Baden-Württemberg

Die „exotischen Vögel“ vom Flugplatzcamp

Am Segelflugplatz in Binningen, bei Hilzingen im Hegau, werden 35 Waldrappe flügge und lernen von ihren menschlichen Ziehmüttern sogar das Fliegen. Interessierte können das Camp auch besuchen.

  • Die  Waldrappe ist ein Schreitvogel und zählt zur Familie der Ibisse und Löffler.Foto: Annette Frühauf
/Annette Frühauf

    Die Waldrappe ist ein Schreitvogel und zählt zur Familie der Ibisse und Löffler.Foto: Annette Frühauf /Annette Frühauf

„Sie sind vielleicht nicht schön, aber exotisch, skurril und interessant“, sagt Johannes Fritz über die Schreitvögel, die zur Familie der Ibisse und Löffler zählen. Für den Projektleiter ist Schönheit eben nicht alles, er hat das Waldrappteam 2002 gegründet. Seitdem ist der Österreicher federführend bei den Bemühungen um die Wiederansiedlung des Waldrapps in Europa, der im 17. Jahrhundert durch die Jagd ausgerottet wurde. Bereits im ersten Life-Projekt war Fritz Projektmanager, und auch im neuen Life-Projekt, das bis 2028 dauert, laufen die Fäden aus den vier Camps in Binningen, Burghausen, Rosegg und Kuchl bei ihm zusammen.

Begleitete Flugstunden

Anfang Mai ist das vierköpfige Team, zu dem die Campleiterin Laura Pahnke und die beiden Ziehmütter Helena Wehner und Barbara Steininger gehören, mit 35 jungen Waldrappen in die Vulkanregion gezogen. Hier sitzen die Vögel zwitschernd und schnatternd in ihrer Voliere. Einige thronen aufgereiht auf einer Stange und beäugen die Gegend. Andere nicken mit ihrem Kopf, der bei den jungen Tieren noch mit feinen Federn geschmückt ist. Bei den erwachsenen Vögeln ist er ziemlich kahl, das verleiht den hühnergroßen Tieren ihren etwas gewöhnungsbedürftigen Look. „Durch Nicken begrüßen sich die Vögel und uns“, sagt Helena Wehner, die bereits zum vierten Mal als Ziehmutter fungiert und die Tiere einfach drollig findet. „Es ist toll mitzuerleben, wie sie lernen und flügge werden“, schwärmt Barbara Steininger, die sich zum ersten Mal rund zwölf Stunden am Tag um ihre Schützlinge kümmert.

Zum Fliegen verlassen Mensch und Tier den riesigen Vogelkäfig. Da die Waldrappe auf ihre Ziehmütter geprägt sind, die sie bereits kurz nach dem Schlüpfen in einem Zoo in Kärnten übernommen haben, folgen sie ihnen überall hin. Mit ihren gelben T-Shirts sind die beiden schon von Weitem zu erkennen, und auf gelb sind die Tiere positiv geprägt. Die Prägung ist so stark, dass das Team davon ausgeht, dass die Vögel ihnen Anfang August sogar bis nach Andalusien ins Winterquartier folgen werden.

Auf den über 2300 Kilometern werden die Vögel von zwei Ultraleichtflugzeugen eskortiert, in denen neben den Piloten auch ihre Ziehmütter mitfliegen werden. Bis dahin sollen die Tiere einige hundert Kilometer am Tag fliegen können – mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von rund 40 Stundenkilometern. So lernen die Vögel ihre Zugroute kennen. Danach können sie in Andalusien ausgewildert werden. Die Waldrappe der Überlinger Kolonie, die es bereits seit einigen Jahren gibt, ziehen jährlich im Spätsommer über die Alpen und in die Toskana.

Tiere in Freiheit entlassen

„Durch den Klimawandel ist es auch am Bodensee länger warm. Daher starten die Vögel immer später ins Winterquartier und schaffen es, vermutlich wegen der dann fehlenden Thermik, nicht mehr über die Alpen“, bedauert Johannes Fritz. Im vergangenen Jahr mussten die Waldrappe aus Überlingen am Fuße der Alpen eingefangen und in Fahrzeugen in Richtung Toskana transportiert werden.

Bis zum Abflug der Jungvögel aus dem Hegau sind noch einige Flugstunden nötig. Vor allem müssen sich die Tiere an die Fluggeräte gewöhnen. Wenn die ungewöhnliche Gruppe dann im Camp in Andalusien angekommen ist, heißt es Abschied nehmen. „Ich bin glücklich, wenn die Tiere in Freiheit überleben. Das ist das Ziel meiner Arbeit“, ist sich Helena Wehner bewusst. Mit der App Animal Tracker kann man den Zug der Vögel mitverfolgen, und mit etwas Glück kehren einzelne Waldrappe bereits im nächsten Jahr zurück. Die letzten werden spätestens in zwei bis drei Jahren zurückerwartet. Dann sind sie geschlechtsreif und sollen ebenfalls in den Felsen rund um Überlingen brüten.

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