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Bosnien im Ausnahmezustand

Die Mannschaft von VfB-Stürmer Ermedin Demirovic steht erstmals in der Geschichte des Landes in der K.-o.-Runde einer WM – und will gegen Co-Gastgeber USA überraschen.

Santa Clara - Die Nacht zum Tag machen? Dass die Fans von Bosnien-Herzegowina darin echte Spezialisten sind, brauchen sie niemandem mehr zu beweisen. Nach der erfolgreichen WM-Qualifikation gegen Italien im März war an Schlaf in Sarajevo nicht zu denken, Zehntausende Anhänger fluteten die Straßen und feierten ihre Helden bis in den Morgen. Man kann also davon ausgehen, dass es auch jetzt keine Handbremse geben würde, sollte das erste K.-o.-Spiel in der Geschichte des Landes bei einer WM-Endrunde erfolgreich verlaufen. Am frühen Donnerstagmorgen steigt es, wenn das Team im Sechzehntelfinale auf die USA trifft (2 Uhr) – und dabei ein ganzes Land hinter sich hat.

Eigentlich sind die Erwartungen ja schon übererfüllt, Stürmer Ermedin Demirovic (28) vom VfB Stuttgart hatte bereits die bloße Qualifikation für die Endrunde als gefühlten Weltmeistertitel bezeichnet. Erst zum zweiten Mal nach 2014 ist Bosnien-Herzegowina überhaupt bei einer WM-Endrunde dabei, nun gelang erstmals das Weiterkommen nach der Vorrunde. Natürlich gehört zur Wahrheit, dass man als Gruppendritter auch Profiteur des neuen Modus war – vor zwölf Jahren in Brasilien reichte dieselbe Platzierung noch nicht zum Einzug in die nächste Runde. Der gegenwärtigen Euphorie tut das aber keinen Abbruch. Und jetzt, da man auf der großen Bühne schon so weit gekommen ist, soll auch noch nicht Schluss sein.

Zlatan Ibrahimovic drückt die Daumen

Zwar sei nun alles Bonus, betont der Nationaltrainer und frühere Bundesliga-Stürmer Sergej Barbarez – ergänzt aber umgehend: „Unser Ziel ist es, das Spiel zu gewinnen. Und ich glaube, wir sind selbstbewusst genug, um das zu schaffen.“ Die Favoritenrolle haben die Bosnier gegen den Co-Gastgeber zwar nicht inne, als Außenseiter fühlen sie sich aber ohnehin pudelwohl. Den Gegner spielt die Mannschaft selten an die Wand, mannschaftliche Geschlossenheit und leidenschaftliches Verteidigen sind die großen Trümpfe. Das prägt auch die Spiele von Demirovic, der viel ackert in diesen Tagen in Amerika. Auf ein WM-Tor wartet der Stuttgarter noch, zum Stammpersonal zählte er allerdings bislang in jeder Partie – zuletzt gegen Katar (3:1) an der Seite von Routinier Edin Dzeko (40) als Doppelspitze.

So viele Offensivakzente wie in dieser entscheidenden Vorrunden-Begegnung wird das Team nun gegen die USA womöglich nicht setzen – es ist aber davon auszugehen, dass auf bosnischer Seite keine Nervosität aufkommt, sollte es länger remis stehen oder sich gar ein Elfmeterschießen abzeichnen. Da hat die Mannschaft nämlich einen ausgewiesenen Experten zwischen den Pfosten, Torhüter Nikola Vasilj parierte für den FC St. Pauli in den vergangenen beiden Bundesliga-Spielzeiten sechs von zehn Strafstößen. Bis es dazu kommen könnte, wird aber eine Menge Arbeit gefordert sein.

Dagegenhalten – dieses Motto gilt auch auf den Rängen, wo die bosnischen Fans im kalifornischen Santa Clara gegenüber den US-Amerikanern in der Unterzahl sein dürften. Aber: In den bisherigen Partien haben sich die Anhänger in den blauen Trikots stets auch akustisch bemerkbar gemacht, Festtage in den Stadien gefeiert, mit Inbrunst gesungen, ihr Team unterstützt.

Dass obendrein ein prominenter Fan die Daumen drückt, verleiht ein wenig zusätzlichen Rückenwind: Zlatan Ibrahimovic, seines Zeichens früherer schwedischer Starstürmer mit Hang zu exzentrischen Auftritten, fiebert aufgrund der Herkunft seines Vaters mit der bosnischen Nationalelf mit: „Dieses Land hat so viel Leid erlebt. Jetzt diese Freude zu sehen, macht mich sehr emotional. Ich bekomme eine Gänsehaut und bin einfach glücklich.“ Nun blickt Ibrahimovic am frühen Donnerstagmorgen nach Kalifornien – wie so ziemlich alle in Bosnien-Herzegowina, die sich im Ansatz für Fußball interessieren. Klar ist: Sie würden im Erfolgsfall kein Auge zumachen.

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