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Mehr Stars, mehr Geld

Vor der Tour de France präsentiert der Teamchef des Rennstalls Red Bull-Bora-hansgrohe interessante Ideen. Sein Ziel ist eine höhere globale Präsenz des Radsports.

Stuttgart - Der Radsport steht vor seinen drei heißesten Wochen des Jahres. Die Tour de France ist nicht nur ein nationales Kulturdenkmal, sondern auch das Hochglanzprodukt der Branche. Mehr als drei Milliarden Fans erreicht das größte, jährlich stattfindende Sportereignis der Welt über verschiedenste Kanäle, zugleich ist die Frankreich-Rundfahrt eine rollende Werbekarawane, die als weitgehend ausvermarktet gilt. Trotzdem sieht Ralph Denk reichlich Verbesserungspotential. Für die Tour. Und für den gesamten Radsport.

Ralph Denk (52) gehört nicht zu den Gesichtern des Pelotons. Sehr wohl aber zu den führenden Köpfen. Und zu den Vordenkern. Der Oberbayer hat aus dem Nichts den Rennstall aufgebaut, der heute Red Bull-Bora-hansgrohe heißt und zu den ganz Großen im Geschäft gehört – mit einem Jahresetat von angeblich 50 Millionen Euro. Zufrieden gibt sich Ralph Denk damit nicht. Sein großes Ziel ist nicht nur, mit seinem Team die Tour de France zu gewinnen. Sondern auch, Grenzen zu verschieben.

Globale Präsenz Der Radsport ist weltweit präsent, aber auf einen Kontinent fokussiert. Alle großen Rennen – die drei dreiwöchigen Rundfahrten, die fünf Monumente, andere Klassiker – finden in Westeuropa statt. Wichtige Märkte wie die USA oder China werden kaum bespielt. Das Vermarktungspotenzial, das brach liegt, nennt Ralph Denk „irre“. Weshalb er fordert, sich zu öffnen. „Meine Kollegen und ich wünschen uns sehnsüchtig ein großes World-Tour-Rennen in den USA“, sagt der Chef von Red Bull-Bora-hansgrohe, „wir Teams wollen den Radsport größer machen. Es gibt viele Länder, in denen es eine große Rad-Community gibt und unser Sport zum Lifestyle geworden ist, aber keine Rennen auf hohem Niveau stattfinden. Ich wünsche mir ein globaleres Produkt.“ Was zwangsläufig dazu führen würde, dass mehr Geld in den Kreislauf fließt. Ralph Denk nutzt ein anderes Bild: „Der Kuchen, der verteilt werden kann, muss größer werden.“

Elite-Rennen Im Tennis gibt es die vier Grand-Slam-Turniere, im Golf die vier Major-Wettbewerbe, im Skispringen die Vierschanzentournee und in vielen Sportarten attraktive Weltcup-Veranstaltungen – überall haben die Zuschauer die Garantie, dass auch die Besten der Besten dabei sind. Im Radsport ist das anders. Bei der Tour de France treffen sich Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard zum ersten Mal seit dem 27. Juli wieder. Damals standen sie nach der letzten Etappe der Frankreich-Rundfahrt 2025 in Paris zusammen auf dem Podium. Gegeneinander angetreten sind sie seither nicht mehr, und auch andere prägende Figuren wie Remco Evenepoel, Paul Seixas, Mathieu van der Poel, Wout van Aert oder Florian Lipowitz haben völlig unterschiedliche Rennprogramme. Ginge es nach Ralph Denk, würden die Top-Stars der Szene dazu verpflichtet werden, öfter gemeinsam am Start zu stehen: „Warum soll es das nur bei der Tour und nicht öfter im Jahr geben? Jeder Radsport-Fan würde sich freuen, wenn er darauf nicht immer bis zum Sommer warten muss.“ Der Teamchef von Red Bull-Bora-hansgrohe hätte auch noch klarer sagen können, was er denkt – dass es, um in der globalen Vermarktung voranzukommen, unerlässlich ist, die Gesichter einer Sportart so oft wie möglich um Siege konkurrieren zu sehen. Nicht nur im Juli in den Alpen und Pyrenäen.

Siegprämien Auch im Radsport können Profis gutes Geld verdienen, erst recht gilt diese These für die Stars der Szene. Tadej Pogacar soll beim Team UAE Emirates auf ein Jahressalär von acht Millionen Euro kommen. Das Problem aus Sicht der Rennställe: Sie müssen ihren eigenen Betrieb zu 95 Prozent aus Sponsorengeldern finanzieren, was eine große Abhängigkeit und Unsicherheit mit sich bringt. Und zugleich ist das Gehalt, das sie ihren Fahrern bezahlen, deren mit Abstand wichtigste Einnahmequelle. Obwohl die Amaury Sport Organisation (ASO), ein privates Unternehmen, mit der Tour de France geschätzt 30 Millionen Euro pro Jahr verdient, sind die Preisgelder eher bescheiden. Der Wimbledon-Sieger im Tennis kassiert 4,16 Millionen Euro, der Sieg beim US-Masters im Golf in Augusta ist 3,93 Millionen Euro wert. Der Gewinner der Tour de France erhält nach drei knüppelharten Wochen 500.000 Euro, insgesamt schüttet die ASO 2,57 Millionen Euro an Prämien aus, sogar etwas weniger als 2025. „Was das Preisgeld angeht“, sagt Ralph Denk, „können einem die Jungs leid tun.“ Oder anders ausgedrückt: Will der Radsport weltweit (noch) mehr Aufmerksamkeit generieren, muss geklotzt werden. Auch bei den Verdienstmöglichkeiten.

Eintrittsgelder Bisher lebt der Radsport in Europa auch von seiner unfassbaren Nähe zu den Fans. Jeder kann an die Strecke, Teil des Rennens sein, die Atmosphäre aufsaugen – und das, ohne Eintritt zu bezahlen. Wer Ralph Denk danach fragt, bekommt eine Geschichte von der Streif zu hören. Bei der Abfahrt in Kitzbühel müsse man schon 30 Euro bezahlen, um irgendwo im Wald zu stehen und die Skirennläufer aus 40 oder 50 Meter Entfernung vorbeirasen sehen zu dürfen. „Die aktuelle Situation bedeutet für den Radsport-Fan einen großen Genuss“, sagt Ralph Denk, der sich durchaus vorstellen kann, für bestimmte Bereiche (Start, Ziel oder spektakuläre Anstiege) künftig Eintritt zu verlangen: „Man könnte gewisse Strecken frei zugänglich lassen, andere Zugänge aber monetarisieren.“ Und das erwirtschaftete Geld in die Weiterentwicklung investieren. Wie die Zukunft genau aussehen wird, weiß Ralph Denk nicht. Eines ist für ihn aber klar: „Der Radsport hat ein riesiges Potenzial.“

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