Es ist nichts Ungewöhnliches, dass Menschen nach Zuffenhausen strömen. Jetzt aber strömen viele nicht ins Porschemuseum, sondern in die Lorenzstraße, wo sich in einem Konsulatsgebäude das zentrale Wahllokal für die rund 150 000 wahlberechtigten türkischen Staatsbürger in Württemberg befindet. Die Autokennzeichen zeigen, wie groß das Einzugsgebiet ist: KN, TUT, GP, BK, WN, UL aber auch viel LB, ES und S. Es ist die letzte Möglichkeit, von hier aus seine Stimme für die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen abzugeben, die am kommenden Sonntag in der Türkei stattfinden.
Die Stimmen werden am Abend des 14. Mai ausgezählt
Der Andrang in der Lorenzstraße ist groß, wie schon in den Tagen zuvor. Seit dem 27. April können türkische Staatsbürger hier wählen gehen – und sie tun es ausgiebig. Bis 21 Uhr hat das Wahllokal geöffnet, dann werden in Zuffenhausen, wie in den anderen 15 zugelassenen Wahllokalen in Deutschland, die Stimmzettel verpackt und per Flugzeug in die Türkei gebracht, wo sie zusammen mit allen anderen Stimmen am Abend des 14. Mai ausgezählt werden.
Die rund 1,4 Millionen möglichen Stimmen aus Deutschland sind für den seit 20 Jahren regierenden Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und seine Partei AKP von großer Bedeutung. Traditionell stimmen die Auslandstürken mehrheitlich für Erdogan, der sich gern als Vaterfigur und Bewahrer der Heimat inszeniert. Bei der Wahl 2018 waren es rund 65 Prozent.
Warum wählen Leute, die in Deutschland geboren sind, Erdogan?
Ein Stimmungsbild am ersten Tag der Abstimmung bestätigte diesen Eindruck. Jetzt, am letzten Wahltag, sind vor dem von der Polizei gesicherten Wahllokal in Zuffenhausen auch viele andere Stimmen zu hören. „Erdogan muss weg!“, sagt ein Mittdreißiger aus Esslingen. Warum? „Menschenrechte!“, sagt er und wählt. Zwei Stuttgarterinnen, 40 und 41 Jahre alt, beide hier geboren, verstärken diese Stimme: „Uns geht es um die Menschenrechte“, sagen sie unisono. „Die Frauenrechte, die Pressefreiheit“, all das, was sie in der Türkei seit langem vermissen.
Doch auch in Deutschland, dem Land, in dem sie aufgewachsen sind, vermissen sie etwas: Zugehörigkeit. In Holland sei das zum Beispiel ganz anders. Dort würden sich Türken auch als Holländer fühlen. „Hier? Undenkbar!“, sagt die 41-jährige, die von rassistischen Erfahrungen mit der Ausländerbehörde berichtet. „Das ist einer der Gründe, warum auch viele der hier Geborenen Erdogan wählen.“ Dafür sei Deutschland mitverantwortlich. „Wir haben nicht das Gefühl, dazuzugehören“, sagt sie: „Danke, war schön, das mal loswerden zu können!“
Etwas loswerden, das will auch der 37-Jährige, der am Morgen in Spaichingen losgefahren ist, wo er seit seinem dritten Lebensjahr wohnt. Er weiß um die Mehrheitsverhältnisse hier und will mit seiner Stimme gegen Erdogan ein kleines Gegengewicht bilden. Er spricht leise, aber klar von den vielen Lügen, die Erdogan verbreite, von Hetze im Wahlkampf, von jahrelanger Propaganda, „die bei den Menschen tief sitzt“. Das alles erinnert ihn an Nazi-Methoden. Der junge Mann ist sich sicher: „Alles hat ein Ende. Auch Erdogan.“ Er freut sich darauf, „wenn wir endlich wieder atmen können“.
Drastisch drückt ein Sozialarbeiter aus Welzheim seine Erdogan-Ablehnung aus. Seit 40 Jahren lebt er hier, seine Familie hat kurdische und alevitische Wurzeln. „Wie die Nazis würden Erdogan und die Seinen herrschen und Minderheiten unterdrücken“, schimpft er. Er warnt vor einer „Islamisierung“ und beklagt, dass viele Erdogan-Anhänger in Deutschland die Vorteile einer freien Gesellschaft nutzen würden, die es in der Türkei nicht gebe.
Viele Wahlbeobachter sind im Einsatz
Auffällig ist, wie selten der Name des Herausforderers fällt: Kemal Kilicdaroglu. Alles Pro, alles Contra dreht sich um Erdogan. Bei dem älteren Türken aus Ludwigsburg, der auf gut Schwäbisch sagt: „So wie’s isch, soll’s bleiben“, genauso wie bei dem 25-Jährigen aus Esslingen, der inständig hofft, dass Erdogan verliert, weil er sich eine „normale Türkei“ wünscht. Auffällig auch, dass fast keiner der Befragten seinen Namen in der Zeitung lesen will. Die Angst ist groß. Viele fürchten, Erdogans langer Arm würde nach Deutschland reichen.
Eine Ausnahme ist Aynur Karakaya-Karliki aus Stuttgart. Sie vertritt die Grünen-Linkspartei (Yesil Sol Parti), die wie alle anderen zugelassenen Parteien Beobachter im Wahllokal stellt. 150 Freiwillige waren für die Linkspartei in Zuffenhausen im Einsatz. Größere Auffälligkeiten hat die 58-Jährige nicht festgestellt. Ihre Hoffnung ist, dass nach dem 14. Mai eine neue Zeit beginnt und in der Türkei „endlich die Gewaltenteilung wieder eingeführt wird“. Sicher ist sie sich da aber nicht.

