Baden-Württemberg

Wo der Lehrermangel am meisten drückt

Überraschung: Laut einer Umfrage unter Schulleitern ist die Unterrichtsversorgung im Land nicht schlechter als im Vorjahr. Wo Lehrermangel die heikelsten Folgen hat.

  • An vielen Schulen fehlen  Lehrkräfte.Foto: dpa/Bernd Weißbrod

    An vielen Schulen fehlen Lehrkräfte.Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Wie gut sind die Schulen in Baden-Württemberg ins neue Schuljahr gestartet? Kurz bevor es vor vier Wochen wieder losging mit dem Unterricht hatte Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) noch 565 unbesetzte Lehrerstellen an den 4500 Schulen im Land gemeldet. Einen Monat danach kommt eine Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) mit Rückmeldungen von mehr als tausend Schulleitern im Land im Blick auf die Unterrichtsversorgung in Baden-Württemberg zu einem überraschenden Ergebnis: Trotz stark gestiegener Schülerzahlen vor allem in den Grundschulen ist die Situation zwar weiter angespannt, aber nicht schlechter geworden als im Vorjahr. Das hat der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand in Stuttgart mitgeteilt.

Lücken im Lehrerzimmer

Einen Grund zur Entwarnung sieht Brand in den aktuellen Zahlen natürlich trotzdem nicht. Schule fängt aus seiner Sicht bei einer Vollversorgung mit Lehrerstellen erst an. Nur wenn Schulen mit 110 bis 130 Prozent des nötigen Personals versorgt seien, könnten Absenzen wegen Krankheit, Fortbildung, Sabbatical oder Schwangerschaft ohne Abstriche am Unterricht bewältigt werden. Dafür aber gibt es nicht genügend Lehrkräfte. So wie bereits in den Vorjahren ist die vom Kultusministerium vorgesehene Krankheitsreserve deshalb schon kurz nach Schulstart aufgezehrt, um die Grundversorgung der Schulen mit Lehrkräften zu sichern.

Bei der Umfrage hat der Verband sich auf Grund- und weiterführende Schulen (ohne Gymnasien) und Sonderschulen konzentriert. Jede freie Lehrerstelle konnte ausweislich der VBE-Umfrage nur jede dritte Grundschule im Land besetzen. In jeder zweiten Grundschule ist es schon in den ersten vier Wochen zu Unterrichtsausfällen gekommen. Jede zehnte hat Lücken von mehr als zehn Prozent. Allerdings: Im Vorjahr hatten 19 Prozent der Grundschulen so große Lücken.

Mit Personallücken von zehn Prozent hält der VBE-Chef Brand es für ausgeschlossen, den Regelbetrieb an Grundschulen zu stemmen. Allerdings ist „Regelbetrieb“ kein feststehendes, durch klare Kriterien definiertes Fachwort, sondern ein politischer Begriff. Zehn Prozent der Grundschulleiter haben bei der Umfrage, die nicht repräsentativ ist, angegeben, den Regelbetrieb aktuell nicht gewährleisten zu können.

Bei den weiterführenden Schulen bestätigt die aktuelle Umfrage laut Brand die Werte vom Vorjahr. Jede sechste Schule habe alle Lehrerstellen besetzt, jede zweite habe Lücken – noch größere Lücken. Jede fünfte weiterführende Schule gab an, den Regelbetrieb nicht leisten zu können.

Die besondere Notlage der Sonderschulen

Die größte Not herrscht laut Aussage des VBE-Chefs an den Schulen mit sonderpädagogischem Profil: Nur drei von 133 Teilnehmern hätten alle Lehrerstellen besetzt. Siebzig Prozent der Schulen fehlten mindestens zehn Prozent der Lehrer. Mehr als ein Drittel könne keinen Regelbetrieb stemmen und befinde sich „im Notbetrieb“. Dass immer häufiger Lehrende ohne Fachstudium eingesetzt werden, hält Brand bei Schulen mit sonderpädagogischem Profil für schwer akzeptabel. Gerade Kinder mit Beeinträchtigung benötigten voll ausgebildete Sonderpädagogen als Lehrkräfte. Angesichts der prognostizierten deutlich steigenden Schülerzahlen forderte Brand nicht nur einen konsequenten Ausbau der Studienplätze, sondern auch eine Kurskorrektur bei der Inklusion.

Aus seiner Sicht schwächt die Inklusion an den Regelschulen die Versorgung der Sonderschulen. Um effizienter mit Fachkräften umzugehen, schlug er vor, an Regelschulen mehr Außenklassen zu bilden und besondere Schwerpunktschulen für Inklusion einzurichten. Das sei nicht der Königsweg, aber ein pragmatischer Lösungsvorschlag für den noch wachsenden Personalmangel.

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