Winston Salem - Meinungen gibt es seit vergangenen Montag genug zur deutschen Fußball-Malaise rund um die Nationalmannschaft. Auch Thomas Hitzlsperger hatte nach dem WM-Aus der DFB-Elf gegen Paraguay und der folgenden Diskussion um die Position des Bundestrainers eine. Der Ex-Nationalspieler sagte am Mittwoch in der ARD sinngemäß: Es muss jetzt angepackt werden, schnell gehen, nicht in die Länge gezogen werden. Die Oberen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) haben den früheren Stuttgarter erhört.
Am Donnerstagvormittag jedenfalls kam Julian Nagelsmann aus München in die DFB-Zentrale nach Frankfurt. Dort warteten auf den Noch-Bundestrainer: der Sportdirektor Rudi Völler, der Geschäftsführer Andreas Rettig, der Präsident Bernd Neuendorf und der Ligapräsident Hans-Joachim Watzke. Es ging, so schreibt es die „Bild“, um eine umgehende Analyse – und angeblich auch: doch um einen Rücktritt.
Offenbar wurde ein solcher Nagelsmann nahegelegt. Von einer sehr stattlichen Abfindung ist zudem die Rede, angeblich in Höhe von rund sieben Millionen Euro. Nagelsmann, der einen Rücktritt bislang abgelehnt hatte („Ich bin keiner, der wegrennt“) besitzt einen Vertrag bis 2028.
Eine Entscheidung ist keine gefallen, angeblich soll das aber zügig nachgeholt werden, bis spätestens Anfang kommender Woche, heißt es. Nicht verwundern würde es, wenn die Granden aus dem Frankfurter DFB-Campus bis dahin auch das Gespräch mit dem augenscheinlich einzigen Nachfolge-Kandidaten suchen.
Jürgen Klopp. Kein anderer Name wird mehr gehandelt. Jedenfalls nicht ernsthaft. Klopp soll’s machen. Das fordert auch Volkes Stimme, seit Jahren. Er ist eine Art Sehnsuchtstrainer für die Deutschen. Derjenige, der bereits nach den verkorksten Weltmeisterschaften 2018 und 2022 die Hoffnung verkörperte, die Nationalmannschaft wieder in die Erfolgsspur zu bringen. Mit dem kleinen praktischen Problem, dass die Karriereplanung des beliebten Fußballlehrers zum jeweiligen Zeitpunkt etwas anderes vorsah.
Zum Beispiel: dem FC Liverpool zu altem Glanz in der Champions League zu verhelfen – was mit dem Triumph 2019 gelang. Ein Jahr später feierte er mit dem englischen Traditionsclub die lang ersehnte Meisterschaft nach 1990. Zuvor hatte „Kloppo“ Borussia Dortmund zu Titeln getrieben.
Doch aktuell stellt sich die Situation anders dar. Klopp, der als Menschenfänger gilt, ist seit seinem Rückzug in Liverpool vor zwei Jahren nicht mehr an der Seitenlinie tätig. Nach einer Pause hat der gebürtige Stuttgarter schließlich im Januar 2025 einen strategischen Posten im österreichischen Red-Bull-Imperium übernommen. „Global Head of Soccer“ steht auf Klopps Visitenkarte. Damit ist er Herr eines Konzernzweigs, der die RB-Clubs und deren edle Ausbildungsstätten für Weltklassespieler beheimatet. Diese sind verteilt über mehrere Kontinente. Dazu berät er in Trainer- und Personalfragen die weit verzweigten Roten Bullen.
Offenbar lastet diese Funktion den Fußballfachmann nicht aus, da Klopp während der WM als Experte bei MagentaTV und über seine vielen Werbepartner äußerst präsent erscheint. Angeblich soll der Charismatiker mit seiner Haupttätigkeit jedoch nicht zufrieden sein, schreibt der „Spiegel“. Auch Red Bull soll nicht ganz glücklich sein, wie es mit dem neuen Gesicht der Fußballsparte läuft. So berichtet der österreichische „Standard“ darüber, dass konzernintern darüber genörgelt wird, dass er während des Turniers in Nordamerika nicht beim hauseigenen Sender Servus TV zu sehen sei.
Sei’s drum. Offenbar ist gerade aus verschiedenen Gründen ein geschickter Zeitpunkt, Klopp zu fragen, ob er nicht Bundestrainer werden wolle. Ausgestattet mit einem hochdotierten Vertrag und einer Menge an Befugnissen. Er sei bereit, heißt es aus seinem Umfeld, wie verschiedene Medien berichten. Klopp selbst hält sich bedeckt, verweist auf seinen TV-Job bei der WM. Mehr braucht es zurzeit nicht an Kommunikation in eigener Sache, nachdem er sich mit umstrittenen Aussagen wie ein Schatten über Nagelsmanns Wirken bei der WM gelegt hat – zu Turnierbeginn.
Mit dem Fiasko von Foxborough haben die Diskussionen dann eine nicht aufzuhaltende Dynamik entwickelt. Dabei verdichten sich nach der Rückreise aus den USA die Anzeichen, dass es ohne Nagelsmann und mit Klopp in Richtung EM 2028 gehen wird. Die Entscheidung würde im Nachgang der Vorverhandlungen strikt nach Verbandsorganigramm getroffen werden.
Julian Nagelsmann untersteht formal seinem Mentor Rudi Völler. Der Sportdirektor berichtet an den über ihn gestellten Geschäftsführer Andreas Rettig, der wiederum vor der Gesellschafterversammlung und dem Aufsichtsrat der DFB GmbH & Co.KG geradestehen muss. Die beiden Gremien sind zustimmungspflichtig beim Wechsel auf der Position des Bundestrainers.
Besetzt sind die Kontrollorgane an der Spitze mit Ligapräsident Watzke von Borussia Dortmund und DFB-Präsident Neuendorf (Vertreter der Gesellschafter) sowie Alexander Wehrle, dem Vorstandschef des VfB Stuttgart (Aufsichtsrat). Wobei sich vor allem Watzke als Strippenzieher im Hintergrund versteht. Er ist gut vernetzt, nimmt gerne Einfluss. Und, auch das ist nicht irrelevant: Er ist ein Klopp-Intimus.
