszeit des Zuges zu erkennen – und die verbleibende Zeit wird immer kürzer. Die Demo endet, wie Kritiker es von Stuttgart 21 vielleicht erwarten könnten: Der Spieler steht vor einer Betonmauer und muss frustriert umkehren. „Das hier wird niemals enden“, knarrt die Stimme aus dem Lautsprecher. Im schönsten Bahn-Sprech folgt: „Wir bitten um Entschuldigung.“

Schorrig zeigte seine Idee zunächst nur ein paar Leuten. „Am Anfang gab es nichts in diesem Tunnel, nur die Aufforderung, weiterzulaufen“, erzählt er. „Die ersten Testerinnen und Tester haben lauthals gestöhnt, sind aber trotzdem lange durch den Gang gelaufen. Immer in der Annahme, dass da noch etwas kommt.“ Es gehe um dieses Gefühl: „Vielleicht kommt ja noch etwas. Vielleicht ist es ja wirklich gleich fertig.“

Auftritt auf der Gamescom

Der Hype um „S 21 – The Game“ habe sein Team sehr überrascht, räumt Schorrig ein. In diesen Tagen will er die Idee auf der Gamescom in Köln vorstellen – dem weltweit größten Event für Computer- und Videospiele. „Wir wollen mit einem vollwertigen Spiel auf den Markt gehen und dafür brauchen wir Partner.“ Bislang ist eine Demo-Version auf der Plattform Steam zu finden. 

Inzwischen tüfteln Schorrig und sein Team weiter. Geplant sei, Ideen erster Nutzer umzusetzen. „Wir bekommen unendlich viel Feedback und Vorschläge, was wir noch einbauen sollen“, sagt der 32-Jährige. Für die Vollversion ist eine mehrere Stunden umspannende Story geplant. In einem Punkt ist er sich schon heute sicher: „Wir werden auf jeden Fall vor Stuttgart 21 fertig.“

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