Herzogenaurach - Jürgen Klopp kommt gerne auf sich selbst zurück. Auf den Typen, der ein durchschnittlicher Zweitligaverteidiger war. Dann übernahm Wolfgang Frank den FSV Mainz 05. Das war in den 1990er Jahren und der schwäbische Fußballtüftler vermittelte nicht nur der Mannschaft die ballorientierte Verteidigung, sondern vor allem Klopp. Er wurde als Spieler in diesem System besser. Und bis heute ist der Bundestrainer ein Überzeugungstäter, weil er erlebt hat, wie diese Spielweise zudem Teams stärker macht und Gegner unter Stress setzt.
Also daran wird nicht gerüttelt. Die Nationalmannschaft verteidigt künftig ballorientiert im Klopp-Stil, nicht mannorientiert, wie es europaweit im Trend liegt. Der Bundestrainer reiht eine Viererabwehrkette auf. Das ist klar – und ebenso klar ist, dass Joshua Kimmich nicht die Position des Rechtsverteidigers einnehmen wird. „Wir sehen ihn als Mittelfeldspieler. Wir hatten nicht ein Gespräch, in dem wir von ihm als Rechtsverteidiger gesprochen haben“, erklärte der 59-Jährige bei der Kaderbekanntgabe in Frankfurt über den Austausch mit seinen Assistenten.
Joshua Kimmich rückt wieder in das zentrale Mittelfeld. Er bleibt auch Nationalmannschaftskapitän und damit vorerst ein Fixpunkt in der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). „Natürlich muss ein Spieler mit seiner Erfahrung, in seinem Alter, vorneweggehen. Aber wir müssen uns auf eine neue Art Fußball einstellen. Wir haben taktische Themen, die wir zügig angehen müssen. Ich habe keinen Zweifel, dass er sein Potenzial abruft“, sagte Klopp über die Rolle des 31-Jährigen.
Wenig Zeit verbleibt dem neuen Bundestrainer, um die berufenen Spieler zunächst in Herzogenaurach kennenzulernen und auf die erste Begegnung an diesem Donnerstag (20.45 Uhr/RTL) in Amsterdam gegen die Niederlande einzustellen. Ein reizvolles Duell gegen den Rivalen in der Nations League, das jenseits des Ergebnisses unter besonderen Vorzeichen steht. Es soll der ersehnte Neuanfang nach einer verkorksten WM unter Julian Nagelsmann sein. Klopps Vorgänger hatte Kimmich noch auf der rechten Abwehrseite aufgeboten – aus Mangel an Alternativen.
Diese Maßnahme führte vor allem bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer zu einer schrägen Variante, weil Nagelsmann dem Akteur des FC Bayern München gleichzeitig das Gefühl geben wollte, irgendwie noch im Zentrum stehen zu dürfen. Klopp hält von solchen Verschiebungen nichts. Er will Rechtsverteidiger in der DFB-Elf haben, die sich auch als Rechtsverteidiger verstehen. Und der Bundestrainer will keine Diskussion darüber, was Rückkehrern wie Josha Vagnoman vom VfB Stuttgart oder Neulingen wie Philipp Treu vom SC Freiburg neue Chancen eröffnet.
Der Rekordnationalspieler Lothar Matthäus geht als TV-Experte sogar so weit, dass er meint, auch Finn Jeltsch sei ein Kandidat für die Außenposition im Nationalteam. Der 20-Jährige hat diese Stelle beim VfB bereits besetzt. Sporadisch allerdings nur, denn sein Kerngebiet ist die Innenverteidigung – und in der Abwehrmitte sieht ihn der Bundestrainer als Mann der Zukunft.
Im ersten Abschnitt der Länderspielabstellungen (am Sonntag geht es in Augsburg gegen Griechenland) ist es auch so, dass Jeltsch gar nicht dabei ist. Er stößt aus Stuttgarter Sicht erst im zweiten Block (mit den weiteren Nations-League-Spielen gegen Serbien in München und in Thessaloniki gegen Griechenland) mit Maximilian Mittelstädt dazu.
Josha Vagnoman steht dagegen schon zu Klopps Premiere im DFB-Aufgebot und hat zu seiner Nominierung viel Lob aus dem Mund des Bundestrainers erhalten. Schnell, zweikampfstark, körperlich robust und torgefährlich. Das sind Stärken, mit denen Klopp etwas anzufangen weiß. Er gehört ja zu den Fußballlehrern, die lieber bewerten, was ein Spieler kann, und weniger damit hadern, was ein Spieler nicht kann. „Ich höre immer, wir haben keine Rechtsverteidiger“, meinte Klopp kürzlich mit einer gewissen Süffisanz.
Auf Weltklasseniveau ist das so. Seit Philipp Lahm nach der WM 2014 zurückgetreten ist, herrscht der gefühlte Notstand. Klopp will das ändern und frische Lösungen präsentieren – mit den Spielern, die ihm zur Verfügung stehen und die richtige Mentalität mitbringen. Der Stuttgarter Vagnoman zum einen, der Freiburger Treu zum anderen. Sie stehen in der Bundesliga ihren Mann wie Vagnoman, der gegen Borussia Dortmund eine gute Leistung bot, und wie Treu, der konstant auftritt. Im zweiten Abschnitt kommt dann noch Ridle Baku als klassischer Rechtsverteidiger hinzu, um die Leerstelle in der Nationalmannschaft möglichst gut auszufüllen. Ballorientiert à la Klopp.
