Stuttgart - Nach 60 Stunden Kampf gegen die Flammen meldet die Stuttgarter Feuerwehr am Montagmorgen „Feuer aus“. Während der Sachschaden am Großmarkt Stuttgart in die Millionen geht, versuchen die betroffenen Händler und Erzeuger, die Folgen der Brandnacht zu bewältigen.
Hinter den Kulissen der Katastrophe spielten sich am Wochenende dramatische Szenen ab: Während ein Beerenproduzent seine Ware in einer nächtlichen Aktion retten konnte, musste ein anderer zusehen, wie tonnenweise Frischgemüse hinter den Absperrungen festsaß.
Wie Händler die Brandnacht meisterten
Als Daniel Schmid am späten Freitagabend die Nachricht vom Großbrand auf dem Stuttgarter Großmarkt erreichte, war er eigentlich auf einer Geburtstagsfeier. Doch für den Geschäftsführer der Sonnenland Schmid KG aus Waiblingen im Rems-Murr-Kreis war die Party sofort beendet.
Sein Betrieb, ein Spezialist für Beeren und Gemüse, stand vor einem logistischen Albtraum. Ein vollbeladener Lkw mit 3,5 Tonnen hochempfindlicher Ware – Erdbeeren, Himbeeren, Kirschen und Heidelbeeren im Wert von bis zu 20.000 Euro – war bereits auf dem Weg nach Stuttgart-Wangen.
Wie jede Nacht wollte Verkaufsleiter Mircea Pavel die Ware auf dem Großmarkt abladen, von 1.30 bis 7 Uhr morgens an Einzelhändler, Wochenmarkthändler und Feinkostgeschäfte verkaufen. „Um 1 Uhr nachts kam unser Fahrer am Großmarkt an, doch es gab kein Durchkommen mehr. Alles stand lichterloh in Flammen und war weiträumig abgesperrt“, berichtet Schmid.
Verkauf vom Lkw runter
Was folgte, war eine Meisterleistung in Sachen Improvisation. Während die Feuerwehr gegen das Flammenmeer kämpfte, eröffnete sein Verkaufsleiter Mircea Pavel kurzerhand einen Behelfsmarkt auf einem Parkplatz vor dem Gelände. „Dort hat er die Kunden bedient und einige Paletten direkt vom Lkw umgeladen“, so Schmid.
Doch für einen Teil der Ware brauchte es eine andere Lösung. Beeren sind extrem verderblich; ein Wochenende im Kühlhaus hätte massive Qualitätsverluste bedeutet. Schmid und sein Team griffen zum Smartphone. Per WhatsApp wurden Kunden informiert, dass die Ware an diesem Samstag direkt auf dem Hof in Waiblingen abgeholt werden müsse.
Einer der Empfänger war Peter Gögelein von der „StuifenKiste“ in Waldstetten im Ostalbkreis – einem kleinen Regionalladen, der rund 300 lokale Produkte anbietet und etwa 60 davon selbst herstellt, darunter Fruchtaufstriche und Marmeladen.
Um 5.30 Uhr morgens erreichte ihn die Whatsapp-Nachricht: „Wir sind in Not, könnt ihr Beeren gebrauchen?“ Gögelein zögerte nicht lange. „Normalerweise verarbeiten wir Himbeeren für unsere Fruchtaufstriche erst im August. Aber in so einer Situation hilft man sich natürlich gegenseitig“, sagt er.
Seine Frau setzte sich sofort ins Auto. Den restlichen Samstagvormittag kochte das Team der StuifenKiste 16 Kilo Himbeer-Gsälz. „Wir konnten so zumindest einen kleinen Beitrag leisten, damit diese tollen Lebensmittel nicht in der Tonne landen“, so Gögelein. Dank dieser schnellen Reaktionen konnte Schmid am Ende des Tages eine Bilanz ziehen, die an ein Wunder grenzt: „Unterm Strich ist bei uns fast nichts übrig geblieben. Der Verlust lag trotz dieser Notsituation faktisch bei Null.“ Doch nicht alle Händler hatten so viel Glück. Während Schmid seine Ware noch „vor“ dem Tor abfangen konnte, war das Obst und Gemüse von Dieter und Bärbel Clauss und ihrem Team vom Eglisenhof aus Esslingen bereits in der Falle.
„Wir liefern unsere Ware am Freitagabend gegen 20 Uhr an, damit nachts alles für die Kunden bereitsteht“, erklärt Bärbel Clauss. Als der Brand gegen 22 Uhr ausbrach, befanden sich ein bis zwei Lkw-Ladungen voll mit frischen Salaten, Blumenkohl, Rettich und Kräutern bereits in der Erzeugerhalle. Diese blieb zwar vom Feuer verschont, war aber aus Sicherheitsgründen für niemanden mehr zugänglich.
„Mein Mann kam um 1 Uhr nachts mit der letzten Ladung an und stand vor der verschlossenen Pforte. Wir konnten weder an unsere bereits deponierte Ware ran, noch konnten die Kunden zu uns“, berichtet Bärbel Claus. Die Folge: Der wichtige Samstagshandel fiel komplett aus.
Erst am Samstagmittag gegen 13 Uhr – als der Marktbetrieb normalweise längst beendet ist – durften die Händler wieder zu ihren Ständen. Den genauen Schaden kann Clauss noch nicht beziffern. Doch sie sagt: „Wir sind froh, dass unsere Halle nicht betroffen war. Wenn die auch noch abgebrannt wäre, wäre es wirklich für uns Erzeuger noch viel schlimmer geworden.“
Am Montagmorgen um 9 Uhr konnte Feuerwehrsprecher Daniel Anand schließlich die ersehnte Meldung verbreiten: Der Brand ist nach rund 60 Stunden endgültig gelöscht. Rund 350 Einsatzkräfte waren insgesamt beteiligt.
Während die Brandermittler nun versuchen, die Ursache für das verheerende Feuer in der Lagerhalle im hinteren Bereich des Areals zu finden, läuft der Betrieb für 95 Prozent der Händler wieder an. Doch die emotionale Belastung und der Geruch von Rauch hängen noch immer über den Ständen.
