Stuttgart

Blinde Flecken in der Landwirtschaft

Die Verbände überlassen den öffentlichkeitswirksamen Kampf gegen die Erderwärmung allzu oft anderen.

Überraschend kommt es nicht mehr: Hitze und Wassermangel haben im Südwesten zu Futterknappheit und Ertragseinbußen geführt; viele Betriebe haben finanzielle Probleme. Weil draußen kaum etwas wächst, verfüttern Rinderhalter bereits das ohnehin knappe Winterfutter. Verbände rufen nach Krisenhilfe im Klimawandel; das ist berechtigt. Beim Blick auf Ursachen und Folgen zeigen sie aber erstaunliche blinde Flecken.

Landwirtschaft ist nicht irgendein Geschäftsmodell, das der Markt dem Niedergang überlassen könnte. Gerade bei Nahrungsmitteln muss die Allgemeinheit Interesse an einem möglichst hohen Selbstversorgungsgrad haben. Baden-Württembergs kleinteilige Agrarstruktur erhält eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft mit Vorteilen für Artenvielfalt und Tourismus. Viele Leistungen werden deshalb gefördert.

Aus den gleichen Gründen ist es richtig, der Branche in der aktuellen Lage zu helfen. Schon im Juli wies das Ressort von Landes-Agrarministerin Marion Gentges (CDU) darauf hin, stillgelegte Flächen könnten wieder genutzt werden. Das Land bezuschusst Futterzukäufe und ermöglicht Öko-Betrieben, mit konventionellem Futter zu überbrücken.

Das entspricht vielen Forderungen des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbandes (BLHV) und des Landesbauernverbandes (LBV). Vom Bund verlangen sie zudem mehr Düngemittelhilfen, Liquiditätszuschüsse, günstigeren Diesel und die Stundung von Steuervorauszahlungen.

Solche Maßnahmen helfen, eine einmalige Krise zu überstehen. Zu einer dauerhaften Stabilisierung der Branche tragen sie aber nicht bei. Beide Organisationen betonen, dass Wetterextreme künftig häufiger auftreten werden. Trotzdem fordern sie von der Politik vor allem, was ein Weiter-so unterstützt – Hilfe bei Versicherungen und Risikorücklagen. Das ist zu wenig.

Dieser Sommer zeigt, dass Landwirte im Kampf gegen Dürre, Starkregen und ihre Folgen grundsätzlicher gebraucht werden. Wenige Berufsstände verfügen über ein so tiefes Wissen über Böden und ihrer Wasserspeicherfähigkeit, über Frucht- und Schnittfolgen. Viele Bauern beschäftigen sich längst mit Humusaufbau, Erosionsschutz, Wasserrückhalt. Wer unter Klimaanpassung vor allem Bewässerung versteht, nutzt diese Expertise nicht ausreichend.

Die regulierende Wirkung funktionierender Ökosysteme ist unstrittig. Künftig wird es entscheidend sein, Wasser stärker in der Landschaft zu halten: Flüsse naturnäher zu gestalten, Moore wieder zu vernässen, Böden zu entsiegeln. Wer, wenn nicht Land- und Forstwirte, sollte hier eine Schlüsselrolle einnehmen? Sie haben das Wissen und den größten direkten Nutzen von einer gesunden Umwelt.

Umso erstaunlicher ist manchmal das Verhalten ihrer Verbandsvertreter. Während politisches Nachdenken über den Agrardiesel vor gut zwei Jahren zu Demonstrationen mit großem Gerät führte, überlässt man den öffentlichkeitswirksamen Kampf gegen die Erderwärmung traditionell anderen. LBV-Präsident Joachim Rukwied forderte im März sogar eine Aussetzung der CO2-Abgabe für alle Wirtschaftsbereiche. Dabei bedroht der Klimawandel die Geschäftsgrundlage der Bauern ganz unmittelbar.

Die Anpassung der Kulturlandschaften an künftige Klimaverhältnisse ist im öffentlichen Interesse; eine kluge Förderpolitik könnte daraus ein Geschäftsmodell machen. Die Gemeinsame Agrarpolitik der EU nach 2027 wird einen Fokus auf Klimaanpassung und Resilienz legen. Bei den Vorbereitungen sollten die Verbände nicht nur Versicherungsfragen im Blick halten, sondern auch den Erhalt einer Umwelt, in der eine vielfältige Landwirtschaft möglich bleibt.

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