Stuttgart - Deutlich mehr Personen als erwartet sind am Sonntagnachmittag in Stuttgart dem Aufruf der Frauenorganisation Zora gefolgt und haben sich der Demonstration in der Innenstadt angeschlossen. Gerechnet hatte die Gruppierung, die sich für mehr Schutz für Frauen vor „patriarchaler Gewalt“ starkmacht, mit maximal rund 100 Teilnehmenden, wie eine Sprecherin von Zora vor Beginn der Veranstaltung erklärte. Tatsächlich waren es nach Angaben der Pressestelle der Stuttgarter Polizei zwischen 150 und 200 Teilnehmende.
Harsche Kritik an Kürzungen bei Frauenhäusern
Nach einer Auftaktkundgebung auf dem Schlossplatz zogen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die Theodor-Heuss-Straße und die Heilbronner Straße zum Einkaufszentrum Milaneo, wo am 23. Juli laut Polizeiangaben ein 54-jähriger Mann seine 47-jährige Ehefrau zuerst mit Messerstichen verletzte und sie anschließend anzündete.
Wie die Zora-Sprecherin im Rahmen der Kundgebung erklärte, sei es wichtig zu zeigen, dass es sich bei dem Angriff im Milaneo „nicht um einen Einzelfall handelt“. „Femizide“, sagte sie, „haben System in Deutschland“. Die Gewalt gegen Frauen gehe auf ein weitverbreitetes Verständnis unter Männern zurück, wonach „ein Besitzanspruch auf Frauen“ bestehe. Die Organisation fordert, dass der Femizid, also ein Tötungsdelikt, bei dem Frauen vom Ex-Partner oder Partner getötet werden, als eigener Straftatbestand ins Strafgesetzbuch aufgenommen wird.
Barbara Geisel vom Stuttgarter Ableger des Frauenverbands Courage kritisierte konkret die Stadt Stuttgart, dass trotz wiederkehrender Angriffe auf Frauen finanzielle Mittel für Frauenhäuser und Beratungsstellen gekürzt würden. Geisel sieht ein „reaktionäres Frauenbild“ auf dem Vormarsch, „das die AfD mit prägt“.
Auch Ina, ihren Nachnamen nennt sie nicht, eine Sprecherin des Frauenkollektivs Stuttgart, spricht von einer Gesellschaft, die den Hass auf Frauen kultiviere. „Aussagen, wie solche, dass Frauen zurück an den Herd sollen, gehören mittlerweile zum guten Ton konservativer und rechter Politiker“, sagte sie. In diesem Zusammenhang kritisierte die Sprecherin auch Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper, der mit dem Slogan „Schaffen statt gendern“ in den Wahlkampf gezogen sei oder „Kritik an frauenfeindlichen Bildern auf dem Wasen als Tradition abtat“. Ebenso scharf wurde auf der Demo verurteilt, dass die Debatte vielfach für rassistische Hetze missbraucht werde. Wie die Sprecherin des Frauenkollektivs Stuttgart weiter erklärte, gebe es einen „Nährboden“, auf dem sich gewalttätige Männer im Recht sähen. Deshalb könnten auch Polizei und Justiz nicht dabei helfen, zukünftige Femizide zu verhindern. „Das Morden geht einfach weiter“, so die Sprecherin.
Die Frauenorganisation Zora hält Protest weiterhin für wichtig
Der Veranstalter der Demonstration, die Frauengruppierung Zora, beschreibt sich selbst als „junge Frauenorganisation“, die „antikapitalistisch, internationalistisch und antifaschistisch“ sei. Sie hatte auch kurz nach der angeblich versuchten Vergewaltigung einer 16-Jährigen am Charlottenplatz eine Protestveranstaltung organisiert. Ende der Woche hatte die junge Frau dann einräumen müssen, das Geschehen vorgetäuscht zu haben.
Angesprochen auf diesen Fall, erklärte die Zora-Sprecherin, dass vorgetäuschte Vergewaltigungen wie diese sehr selten seien. „Unsere Politik rund um den Fall und die Demo, die wir dafür gemacht haben, sind trotzdem aktuell“, betonte sie und verwies auf einen bislang ungeklärten sexuellen Übergriff auf eine 14-Jährige am Charlottenplatz im Oktober vergangenen Jahres. Wie die Polizei mitteilte, kam es bei der Kundgebung und dem anschließenden Demonstrationszug am Sonntag zu keinerlei Zwischenfällen.

