Baden-Württemberg

Wie sich die Schweizer aufs Kreuz legen

Das Schwingen erfreut sich ungebrochener Beliebtheit. Den Sport gibt es nur in der Eidgenossenschaft. Besuch auf einem Schweizer Festplatz.

  • Schwingen will von Kindesbeinen an gelernt sein. Hier in Ramsen bei Schaffhausen geht’s dem Gegner an die Hose.Foto: Uli Fricker/Uli Fricker

    Schwingen will von Kindesbeinen an gelernt sein. Hier in Ramsen bei Schaffhausen geht’s dem Gegner an die Hose.Foto: Uli Fricker/Uli Fricker

Es gibt nicht mehr viele Dinge, die man nur in der Schweiz findet. Eine Sache aber ist das Schwingen. Tausende von Jugendlichen und Männern betreiben diesen typisch eidgenössischen Sport mit Hingabe und hochgradig organisiert.

Schwingen versteht sich als Variante des Ringens; gewonnen hat, wer den Rücken des Gegners zu mindestens drei Vierteln ins Sägemehl drücken kann.

Diese helvetische Kampfsportart wirkt urig. Die Athleten tragen keinen speziellen Sportdress, sondern gewissermaßen Stallkleidung: dunkle Hosen und ein helles geblümtes Hemd mit Kragen. Über die Hosen ziehen die Teilnehmer grobe kurze Hosen aus Zwillich drüber – daran packen sie den Gegner später an. Der Zulauf ist trotz des altväterischen Auftritts ungebrochen, berichtet Bea Meister. Sie hielt die Fäden für ein Schwingertreffen in Ramsen im Kanton Schaffhausen in den Händen. Natürlich sind auch ihre beiden Söhne Jan und Tim dabei. Ramsen ist deshalb interessant, da es gerade einmal 1300 Einwohner zählt und über zwei Tage hinweg mehr als 300 Ehrenamtliche herbeitrommelt.

Ein Kampf dauert maximal sechs Minuten

In der Schweiz sind auch Festplätze auf Zeit durchorganisiert. Solide Holzschilder weisen auf das WC, den Ruheplatz sowie den „Gabentempel“ hin– dort sind die Geschenke für die Sieger aufgebaut.

Ab einem Alter von acht Jahren dürfen junge Sportler den Kreis betreten, der aus Sägemehl gestreut wird. In den ersten Stunden des Treffens wälzen sich die Jungs und werden von ihren Gegnern mit dem Kopf in den Untergrund Holzspäne gepresst. Tapfer unterdrücken sie Tränen. Die Eltern sehen zu, feuern an. Der Kampf dauert maximal sechs Minuten. Danach pfeift der Juror ab. Der Sieger klopft dem Unterlegenen das Sägemehl vom Rücken als Zeichen des Respekts.

Das Schwingen entstand in den inneren Kantonen und verbreitete sich später in der gesamten deutschsprachigen Schweiz. In den ländlichen Regionen gab es früher keine Sporthallen, das erklärt den einfachen Aufbau dieses Sports. Auf frühen Abbildungen praktizieren die Schwinger auf gemähten Wiesen; inzwischen wird eine weiche Unterlage gestreut, um Verletzungen zu verhindern und den Nachwuchs zu schonen. Und an dem mangelt es nicht. „Die Kinder trainieren einmal die Woche“, sagt Bea Meister. Wenn sie nicht gerade ein Sportfestival betreut, arbeitet sie als Bäuerin.

Wer sich zwischen Holzspänen und Festzelt umhört, vernimmt am häufigsten die Worte Zusammenhalt und Gemeinschaft. Das ganze Dorf ist auf den Beinen, um jungen Schwingern und alten Hasen einen Rahmen zu bieten. Mangel an Ehrenamtlichen? Kein Thema. Begeistert tragen Schülerinnen die bestellten Pommes an die Gasttische. Dass diese Athletik vor allem von Männern ersonnen wurde, stört niemanden. Inzwischen gibt es auch Verbände, wo Frau gegen Frau versucht, die andre aufs Kreuz zu legen und so den Sieg zu erringen. Diese Wettbewerbe werden separat ausgetragen. Das Schwingen versteht sich traditionell als Domäne von Männern; das wird an diesem Tag in Ramsen nicht infrage gestellt.

Ein Jungstier für den Sieger

Reto Hallauer war früher auch begeisterter Schwinger, heute hilft er als Funktionär. „Zwischen 33 und 36 Jahren solltest du aufhören, sagt er. Die Popularität dieser Tradition erklärt er mit dessen Verwurzelung in der Geschichte der Eidgenossen. Nur sie kennen und üben sich in dieser Disziplin. Und Kinder seien stolz, wenn sie dort weitermachen dürfen, wo die Väter aufgehört haben.

Wie bäuerlich geprägt diese Sportfeste sind, zeigt sich auch an den Preisen. Der Sieger erhält am Ende des Tages einen Muni – einen Jungstier. Das lebhafte Tier muss man auch erst einmal unterbringen können, am besten in einem Stall.

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