Baden-Württemberg

Zum Arbeiten gekommen, zum Nichtstun verdammt

Eine Frau aus Myanmar kommt für eine Ausbildung zur Brillenfirma Lunor. Ein Arbeitsvisum liegt vor, das Unternehmen ist froh. Doch dann schaltet sich das Calwer Ausländeramt ein.

  • Das Visum sagt eigentlich alles.Foto: red/Wein

    Das Visum sagt eigentlich alles.Foto: red/Wein

  • So kompliziert wird das schon nicht sein, dachte Lunor-Geschäftsführer Ulrich Fuchs (rechts), als er Hin Wai Khaing (Mitte) einen Ausbildungsvertrag gab. Doch dann brauchte es doch die Unterstützung von Rechtsanwalt Ernst Dietzfelbinger.Foto: red/Wein

    So kompliziert wird das schon nicht sein, dachte Lunor-Geschäftsführer Ulrich Fuchs (rechts), als er Hin Wai Khaing (Mitte) einen Ausbildungsvertrag gab. Doch dann brauchte es doch die Unterstützung von Rechtsanwalt Ernst Dietzfelbinger.Foto: red/Wein

Es ist der 27. Januar, als King Wai Khaing in Rangun das Flugzeug besteigt. In der Tasche hat sie ein Visum der deutschen Botschaft. „Gültig zur Berufsausbildung“, steht darauf. Doch was die deutsche Botschaft auf ein Visum schreibt, ist das Eine. Ob eine deutsche Ausländerbehörde auch danach handelt, ist das Andere. Das hat die 41-Jährige aus Myanmar inzwischen lernen müssen. Es ist ein Lehrstück, wie schwer es die von der Wirtschaft so heiß ersehnten Arbeitsmigranten in Deutschland haben.

Denn Khaing ist kein Flüchtling. Beim Brillenhersteller Lunor in Bad Liebenzell will sie eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau aufnehmen. Den Geschäftsführer Ulrich Fuchs kennt sie. Vor drei Jahren hat sie ihn mit einer Reisegruppe zu den Tempeln und Pagoden des südostasiatischen Landes geführt. Doch seit dem Militärputsch 2021 ist der Tourismus zum Erliegen gekommen. Deshalb hofft sie auf einen Neustart in Deutschland. Die Sprache kann sie als Reiseleiterin schon. Zudem hat sie im vergangenen Jahr in Magdeburg einen Deutschkurs besucht. Schon da gab es Probleme: Für die Beantragung des Arbeitsvisums musste sie wieder ausreisen. Das Magdeburger Ausländeramt wollte es so.

„So kompliziert wird das nicht sein.“

Lunor hat illustre Kundschaft. Steve Jobs, der 2011 verstorbene Apple-Gründer, bezog seine randlose Brille von dem Unternehmen. Im Nordschwarzwald sucht es ständig nach geeigneten Mitarbeitern, nach Einkäufern, Werkstudenten fürs Marketing, Versandmitarbeitern und Kundenbetreuern für den internationalen Vertrieb. Insofern freute sich Fuchs über die Anfrage aus Fernost. „So kompliziert wird das nicht sein“, habe er sich gedacht. Auch er weiß es längst besser.

Denn für den Unternehmer überraschend versagte das Calwer Ausländeramt die Arbeitserlaubnis. Für die vorgeschaltete Einstiegsqualifizierung bis zum üblichen Ausbildungsbeginn im September fehle die Zustimmung der Arbeitsagentur, argumentiert die Behörde. Auch als Lunor einen neuen Ausbildungsvertrag mit Startdatum 1. März vorlegte, geschah erst einmal nichts. Wochenlang war Khaing ohne Arbeit, ohne Geld, ohne Versicherung.

Eine Schnecke ist schneller

Schließlich schalten Lunor und Khaing einen Rechtsanwalt ein. Ernst Dietzfelbinger kennt sich als Asylanwalt mit den Ausländerbehörden aus. „Dort wird bewusst rechtswidrig gearbeitet“, sagt er. Seine Erfahrung: „Wenn Sie als Betrieb Arbeitskräfte aus dem Ausland beschäftigen wollen, werden Sie es ohne Anwalt nicht schaffen.“

Im vorliegenden Fall vergingen noch mehrere Wochen, ehe die Ausländerbehörde ihren Fehler korrigiert. Die Arbeitserlaubnis könne jetzt erteilt werden, heißt es in einem Schreiben vom 2. Mai. Der Brief braucht vom Schreibtisch der Sachbearbeiterin zur Kanzlei jedoch neun Tage – „dabei gibt es auch E-Mail und ein elektronisches Postfach“, sagt Dietzfelbinger. „Eine Schnecke ist schneller.“ Die Kanzlei liegt 300 Meter entfernt.

Der Anwalt schaltet den OB ein

Den Termin beim chronisch unterbesetzten Ausländeramt gibt es aber auch jetzt frühestens Ende nächster Woche. So lange soll Khaing warten. Am Freitag lenkt das Amt dann doch noch ein. Die Arbeitsaufnahme werde sofort erlaubt. Zuvor hat Dietzfelbinger den Calwer Oberbürgermeister Florian Kling (SPD) in Kenntnis gesetzt und Regress gefordert. „Ohne Druck geht leider nichts.“

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