Stuttgart

Bezahlen im Bus geht nicht mehr: Rentner kritisiert SSB

In SSB-Bussen gibt es Tickets nur noch bargeldlos. Für viele ist das kein Problem. Doch ein 87-Jähriger aus dem Dachswald zeigt, wen die Umstellung im Alltag trifft.

  • Georg Matischiok mit seiner Betreuerin Margarete an der Bushaltestelle Dachswald. Dort gibt es keinen Fahrkartenautomaten.Foto: Steegmüller

    Georg Matischiok mit seiner Betreuerin Margarete an der Bushaltestelle Dachswald. Dort gibt es keinen Fahrkartenautomaten.Foto: Steegmüller

Stuttgart - In den Bussen der Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) können seit dem 30. Juli Fahrscheine nicht mehr mit Bargeld gekauft werden. Die Umstellung soll den Einstieg beschleunigen und Haltezeiten verkürzen. Arbeitsschritte wie Abrechnung, Verbuchung und Transport des Bargelds entfallen. Dadurch will das Verkehrsunternehmen knapp eine Million Euro pro Jahr sparen.

Nach Angaben der SSB spielte die Barzahlung in Bussen zuletzt nur noch eine geringe Rolle. Sie macht nicht einmal ein Prozent des mit Tickets erwirtschafteten Umsatzes aus und wurde zuletzt kaum noch genutzt. „Außerdem verfügen laut der Bundesbank rund 97 Prozent der Bevölkerung über eine Bankkarte“, so eine Unternehmenssprecherin. Für Georg Matischiok aus dem Dachswald ist die Abschaffung jedoch kein Randproblem. Er hält die neue Regelung für alltagsfern und fühlt sich ausgegrenzt.

Der 87-Jährige verlässt seine Wohnung nur selten. Mit seinem Rollator kann er nur wenige Schritte gehen, ansonsten ist er seit drei Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen. Einkäufe erledigen Betreuerinnen, die im Wechsel bei ihm wohnen. Dazu fahren sie mit dem Bus nach Vaihingen. „Bislang haben sie einfach beim Fahrtantritt mit Bargeld, das ich ihnen gegeben habe, einen Fahrschein gekauft. Das geht nun nicht mehr“, sagt Matischiok.

Der Kauf der Vierer-Tickets ist „eine kleine Expedition“

Derzeit setzt er auf Vierer-Tickets. „Sie stellen aber keine gute Lösung dar. Weder im Dachswald noch an den sieben Stationen bis zum Vaihinger Rathaus gibt es einen Automaten.“ Mögliche Alternativen wären der S-Bahn-Halt an der Universität oder die Stadtbahn-Haltestelle Waldeck in Kaltental. „Das ist für uns schon eine kleine Expedition“, so Matischiok. „Und auch Kurzstrecken-Tickets und Tages-Tickets sind für Barzahler nicht mehr möglich, wenn nicht zufällig ein Automat an der Bushaltestelle steht.“ Seine derzeitige Betreuerin Margarete bezeichnet die Abschaffung der Barzahlung im Bus als „idiotisch“. Es sei so einfach gewesen: „Bezahlen und fahren.“ Die Bankkarte von Georg Matischiok wolle sie nicht nutzen. „Das ist mir unangenehm.“ Mit Handy-Tickets könne sie nichts anfangen.

Dass seine Betreuerinnen das Ticket mit ihrer EC-Karte bezahlen und sich das Geld von ihm bar geben lassen, hält Matischiok für wenig praktikabel. Sie würden aus einfachen Verhältnissen stammen, meist aus Polen, und hätten weder Online-Banking noch eine eigene Bankkarte. Hinzu kämen mögliche Umrechnungen und Gebühren bei Auslandszahlungen.

Pro Woche benötigt Matischiok zwei Vierer-Tickets. Selbst wenn er sich einen Vorrat anschafft, muss er regelmäßig für Nachschub sorgen. Sie online zu bestellen und sich zuschicken zu lassen, ist nicht möglich. „Und wenn wir mal kein Vierer-Ticket mehr haben, soll meine Betreuerin dann schwarz zu einem Automaten fahren oder ich ein Taxi nehmen? Es ist einfach nur umständlich.“ „Wenn ein Lokal schreibt, dass es kein Bargeld annimmt, dann muss ich das akzeptieren und woanders hingehen. Aber ich kann nicht auf ein anderes Busunternehmen setzen.“ Trotz Kapitalgesellschaft hätten die SSB auch etwas Gemeinnütziges. Schließlich werde das Unternehmen von der Stadt bezuschusst – jährlich mit rund 100 Millionen Euro. „Dann durch Ausgrenzung schutzbedürftiger Gruppen eine Million Euro zu sparen, ist unsensibel und inakzeptabel“, sagt der 87-Jährige. Das Argument, ohne Barzahlung Haltezeiten zu verkürzen, ergebe auch keinen Sinn. „Denn angeblich wird diese Zahlungsmöglichkeit ja kaum genutzt.“

Er fordert, dass sich der Gemeinderat und der SSB-Aufsichtsrat dafür einsetzen, auch künftig Barzahlung in Bussen zu ermöglichen. „Ich bin ja nicht der einzige Betroffene. Die Digitalisierung ist wichtig, sie darf jedoch nicht dazu führen, dass einzelne Bevölkerungsgruppen unnötig benachteiligt werden“, sagt Matischiok, der eine klare Positionierung von CDU, SPD und Grünen fordert.

Im Grundsatz tragen diese drei Parteien die Abschaffung der Barzahlung im Bus mit, betonen aber, dass dadurch niemand ausgeschlossen werden dürfe. „Mobilität ist Teilhabe, und wir haben nichts gewonnen, wenn Menschen nicht mehr von A nach B kommen“, sagt die SPD-Stadträtin Lucia Schanbacher. „Das wäre eine katastrophale Entwicklung. Aber so ist es nicht.“ Sie verweist auf das Vierer-Ticket und bringt zusätzlich eine aufladbare Bezahlkarte ins Spiel. Sie gibt es seit Jahren in Städten wie Tokio oder Paris. Denkbar sei außerdem, dass einzelne Gruppen wie Kinder oder Rentner kostenlos mit dem Bus fahren dürfen.

Der CDU-Stadtrat Jürgen Sauer hält den Vorratskauf von 4er-Tickets ebenfalls für eine praktikable Lösung. Der Christdemokrat mahnt an, ältere Menschen, Gelegenheitsfahrgäste und andere Betroffene besonders im Blick zu behalten. Björn Peterhoff, Fraktionsvorsitzender der Grünen, unterstützt die Umstellung vor allem mit Blick auf die angespannte Finanzlage. Er pocht aber auf eine enge Begleitung der SSB in der Übergangsphase.

Die SSB verspricht, Fahrgäste mit Hinweisen in Fahrzeugen, an Haltestellen und in den Kundencentern zu unterstützen. Nach Angaben des Unternehmens nutzen die meisten Fahrgäste Abos, digitale Tickets oder stationäre Automaten – im SSB-Netz gibt es 390, im gesamten VVS-Gebiet 700 Automaten. Weitere Möglichkeiten, die den Ticketkauf erleichtern, will das Verkehrsunternehmen aber prüfen.

Datenschutz-Einstellungen