Baden-Württemberg

Regenbogen, Rechtsextreme – und viel Polizei

Die Premiere des ersten Christopher Street Days in Albstadt (Zollernalbkreis) ist trotz der Gegendemonstration von Rechtsextremen ruhig verlaufen – auch durch viele Polizisten in der Stadt, denen die unangemeldete Antifa zu schaffen machte.

  • Der Bürgerturmplatz in Albstadt (links) wurde mit hoher Polizeipräsenz vor Gegendemonstranten (rechts) gesichert.Foto: René Wolff

    Der Bürgerturmplatz in Albstadt (links) wurde mit hoher Polizeipräsenz vor Gegendemonstranten (rechts) gesichert.Foto: René Wolff

  • Von rund  400 CSD-Teilnehmerinnen und Teilnehmern spricht die Polizei am Freitagabend.Foto: René Wolff

    Von rund 400 CSD-Teilnehmerinnen und Teilnehmern spricht die Polizei am Freitagabend.Foto: René Wolff

  • „Wir haben uns sehr sicher gefühlt und hatten nie das Gefühl, dass hier gleich der Platz gestürmt wird“, sagt Tobi, der mit Natalie zum CSD in Albstadt gekommen ist.Foto: René Wolff

    „Wir haben uns sehr sicher gefühlt und hatten nie das Gefühl, dass hier gleich der Platz gestürmt wird“, sagt Tobi, der mit Natalie zum CSD in Albstadt gekommen ist.Foto: René Wolff

  • Peter (rechts) ist für seinen Enkel da, Klaus auch für sich selbst: „Auf diese Veranstaltung habe ich ewig gewartet, mit dem Outfit kann ich mich sonst nirgends zeigen.“Foto: René Wolff

    Peter (rechts) ist für seinen Enkel da, Klaus auch für sich selbst: „Auf diese Veranstaltung habe ich ewig gewartet, mit dem Outfit kann ich mich sonst nirgends zeigen.“Foto: René Wolff

  • 200 Teilnehmer waren zu dem  Protest von Privatpersonen aus dem Umfeld der rechtsextremen Partei Die Heimat und der identitären „Zollernalbjugend aktiv“ angemeldet, am Ende kamen rund 50.Foto: René Wolff

    200 Teilnehmer waren zu dem Protest von Privatpersonen aus dem Umfeld der rechtsextremen Partei Die Heimat und der identitären „Zollernalbjugend aktiv“ angemeldet, am Ende kamen rund 50.Foto: René Wolff

  • Auch die Antifa zieht wie erwartet, jedoch unangemeldet, durch die Stadt.Foto: René Wolff

    Auch die Antifa zieht wie erwartet, jedoch unangemeldet, durch die Stadt.Foto: René Wolff

  • Die verschiedenen Gruppen auf Abstand zu halten, macht der Polizei zeitweise zu schaffen.Foto: René Wolff

    Die verschiedenen Gruppen auf Abstand zu halten, macht der Polizei zeitweise zu schaffen.Foto: René Wolff

  • Doch insgesamt fällt die Bilanz des Abends ohne größere Zwischenfälle positiv aus.Foto: René Wolff

    Doch insgesamt fällt die Bilanz des Abends ohne größere Zwischenfälle positiv aus.Foto: René Wolff

Der erste Sprecher auf der Bühne gibt die Richtung für den Abend vor: „Heute geht es um unsere Veranstaltung – und nicht um die scheiß Faschos“, ruft er in sein Mikro am Freitagabend auf dem Bürgerturmplatz im Albstädter Stadtteil Ebingen (Zollernalbkreis). Denn der erste Christopher Street Day (CSD) in der 47.000-Einwohner-Stadt auf der Schwäbischen Alb hatte Rechtsextreme zu einer Gegendemonstration mobilisiert – Titel: „Gegen den Genderwahn“. „Dass es eine Gegendemo gibt, zeigt, wie wichtig das hier ist. Es ist die Gesellschaft, die sich ändern muss, nicht wir“, ruft später ein weiterer Redner.

200 Teilnehmer waren zu dem Protest von Privatpersonen aus dem Umfeld der rechtsextremen Partei „Die Heimat“ und der identitären „Zollernalbjugend aktiv“ angemeldet, doch wegen der hohen Reichweite in den sozialen Medien hatte man mehr erwartet. Die NPD-Nachfolgepartei „Die Heimat“ hatte die Demonstration bundesweit in ihren Kanälen beworben. Erinnerungen an den CSD im sächsischen Bautzen, der Mitte August nur unter massivem Polizeischutz begangen werden konnte, wurden wach.

„Ein CSD im ländlichen Raum ist wichtig – ich hatte das bei meinem Outing nicht“

Am Ende aber schlagen die Bunten zahlenmäßig die in schwarz gekleideten und teils vermummten CSD-Gegner deutlich: Von etwa 400 CSD-Teilnehmerinnen und Teilnehmern spricht die Polizei am Freitagabend, dagegen stehen rund 50 Gegendemonstranten. Auch die Antifa zieht wie erwartet, jedoch unangemeldet, durch die Stadt. Die verschiedenen Gruppen auf Abstand zu halten, macht der Polizei zeitweise zu schaffen. Doch insgesamt fällt die Bilanz des Abends ohne größere Zwischenfälle positiv aus.

„Wir haben uns sehr sicher gefühlt und hatten nie das Gefühl, dass hier gleich der Platz gestürmt wird“, sagt Tobi, der in Albstadt lebt und heute im Regenbogen-Outfit Flagge zeigt. „Ich bin der glücklichste Mensch, dass es jetzt auch hier einen CSD gibt, das ist wichtig im ländlichen Bereich. Ich hatte das als Jugendlicher bei meinem Outing nicht“, sagt der 29-Jährige.

Klaus (64): „Die Menschen müssen wieder toleranter werden“

Ein paar Meter weiter steht Peter, 72 Jahre alt. Er hält ein regenbogen-farbenes Plakat mit der Aufschrift „Fck Nzs. Keinen Millimeter nach rechts“ in die Höhe. Für seinen Enkel sei er heute da. „Damit die braune Gewalt nicht überhand nimmt und er in Frieden leben kann“, sagt der 72-Jährige. Peter ist mit Klaus, 64 Jahre alt, im Leoparden-Rock und auf hochhackigen Schuhen, ins Gespräch gekommen. Er sagt: „Auf diese Veranstaltung habe ich ewig gewartet, mit dem Outfit kann ich mich sonst nirgends zeigen.“ Man tue ja keinem weh – und er habe mit fortschreitendem Alter eben gemerkt, dass er sich gerne die Nägel lackiert und Röcke trägt. „Die Menschen müssen wieder toleranter werden und jeden anderen so achten, wie er ist“, fordert Klaus.

Doch davon wollen sie wenige hundert Meter weiter bei der Gegendemo nichts hören: „Denkt an unsere Kinder“, ruft dort ein Mann ins Megafon. Die sinkende Geburtenrate mache ihm große Sorgen. „Wir wollen uns nicht mehr fortpflanzen, weil es immer nur um den Fetisch geht.“ Die Leute könnten ihre Vorlieben gerne im Privaten ausleben, aber bitte nicht öffentlich, fordert er und ruft: „Gegen den CSD, Albstadt macht’s vor.“ Die Menge antwortet: „Hier und dort und an jedem Ort.“

Zurück beim CSD: Inzwischen steht die letzte Rednerin am Mikro und rät den Teilnehmerinnen und Teilnehmern: „Bitte verlasst den Platz in Gruppen, passt auf euch auf.“ Die, die noch bleiben, feiern weiter. Das Lied „Für immer Frühling“ von Soffie kommt aus den Lautsprechern. Im Songtext geht es um eine Wunschvorstellung, wie die Gesellschaft in einer friedlicheren Art zusammenleben könnte.

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