Stuttgart - In nur einer Sitzung und damit ohne die übliche Vorberatung wollte die Stadtverwaltung am Freitag den Abriss und den 500 Millionen Euro teuren Neubau der Schleyerhalle durch zwei Ausschüsse des Gemeinderates beschließen lassen. Mit dieser überfallartigen Strategie sind der zuständige Bürgermeister Thomas Fuhrmann (CDU) und der neue in.Stuttgart-Chef Guido von Vacano als Hallenbetreiber gescheitert. Die Fraktionen von Grünen, SPD/Volt, Linke/SÖS/Tierschutz und die Gruppe Puls bestehen auf dem üblichen Beratungsgang - mitsamt der Beteiligung des Bezirksbeirats Bad Cannstatt. Und sie fordern deutlich mehr Informationen über das Mega-Projekt.
Bereits Ende 2023 war der Neubau nicht öffentlich im Aufsichtsrat der Hallengesellschaft besprochen worden. Danach wurde verwaltungsinterner Streit offenkundig, öffentlich beraten wurde das Thema nie. Differenzen gebe es nicht, versicherten Fuhrmann sowie Bau- und Umweltbürgermeister Peter Pätzold (Grüne) am Freitag. Man sei sich „lediglich bei einigen Aufgaben noch nicht ganz einig“, so Pätzold. Im Nachsatz kassierte er den von Fuhrmann vorgestellten Zeitplan. Der weist den Betriebsstart im Neubau zum Jahreswechsel 2033/2034 aus. „Das wird so nicht funktionieren“, sagte Pätzold, da man einen neuen Bebauungsplan benötige. Bei der Aussage „wir brauchen eine Halle“ verzichtete er auf den Zusatz „neue“.
Sanierung angeblich unwirtschaftlich
Für Fuhrmann, die CDU-Fraktion, Freie Wähler und FDP und wohl auch die AfD ist ein Neubau unstrittig, allerdings sehen ihn die Liberalen nicht zwingend als Ersatz im Neckarpark, sondern eher auf Ackerflächen in Möhringen nördlich des SI-Centrums. Beim Markterkundungsverfahren, mit dem man einen potenten Investor finden will, solle man diesem die Möglichkeit geben, einen Standort seiner Wahl zu bestimmen, so Eric Neumann. Für die CDU ist die alte Halle „am Ende“, sagte Nicole Porsch, der Neubau sei ihrer Fraktion „ein Herzensanliegen“. Eine 150 Millionen Euro teure Sanierung der alten Halle sei unwirtschaftlich, so Fuhrmann, die Haushaltslage zwinge die Stadt dazu, einen Investitionspartner zu suchen. 500 Millionen Euro würden für eine bei der Platzzahl leicht größere (16.000 statt heute 15.500), vor allem aber höhere (33,5 Meter) Halle nötig. Für alternativ 19.000 Plätze geben Verwaltung und das Beratungsunternehmen EY keinen Preis an. Dann würde der Zuschuss von 150 Millionen (analog zu den Sanierungskosten), mit dem die Stadt lockt, aber nicht mehr ausreichen.
Andere Städte würden, so Fuhrmann, Stuttgart überholen, „wenn wir nicht vorankommen“. Genau genommen passiert das schon, denn in Frankfurt (städtisch) und München (mit Investor Live Nation) soll gebaut werden, an der Isar für 20.000 Zuschauer. Die Lage werde für Stuttgart „nicht einfacher“, sagte Fabian Schuster, der Partner bei der EY Real Estate GmbH ist. Das Unternehmen soll die Stadt bei der Markterkundung beraten. Letztlich, so Puls-Stadtrat Thorsten Puttenat, gebe es nur vier große internationale Anbieter, die eine solche Aufgabe übernehmen könnten. Mit Blick auf die Konkurrenz in München sei es möglich, dass „dieser große Traum nicht in Erfüllung geht“. Um das zu erfahren, brauche man die Markterkundung, so Fuhrmann. Mitte 2025 war er nach Manchester geflogen, um die Oak View Group (Denver, Colorado), die dort die Coop-Live-Arena für 23.500 Zuschauer gebaut hat, für ein Engagement in Stuttgart zu begeistern. Dieser Investor hat bisher nicht angebissen, Live Nation baut in München.
Wie lukrativ der Betrieb einer neuen Arena sein könnte, ist unklar. Klar ist, dass der Investor einen Eigenanteil von 150 Millionen Euro bringen und Banken 150 bis 200 Millionen Euro an Krediten zuschießen sollen. Der Investor erhalte einen Gewinn, der Betrieb muss Zins und Tilgung und einen Erbpachtzins für das städtische Grundstück erwirtschaften. In.Stuttgart solle den operativen Betrieb übernehmen, der Investor Top-Acts vermitteln sowie die Vermarktung und die Rechte für die VIP-Bereiche erhalten. So steht es in einer Grafik, die Fabian Schuster am Freitag den Stadträten zeigte. In den Vorlagen fehlte das aufschlussreiche Schaubild.
Einblick in Studien gefordert
„Dass der Investor bezahlt und in.Stuttgart sagt, was in der Halle stattfindet, wird nicht funktionieren“, so Tillmann Bollow (Volt), der Mitglied des in.Stuttgart-Aufsichtsrates ist. Studien zur Teil- oder Komplettsanierung der Halle habe er bisher nicht gesehen. Er forderte, diese dem Aufsichtsrat zur Verfügung zu stellen. Für Fuhrmann geht man mit dieser und der Frage von Björn Peterhoff (Grüne) nach dem Verkehrs- und Energiekonzept „viel zu sehr ins Detail“. Aus Sicht der Linken, die vor dem Sitzungssaal eine Mini-Demo gegen den Neubau zelebrierte, sind Investoren-Planspiele unnötig. Abriss und Neubau werde man nicht zustimmen, so Johanna Tiarks, Schulsanierungen, der Kita-Ausbau und anderes geht für die Linke vor.
Ob der Gemeinderat vor der Sommerpause den Beschluss für das Markterkundungsverfahren fasst, ist unklar. Zumal dann, wenn wegen des Abrisses der Bezirksbeirat Bad Cannstatt beteiligt werden muss. Fuhrmann setzt darauf, die entscheidende Abstimmung auf den 21. Juli terminieren zu können.
