Baden-Württemberg

Ein Prozent der Deutschen heißt Müller – meist mit Vornamen Thomas

Der weltweit erste Versuch, den Familiennamensbestand eines Landes zu erfassen und zu untersuchen, findet seinen Abschluss.

  • Namensforscher Konrad Kunze mit seinem Werk.Foto: /Stefan Jehle

    Namensforscher Konrad Kunze mit seinem Werk.Foto: /Stefan Jehle

28 Millionen Telefonanschlüsse wurden untersucht – erhoben zu einem Zeitpunkt, als 92 Prozent der Deutschen einen Festnetzanschluss hatten. Die Daten von damals liegen auf einem Rechner in Mainz. „Wir haben den deutschen Namensschatz vor dem Untergang gerettet“, sagt Konrad Kunze. Der Freiburger Germanist, auch mit fast 84 Jahren noch aktiv, hat die Daten gemeinsam mit der Mainzer Sprachwissenschaftlerin Damaris Nübling untersucht.

Mehr als 15 Jahre lang hatte ein Team „ein Weltkulturerbe“, wie Kunze sagt, wissenschaftlich untersucht. Finanziell gefördert wurde das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Nach einem sieben Bände umfassenden atlasartigen Grundlagenwerk fand der weltweit erste Versuch, den Familiennamensbestand eines Landes zu erfassen, mit der Herausgabe des „Kleinen deutschen Familiennamenatlas“ seinen Abschluss.

Die meisten Familiennamen entstanden vor 600 bis 800 Jahren

Die meisten Familiennamen entstanden in der Zeit vor 600 bis 800 Jahren, also im 13. und 14. sowie zu Beginn des 15. Jahrhunderts. In Familiennamen lasse sich die Veränderung von Sprache ablesen. „Das ist ein Fenster in die Kulturgeschichte in der Art einer Versteinerung“, sagt Kunze: Haug oder Hug, Frey oder Geiger sind für den Südwesten typische Familiennamen, ebenso wie etwa Amann, Bäuerle, Eisele oder Schwab.

60 000 Namen hat das Forscherteam auf Herkunft und Bedeutung untersucht. Diese tauchen auch im Kleinen deutschen Familiennamenatlas auf. Für Kunze ist das wie „eine Truhe mit Kostbarkeiten“. Nicht jeder wird seinen Namen in der Listung wiederfinden – die Vielfalt ist einfach zu groß.

Maier, Müller, Schmidt – diese Namen gehören zu den fünf häufigsten in Deutschland. Dabei unterscheiden sie sich in der Schreibweise. Den Maier – mit ai und ay etwa – gibt es oft im Südwesten, anderswo häufiger mit ei und ey. Gemüllert dagegen wird überall gleich: Fast 260 000 Mal stand der Namen 2005 in Deutschlands Telefonkladden. Etwa ein Prozent der Deutschen tragen den Namen – am häufigsten in Kombination mit dem Vornamen Thomas. Die 14 häufigsten Familiennamen leiten sich ab aus Berufsbezeichnungen, etwa Schneider, Fischer, Becker, Weber, Schäfer, Koch und Bauer.

Haug und Hug sind Varianten des Namens Hugo

Der Kleine deutsche Familiennamenatlas zeigt anhand von mehr als 1000 Karten die geografische Verteilung einzelner Namen. 10 965 verschiedene Familiennamen mit der Endung -le, etwa Kienzle oder Schätzle, zählt der Familiennamenatlas deutschlandweit; die meisten davon finden sich in Baden-Württemberg. Aber auch sprachliche Besonderheiten werden aufgezeigt, etwa, dass Haug (württembergisch) und Hug (alemannisch) Varianten eines Namens darstellen, der vom Rufnamen Hugo stammt.

Das Team um Kunze und Nübling fasst in der neuen Ausgabe des Kleinen deutschen Familiennamenatlas die Hauptergebnisse aus den Forschungsjahren 2009 bis 2018 „in verständlicher Form“ zusammen und bezieht dabei neuere Migrationsbewegungen mit ein. In längeren Exkursen werden auch Familiennamen aus dem Türkischen, Griechischen, Italienischen, Französischen, Spanischen oder dem slawischen Bereich mit beleuchtet – was das Buch abrundet.

Der Kleine Deutsche Familiennamenatlas. Walter de Gruyter, Berlin. 745 Seiten, 49,95 Euro.

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