Baden-Württemberg

Orbans Propagandapresse in der Mangel

Der künftige Premier Ungarns will den Mediensektor umkrempeln und wieder eine unabhängige und vielfältige Berichterstattung ermöglichen.

  • Peter Magyar  will sich nicht in  Berichterstattung von Medien einmischen.Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire/IMAGO/Daniel Alfoldi

    Peter Magyar will sich nicht in Berichterstattung von Medien einmischen.Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire/IMAGO/Daniel Alfoldi

 Harmonische Interviews sehen anders aus. Er sehe, dass „einige Leute in diesem Gebäude“ nach der Wahlschlappe von Fidesz versuchen würden, „als unabhängige Medien zu agieren“, sagte Peter Magyar bei seinem Besuch beim öffentlich-rechtlichen Kossuth-Radio und TV-Sender M1 am Mittwoch. Der künftige Premier wirkte sichtlich angesäuert, als er seinen Gastgebern, die ihn im Wahlkampf noch konsequent ignoriert hatten, ein Interview gab. Magyar versprach bei dieser Gelegenheit die Einstellung des „Falschnachrichtendienstes“.

Erstmals nach eineinhalb Jahren hatten die bis zu den Wahlen am Sonntag stramm auf Fidesz-Linie segelnden Staatssender den Tisza-Chef zu Interviews in ihre Morgenprogramme geladen. Doch obwohl M1 zu Wochenbeginn die dreistündige Pressekonferenz von Wahlsieger Magyar live ausgestrahlt hatte und seit dieser Woche auch unabhängige Medienstimmen in der Presseschau zitiert, zeigt sich der Tisza-Chef von den chamäleonhaften Anstrengungen der bisherigen Propagandasprachrohre Viktor Orbans wenig beeindruckt.

Magyar geißelt „Lügenfabriken“

„Wie können Sie das fragen, ohne zu lachen“, entgegnete er auf die Frage eines Reporters, welche „Anweisungen“ er aus der Ukraine erhalten habe. Gleichzeitig wiederholte er seine bereits in der Wahlnacht gemachte Ankündigung, nach dem Vollzug des Machtwechsels die Berichterstattung der „Propagandasender“ bis zur Schaffung der Grundlagen für eine ausgewogene Berichterstattung erst einmal aussetzen zu wollen: „In dieser Lügenfabrik werden jährlich Milliarden an Forint verbrannt, während die Regierung die Zuschüsse für Brennholz seit 2019 nicht erhöht hat.“ Zudem gelobte der künftige Premier, dass die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten nach einer Sendedenkpause erhalten bleiben sollen. Und anders als Orban, wolle er sich nicht in deren Arbeit: „Jeder Ungar verdient öffentlich-rechtliche Medien, die die Realität vermitteln.“

Tatsächlich ist es um die Pressefreiheit und Medienvielfalt in Ungarn nicht gut bestellt. Auf dem Index der Pressefreiheit von „Reportern ohne Grenzen“ (RSF) dümpelt Ungarn hinter der Elfenbeinküste und vor dem Kongo auf Rang 68. Der von RSF als „Feind der Pressefreiheit“ bezeichnete Orban hat in den letzten 16 Jahren nicht nur den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf Parteilinie gebracht, sondern auch unzählige unabhängige Medien im Privatbesitz aufkaufen, mundtot oder vom Äther holen lassen: Mit rund 500 landesweiten und lokalen Medien, die in der regierungsnahen KESMA-Stiftung gebündelt sind, kontrolliert Fidesz bisher rund 80 Prozent des Medienmarktes.

Reform der Medienaufsicht

Die wenigen verbliebenen unabhängigen Medien wie die Tageszeitung Nepszava, das Wochenmagazin HVG. der TV-Sender RTL Klub, der Youtubekanal „Partizin“ oder die Onlineportale 24.hu und Telex werden bisher nicht nur bei der Vergabe staatlicher Werbegelder grob benachteiligt, sondern sind laut RSF auch steter Schikanen der Aufsichtsorgane, die von der Regierung kontrolliert werden, ausgesetzt.

Der bevorstehende Machtwechsel dürfte jedoch nicht nur bei Ungarns öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu Umwälzungen führen. Vom Äther verbannte Sender wie das einst populäre aber 2021 eingestellte „Klubradio“ könnten bei einer Reform der Medienaufsicht neue Sendelizenzen erhalten: Einige der bisher auf Fidesz-Linie segelnden Publikationen könnten auch aus Angst vor dem Verlust von Werbeaufträgen die Annäherung an Tisza suchen.

Zudem sind auch auf den Medienmärkten vermehrte Verkäufe und Eigentümerwechsel zu erwarten: Während manchem Verleger aus dem Fidesz-Dunstkreis an der raschen Versilberung seiner Besitztümer gelegen sein dürfte, könnte umgekehrt das Interesse abgewanderter Auslandskonzerne an Ungarn nach einer Liberalisierung des unter Orban zunehmend regulierten und gegängelten Medienmarkts neu erwachen.

Datenschutz-Einstellungen