Karate. Auch wenn sich das Teilnehmerfeld bei den verschiedenen Parakarate-Disziplinen von den vergangenen deutschen Meisterschaften im Jahr 2021 zur DM am heutigen Samstag in der Ludwigsburger Rundsporthalle von 17 auf 29 Teilnehmern fast verdoppelt hat, für die Kämpfer des Karateclubs Vaihingen gibt es nur ein Ziel: „Albert Singer und Michael Lesic wollen in ihrer Kategorie Kata Einzel Menschen mit geistiger Behinderung die ersten beiden Plätze belegen“, sagt Trainer Arthur Bastian. „Das erwarten die beiden auch von sich selbst.“
Die Konkurrenz ist aber gewaltig. Insgesamt zwölf Karateka sind bei den Menschen mit geistiger Behinderung am Start. Angeführt wird die Konkurrenz der beiden Vaihinger von Marvin Nöltge (Karate Dojo Waldkirch-Kollnau) – wie Singer zuletzt Dritter bei den Weltmeisterschaften. Bastian nimmt es sportlich: „Der Beste soll gewinnen. Und auch wenn weder Albert noch Michael Erster werden, geht die Welt nicht unter“, erklärt der Übungsleiter und Vereinsvorsitzende. Vielleicht hat es sogar einen Vorteil. „Dann wissen sie, dass sie sich wieder mehr anstrengen wissen“, erklärt Bastian.
Ein Platz auf dem Podest wäre aber wichtig. Denn Bundestrainer Heiko Kuppi wird bei der DM für die Europameisterschaft, die vom 25. bis 29. Mai im türkischen Gaziantep stattfindet, sichten. Den traut Bastian eher Singer als Lesic zu. „Albert nimmt es etwas genauer. Er ist konsequenter und auch konstanter“, berichtet der Trainer.
Dass die DM in Ludwigsburg und damit vor der Haustür der Vaihinger stattfindet, sieht Bastian nicht unbedingt als Heimvorteil. „Ich hoffe natürlich, dass ein paar Leute in die Rundsporthalle fahren, um die Jungs zu unterstützen“, erklärt der Übungsleiter. „Aber wenn man an und auf der Kampffläche steht, achtet man nicht mehr auf die Zuschauer. Dann sieht man nur noch die Personen, die direkt um einen herumstehen, hofft aber, dass möglichst viele die Daumen drücken.“
Die Vorbereitung lief gut für Singer und Lesic. Beide haben immer donnerstags eine Stunde Techniktraining und samstags vier Stunden Fördertraining im Verein absolviert – zu den etlichen Stunden, die die beiden zu Hause individuell an ihren Katas gearbeitet haben. „Genau wie die meisten Kampfrichter kenne ich die Katas nicht im Einzelnen. Aber ich weiß, worauf die Kampfrichter achten – dass die Technik richtig ausgeführt wird und dass der Stand passt. Auch die Atmung ist ein wichtiger Bestandteil. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man die Luft anhält. Darauf habe ich in den Trainingseinheiten Wert gelegt“, erzählt Bastian und fügt hinzu: „Sowohl Albert als auch Michael sind gut vorbereitet.“
In der Kategorie Menschen mit psychischer Behinderung ist auch Achim Haubennestel (MTV Ludwigsburg) am Start. Der Vaihinger hat bereits eine Medaille sicher, bevor überhaupt eine Kata gelaufen wurde. Denn in seiner Kategorie ist nur noch ist nur noch Jens Nopper (VfL Traben-Trarbach) gemeldet.
Als einziger Vertreter in der Disziplin Kumite aus dem Raum Vaihingen ist André Henschel (MTV Ludwigsburg) in der Gwichtsklasse bis 60 Kilogramm am Start. Der Deutsche Junioren-Meister von 2018 in der Gewichtsklasse bis 55 Kilogramm hat aber einen relativ schweren Pool erwischt. Schon in der zweiten Runde trifft der Eberdinger auf den amtierenden deutschen Vizemeister Felix Kuse (Sport- und Karateschule Stassfurt), sollte er sich zunächst Soufiane Jaounni (TSV Reinbek) durchgesetzt haben. Den anderen beiden Schwergewichten im Wettbewerb geht Henschel aber aus dem Weg, dem Deutschen Meister von 2021 Edgard Merkine (Karate-Schule Nippon Bremerhaven) und dem U-21-Titelträger Maxim Harisow (SV Herkules Kassel).
Nicht mehr in ihren Karateanzug bei der DM schlüpfen wird Lena Staiger (Kime Budsport Binswangen). Die Kleinglattbacherin hat schon mit Mitte 20 ihre aktive Laufbahn beendet. „Ich habe mit dem deutschen Meistertitel bei den Frauen im vergangenen Jahr einen schönen Abschluss gehabt“, berichtet die Kleinglattbacherin. „Doch schon in der Vorbereitung auf die DM im vergangenen Jahr habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr so gebrannt habe für den Sport. Der Energieaufwand, sich zu puschen, zwei Mal pro Tag zu trainieren und immer ans Limit zu gehen, wurde gefühlt immer größer. Anstrengend hat die Situation auch mein Umfeld gemacht. Ich hatte ja schon seit Jahren im Verein keinen eigenen Trainer mehr.“
Bereut hat sie den Schritt, nach rund 20 Jahren Leistungssport mit den Anfängen beim Karateclub Vaihingen (Staiger: „Ich bin meinem Heimatverein sehr dankbar. Da wurden die richtigen Grundlagen gelegt.“) selbst nicht mehr auf die Kampffläche zu treten, noch nicht. Staiger ist allerdings dem Karate erhalten geblieben. „Es würde etwas fehlen, wenn ich einen kompletten Schnitt vollzogen hätte. Ich bin weiterhin Trainerin und werde als Teil des Landestrainerteams auch in Ludwigsburg vor Ort sein“, erklärt die 26-Jährige.
Ein Comeback schließt sie aus. „Man soll zwar nie nie sagen. Aber ich denke schon, dass ich das Kapitel für mich abgeschlossen habe. Denn wenn ich wieder kämpfen würde, hätte ich den Anspruch, auf dem gleichen Niveau wie zuletzt zu performen“, erklärt Staiger. Und sich dahin nach einer Pause zurückzukämpfen, wäre wahrscheinlich ein zu hoher Aufwand. Zumal es schon schwierig war, als sie voll im Saft stand, Beruf und Sport unter einen Hut zu bringen.

