Unweit der mächtigen Wallanlagen der Heuneburg haben Archäologen im Zentrum eines riesigen Grabhügels im Landkreis Biberach eine rund 2600 Jahre alte, vollständig erhaltene hölzerne Grabkammer aus der Zeit der Kelten entdeckt und freigelegt.
Das Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen spricht von einer „spektakulären Entdeckung“ und will mit Hilfe von Experten des Landesamts für Denkmalpflege kommende Woche den Fund bei Herbertingen näher erläutern.
Holzartefakte aus dem 585 v. Chr.
„Die vollständig erhaltene frühkeltische Grabkammer aus massiven Eichenhölzern stellt eine archäologische Rarität und ein herausragendes Denkmal von überregionaler Bedeutung dar“, heißt es weiter.
„Obwohl bereits in der Antike beraubt, lässt das Kammergrab eine jahrgenaue Datierung durch die Jahrring-Chronologie erhoffen.“ Eines der Holzartefakte sei auf das Jahr 585 v. Chr. datiert worden.
Die frühen Kelten hätten den Grabhügel erbaut, teilt das Ministerium weiter mit. Er liege etwa in gleicher Entfernung zur Heuneburg, die als älteste stadtartige Siedlung nördlich der Alpen gilt, und zum Bussen, dem „heiligen Berg Oberschwabens“, der den Angaben zufolge ebenfalls zu den bedeutendsten vorgeschichtlichen Fundstätten der Region zählt.
Frühkeltische Grabkammern bei der Heuneburg
Immer wieder stoßen Spatenforscher rund um die Heuneburg auf Relikte aus keltischer Zeit. Im Oktober 2020 wurde bekannt, dass eine frühkeltische Prunkgrabkammer aus dem sechsten Jahrhundert v. Chr. auf einem Acker nahe der Heuneburg entdeckt worden war.
Ende 2010 wurde eine 2600 Jahre alte Grabkammer, in der eine frühkeltische Würdenträgerin inklusive kostbarer Beigaben ihre letzte Ruhestätte fand und die bis zu ihrer Auffindung von Grabräubern vollkommen unbehelligt blieb, als Ganzes nahe der Heuneburg aus dem Boden gehoben.
Heuneburg: Zentrum keltischer Kultur
Seit 1950 wird bei Herbertingen nach Zeugnissen der keltischen Kultur gegraben. Die Heuneburg gilt als älteste Stadt nördlich der Alpen. Zwischen 620 und 470 v. Chr. entwickelte sich hier ein Machtzentrum der späten Eisenzeit, das durch eine nördlich der Alpen einmalige Lehmziegelmauer geschützt wurde.
Die mittelmeerische Herkunft dieser im Freilichtmuseum Heuneburg zum Teil rekonstruierten Wehranlage lässt auf griechische Baumeister schließen. Irgendwann im sechsten Jahrhundert wurde die Ansiedlung erobert, eingeäschert und wieder aufgebaut. Um 400 v. Chr. wurde die Heuneburg dann von einer Feuerbrunst verwüstet. Von ihren Bewohnern verlassen, verfiel sie.
Eine Kulturgemeinschaft – kein Volk
Die keltische Kulturgemeinschaft wurde durch eine eigene indogermanische Sprache, ähnliche materielle Kultur, Gebräuche, Glaubensvorstellungen und Lebensweise geprägt. Aus den bronzezeitlichen Kulturen Mitteleuropas bildeten sich die beiden klassischen keltischen Epochen der Hallstatt- (650-70 v. Chr.) und der La-Tène-Kultur (470-50 v. Chr.) heraus.
Die keltische Gesellschaft war weder zentral organisiert, noch gab es gemeinsame Könige. Neben Häuptlingen und Fürsten beherrschten Druiden als geistige und spirituelle Führer die einzelnen Stämme. Sie waren zugleich Priester und Mediziner, Lehrer und Richter.
Die Kelten besaßen ein hoch entwickeltes Wirtschaftsleben. Die aufgefundenen Gräber zeugen vom Reichtum ihrer Oberschicht. Die Stämme waren berühmt für ihre Metallarbeiten, Schmuckstücke aus Silber und Gold sowie ihre Waffenproduktion. Das Eisenerz bauten sie in bis zu 100 Meter tiefen Bergwerken ab.
Fürstensitze, Grabhügel, Ringwälle
Vom 7. bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. waren die Kelten im Südwesten Deutschlands die vorherrschende Bevölkerungsgruppe. Gerade in Baden-Württemberg ist die keltische Kultur ein Highlight. Es gibt Tausende Grabhügel und eine unglaublich reiche Fundlandschaft.
Dazu kommen die Fürstensitze wie die Heuneburg. Im Lauf von 600 Jahren wurden auf den Plateaus von Hügeln und Anhöhen Fürstensitze errichtet, die wie die Heuneburg mit Mauern aus Holz und Erde befestigt waren. Später wurden sie durch eine Stein-Lehm-Mauer ersetzt. Zugleich entstanden große stadtähnliche Siedlungen. Die Außensiedlung der Heuneburg umfasste 100 Hektar und beherbergte einige Tausend Menschen.
Neben der Heuneburg gab es Fürstensitze auf dem Hohenasperg und dem Berg Ipf nahe des Nördlinger Ries bei Bopfingen. Daneben entdeckten Archäologen weitere unzählige Fürstengräber und Grabhügel, Ringwälle und Hunderte Viereckschanzen – rechteckige Areale mit Wall und Graben, die auf eine Besiedlung schließen lassen – sowie Überreste von Ansiedlungen. Allein im Umkreis von zehn Kilometern um den Hohenasperg gab es nach Angaben von Biel rund 400 keltische Siedlungen.
Cäsar beendete die große Zeit der Kelten
An die Stelle der Fürstensitze traten ab der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. die sogenannten Oppida – große befestigte Siedlungen, die von bis zu 10.000 Menschen bewohnt wurden. Keltische Krieger drangen in dieser Zeit auf ihren Beutezügen bis weit nach Süden vor: 387 v. Chr. plünderten sie Rom, 279 v. Chr. belagerten sie das griechische Heiligtum Delphi. Sie kämpften als Söldner in den Kriegen Karthagos gegen die römische Republik und fochten für griechische Könige und Usurpatoren.
Mit der Eroberung Galliens durch den römischen Feldherrn Julius Cäsar 57 bis 53 v. Chr. endete die große Zeit der Kelten. Die keltische und römische Kultur verschmolzen, bis sie ab dem dritten und vierten Jahrhundert n. Chr. im Zuge der Völkerwanderung von germanischen Stämmen wie den Alemannen und Franken verdrängt wurde (mit dpa-Agenturmaterial).

