Wir haben meinen Geburtstag gefeiert. Wir, das sind Daria, Kira, Katharina, Sophia, Olesia und Person X. Wir gingen ins Kino zur Premiere eines neuen Films. Danach aßen wir Pizza in einem Café und hatten Spaß bei mir zu Hause bei einer Übernachtung. Außerdem planten wir, nächsten Sommer einen Ausflug an unser Meer. Schließlich ist unsere Stadt Cherson für ihren Zugang zum Schwarzen Meer berühmt.
Das war alles vor einem Jahr. Was hat sich seitdem geändert? Jetzt sehen wir uns nicht mehr und kommunizieren kaum noch. Was hat das verursacht? Der Krieg. Er war es, der uns getrennt hat. Er war es, der unser Leben in „vorher“ und „nachher“ unterteilte. Aber gibt es wirklich ein „nachher“? Und wenn ja, wie sieht es aus?
„Wir mussten den größten Teil unseres Lebens auslöschen“
Kira, Daria, Olesia, Sophia, Katharina, Person X – jetzt trennen uns Tausende Kilometer, aber etwas verbindet uns: der Wunsch nach Frieden und einem ruhigen Leben. Unsere Stadt wurde von russischen Truppen erobert. Manchen von uns wurde das Haus weggenommen, und sie mussten gehen, manche blieben in unserer Stadt, und manche zogen sogar nach Russland.
Nicht nur unser Wohnort hat sich verändert, sondern auch unsere Lebenseinstellung. Über die Situation in unserer Stadt ist der Außenwelt wenig bekannt, denn das Hauptziel des russischen Militärs war es, uns von allen Medien aus der Ukraine oder Europa abzuschneiden.
Außerdem können wir nicht darüber reden, was wirklich los ist. Einwohner von Cherson können nichts filmen, denn für jedes Foto, für jeden Beitrag in sozialen Netzwerken, für jede Aussage gegen Russland werden Menschen entführt. Wir mussten den größten Teil unseres Lebens auslöschen. Wir müssen ständig auf der Hut sein, um unseren Lieben mit unseren Handlungen keinen Schaden zuzufügen.
Mein Name ist Daria, ich bin 16 Jahre alt. Ich komme aus Cherson, jetzt bin ich wegen des Krieges nach Deutschland gezogen. Ich habe schon immer gerne Bücher gelesen und Gedichte geschrieben. Ich träumte davon, ins Ausland zu ziehen.
Sophia, 15 Jahre alt, aus Cherson, zog nach Kriegsbeginn in eine andere Stadt in der Ukraine. Sie liebt leckeres Essen und ihren Hund.
Olesia, 16, hat sich entschieden, ihre Heimatstadt nicht zu verlassen, lebt derzeit dort. Sie hat immer vom Reisen geträumt.
Kira, 16, zog nach Frankreich. Sie ist ein echter Fan von Anime, liebt das Zeichnen. Sie hatte keine Pläne für die Zukunft gemacht, sondern hat jeden Tag genossen.
Katharina , 18 Jahre alt, aus Cherson, lebt in Deutschland. Vor dem Krieg ging sie gerne zu ihrer Arbeit, verbrachte Zeit mit ihrer Familie und plante, zur Universität zu gehen.
So kommen wir zu der mysteriösen Person X. Dieses Mädchen ist auch aus Cherson. Sie studierte an der Universität und träumte davon, eine erfolgreiche Karriere aufzubauen. Wegen des Krieges war sie gezwungen, nach Russland zu ziehen, weshalb sie darum bat, ihren richtigen Namen nicht zu nennen, weil sie befürchtet, dass sie durch einige ihrer Aussagen in unangenehme Situationen geraten könnte.
Heimat – das sind die Menschen, die einem nahestehen
Krieg ist ein schwieriges Thema. Mir persönlich fällt es nicht leicht, darüber zu sprechen, deshalb war ich sehr daran interessiert, zu erfahren, wie es meinen Freunden dabei geht. Heraus kam, dass Kira und Person X frei über den Krieg sprechen können. Sonya schaut nicht einmal die Nachrichten an, weil es ihr schwerfällt, zu erkennen, wie viele Verluste dieser Krieg gebracht hat.
Gehen wir zurück zu den Anfängen: Der Morgen des 24. Februar 2022 begann für uns mit einer Explosionen irgendwo in der Nähe. Kira wurde durch einen Anruf ihrer Schwester geweckt: „Kira, wach auf, der Krieg hat begonnen”. Wir alle haben unsere Heimat verloren. Auch diejenigen, die noch in unserer Stadt leben. Heimat ist schließlich nicht immer ein Ort, sondern das sind auch Menschen, die einem nahestehen.
Person X hat mir eine Geschichte erzählt, die mich zu Tränen gerührt hat. Ihre Freundin hatte vor dem Krieg Krebs. Aber nachdem unsere Stadt von russischen Truppen erobert wurde, wurden alle Lieferungen eingestellt. Medikamente wurden nicht importiert. Wenige Tage nachdem sie die Stadt verlassen hatte, erfuhr Person X, dass ihre Freundin an diesem Mangel gestorben war.
Momente der Todesangst
Als ich fragte, ob es für meine Freunde schwierig war, ihre Heimatstadt zu verlassen, antworteten alle mit Ja. Leider blieb uns nichts anderes übrig, denn der Aufenthalt dort wurde immer gefährlicher. Olesia erzählte mir, wie sich unsere Stadt während der Besatzung verändert hatte: „In Cherson wurden russische Währungen, Netze und Telefonnummern eingeführt. Wenn es anfangs eine große Anzahl von Menschen gab, die in unserer Stadt Kundgebungen gegen Russland veranstalteten, gibt es jetzt fast keine mehr.“
Olesia wurde Zeuge einer schrecklichen Situation: „Ich ging nach Hause, als ich sah, wie ein schwarzer Kleinbus zur Haltestelle fuhr, 5 Leute stiegen aus, schnappten sich den Typen, der an der Haltestelle stand, brachten ihn ins Auto und verschwanden.” Es gibt viele solcher Situationen.
Der Moment, in dem ich Todesangst hatte, war, als meine Familie versuchte, unsere Stadt zu verlassen. Jeder Kontrollpunkt war eine Lotterie. Wenn dem Militär etwas nicht gefällt, können sie dich erschießen.
Moralisch erschöpft
Für Männer war es noch gefährlicher, wegzugehen, da sie sofort in die Armee aufgenommen werden konnten. Wir waren mit meinem Vater unterwegs, alle waren nervös. Wir standen mehrere Stunden im Stau, also beschlossen wir, aus dem Auto auszusteigen, um frische Luft zu schnappen. Zu dieser Zeit fuhr ein feindlicher Panzer mit Soldaten vorbei, dessen Waffen auf Menschen gerichtet waren. In diesem Moment waren wir alle versteinert vor Entsetzen.
Kira hat mir auch ihre Geschichte erzählt: „An einem Tag explodierte eine Granate in der Nähe meines Hauses. Es erbebte von der Wucht der Explosion, und die Fenster flogen fast heraus. Ich und meine Familie legten uns sofort auf den Boden, um unser Leben zu retten.“
Sophia ging während des Krieges mit ihrem Hund auf der Straße spazieren. Dann fuhr eine Panzerkolonne die Straße entlang, die Waffen des Militärs zielten auf Passanten. „Ich dachte, dass es besser wäre, wenn sie schössen. Dann würde wenigstens alles so schnell wie möglich enden.“ Das zeigt, wie sehr die jetzige Generation von dieser Situation moralisch erschöpft ist.
Was ist Freiheit?
Olesia erzählte mir: „Obwohl ich zu Beginn des Krieges große Angst vor den Geräuschen von Tieffliegern hatte, jetzt bin ich schon daran gewöhnt, ich findet es sogar cool.“ Welche Schlussfolgerung lässt sich daraus ziehen? Wahrscheinlich, dass der Krieg einen großen Einfluss auf die Psyche der Heranwachsenden hat und sie vieles zum Umdenken bringt.
Beispiel: der neu gedachte Begriff „Heimat“. Viele von uns haben Heimweh. Obwohl sich niemand der Zukunft sicher ist, freuen sich die meisten von uns auf die Befreiung Chersons von russischen Invasoren. Die meisten von uns planen sogar, nach Cherson zurückzukehren.
Während des Krieges ist in unserem Leben nicht viel Gutes passiert. Es gibt den Spruch, dass es unmöglich ist zu verstehen, was Freiheit ist, bis man sie verliert. Manchmal wollen wir uns ablenken lassen, und dann beginnen wir uns vorzustellen, wie unser Leben gewesen wäre, wenn es keinen Krieg gegeben hätte.
In dieser Zeit könnte ich mindestens zehn Bücher gelesen haben, anstatt den Großteil meiner Freizeit damit zu verbringen, über geflüchtete Mütter nachzudenken, die nun gezwungen sind, ihre Kinder in einem fremden Land allein zu erziehen. Sophia könnte jetzt ohne Reue ihr Lieblingsessen essen und zu dieser Zeit nicht an Hunderte von hungrigen Kindern in den Kellern der besetzten Gebiete denken.
Kira könnte jetzt Anime schauen, anstatt Nachrichten über die aktuelle Situation in diesem Krieg zu sehen. Katharina könnte zu diesem Zeitpunkt bereits genug Geld verdienen, um die Universität ihrer Träume zu besuchen, anstatt unter Apathie zu leiden. Person X könnte jetzt bereits in den ersten Phasen des Aufbaus ihrer erfolgreichen Karriere stehen. Sie konnte in ihrem freien Land immer noch ihre wahre Meinung sagen, ohne zu versuchen, den Mund zu halten.
Ich habe nur von einer kleinen Gruppe von Teenagern erzählt, deren Leben sich seit Kriegsbeginn radikal verändert hat. Tatsächlich gibt es Tausende, wenn nicht Millionen solcher Geschichten. Wir könnten jetzt immer noch das Leben genießen, unsere Lieblingsstraßen entlanggehen, in unsere Schule gehen, unsere Freunde treffen, ins Kino zur Premiere eines neuen Films gehen, Pizza essen in unserem Lieblingscafé.
Der Wettbewerb und die Preisträger
Unsere Autorin Daria Mruha
„Ich heiße Daria Mruha, bin 17 Jahre alt. Ich komme aus der Ukraine und bin im April 2022 nach Deutschland gekommen. Seitdem wohne ich in Offenburg und gehe auf das Oken-Gymnasium. Gleichzeitig mache ich aber auch meinen Schulabschluss in der Ukraine. Für Hobbys habe ich deswegen nicht so viel Zeit, aber ich mag lesen und schreibe ab und zu Gedichte. Sonst spiele ich auch gerne Volleyball, schwimme oder sprinte.“
Wettbewerb
Am 65. Schülerwettbewerb des Baden-Württembergischen Landtags haben sich gut 2 400 Schülerinnen und Schüler beteiligt und insgesamt 1 900 Arbeiten eingereicht, 1 500 wurden für Preise ausgewählt. Am 5. April wurden drei Schülerinnen wurden vom Landtag mit einem Förderpreis über je 1000 Euro ausgezeichnet: Lena Günther vom Gymnasium Plochingen mit einer Rede zur aktuellen Lage in Afghanistan, Magdalena Szymanska vom Stiftsgymnasium Sindelfingen mit einem Gedicht aus Sicht eines Missbrauchsopfers in der katholischen Kirche und Daria Mruha vom Oken-Gymnasium Offenburg mit einer Reportage über den Krieg in der Ukraine aus Sicht junger Menschen.
Neue Runde
Im Schuljahr 2023/24 startet der 66. Schülerwettbewerb. Dieses Mal dreht sich unter anderem alles um Soziale Netzwerke, Künstliche Intelligenz im Schulalltag, die Beteiligung junger Menschen in demokratischen Prozessen und um ein gelingendes interkulturelles Miteinander. Landtagspräsidentin Muhterem Aras ruft Schülerinnen und Schüler aller weiterführenden Schulen in Baden-Württemberg zwischen 13 und 25 Jahren auf, sich mit kreativen Beiträgen zu beteiligen. Die Themen werden Ende Juni auf der Website des Schülerwettbewerbs www.schuelerwettbewerb-bw.de bekanntgegeben.

