Baden-Württemberg

Wengerter jubeln über Aus für Pestizidverordnung

Verbuschte Weinberge, sterbende Höfe: Eindringlich hatten Landwirtschaft und Weinbau im Land vor den Folgen einer neuen EU-Verordnung gewarnt. Sie ist jetzt vom Tisch. Wird jetzt eine Regelung aus Baden-Württemberg zum Vorbild?

  • Ein Weinbauer spritzt bei Weinstadt seine Rebstöcke.Foto: © (C) Gottfried Stoppel/© (C) Gottfried Stoppel

    Ein Weinbauer spritzt bei Weinstadt seine Rebstöcke.Foto: © (C) Gottfried Stoppel/© (C) Gottfried Stoppel

Erleichterung bei Landwirten und Wengertern, Enttäuschung bei Naturschützern: Das Scheitern der neuen Pestizidverordnung im Europaparlament hat in Baden-Württemberg unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. „Wir sind enttäuscht über die kurzsichtige Blockadehaltung konservativer EU-Abgeordneter, auch aus Baden-Württemberg“, sagte der Nabu-Landwirtschaftsreferent, Jochen Goedecke. Der Präsident des Bauernverbandes Baden-Württemberg, Joachim Ruckwied erklärte hingegen: „Pauschalverbote und praxisferne Vorgaben, die die Existenz vieler landwirtschaftlicher Betriebe gefährdet hätten, wurden von einer Mehrheit der Abgeordneten klar abgelehnt.“ Der Großagrarier aus Eberstadt (Kreis Heilbronn) steht auch dem Deutschen Bauernverband (DBV) vor.

In den vergangenen Monaten hatten die Vertreter der Landwirtschaft eindringlich vor den angeblichen Folgen der geplanten Regelung unter dem Kürzel SUR gewarnt, die eine europaweite Halbierung des Pflanzenschutzes bis 2030 vorgesehen hatte. Vor allem im Weinbau wird aufgeatmet. „Wir sind total erleichtert“, sagte der Präsident des Badischen Weinbauverbandes, Rainer Zeller, gegenüber unserer Zeitung. Der von der Spitzenköchin und grünen EU-Abgeordneten Sarah Wiener vertretene Entwurf wäre „eine Katastrophe für den Weinbau im Kaiserstuhl, im Markgräflerland und in der Ortenau“ gewesen, sagte Zeller.

Nabu hält Warnungen für völlig überzogen

Ohne Pflanzenschutz sei Weinbau unmöglich, erklärte sein württembergischer Amtskollege Hermann Hohl. Das Komplettverbot für Pestizide in Schutzgebieten hätte das Aus für den Weinbau im ganzen Stuttgarter Raum bedeutet, sagte Rainer Bubeck, Vorstandsvorsitzender der Stuttgarter Weinkooperative Collegium Wirtemberg. Nach Hohls Ansicht hätten im ganzen Land „60 Prozent der Flächen nicht mehr bewirtschaftet werden können“. Es drohe eine Verbuschung und das Ende einer Kultur. Stuttgart, bisher „Großstadt zwischen Wald und Reben“ werde zu einer Stadt zwischen Wald und Brombeerbüschen.

Für den Nabu-Landwirtschaftsreferenten Goedecke waren das überzogene Darstellungen. Man habe eine Riesenchance verspielt. „Wir haben Pestizide im Grundwasser, im Trinkwasser und in Nahrungsmitteln.“ Der Kampf gegen den dramatischen Artenverlust sei auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben worden. Immer wieder habe die baden-württembergische Landwirtschaft europaweite Regelungen angemahnt. „Aber wenn dann eine vorliegt, wird sie boykottiert“, sagte Goedecke.

Özdemir bringt Landesregelung ins Spiel

Der Nabu-Experte räumte ein, dass der erste Entwurf der EU-Kommission schlecht gemacht gewesen sei. Das Totalverbot von Pestiziden in Landschaftsschutzgebieten sei aber längst vom Tisch gewesen. Ähnlich äußerte sich der Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne). Er bedaure, dass nun nicht mehr an einer gemeinsamen Regelung gearbeitet werde. „Ich bin mir sicher, mit echtem Willen zu Kompromissen wäre eine Lösung möglich gewesen, die Landwirtschaft und Umwelt hinter das Reduktionsziel hätte versammeln können.“

Ausdrücklich verwies Özdemir auf das 2020 in Baden-Württemberg verabschiedete Biodiversitätsstärkungsgesetz, das zusammen mit Umwelt- und Landwirtschaftsverbänden erarbeitet wurde und das als Vorbild dienen könnte. Es steuert bis 2030 einen Ausbau der Ökolandwirtschaft auf 40 Prozent der Flächen und ebenfalls eine Reduktion der ausgebrachten Pestizidmenge um 50 Prozent an, sieht aber Ausnahmen und eine wissenschaftliche Begleitung vor.

Chemie wird immer teurer

Auch die Betriebe seien an einer Reduzierung der Pestizidmenge interessiert, betonte Weinbaupräsident Hohl. Denn die Chemie ist teuer. Mit Ausgaben von mehr als 1000 Euro pro Hektar müsse man beim Weinbau inzwischen rechnen. Allerdings ist es nicht immer leicht, den Reduktionspfad einzuhalten. „In diesem Jahr hatten wir viel mit Mehltau zu tun.“ Statt weniger musste mehr gespritzt werden.

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