Fußball. Für Aufsehen hat zuletzt der Abbruch des Spitzenspiels der Fußball-Bezirksliga zwischen dem FSV 08 Bissingen und Croatia Bietigheim gesorgt. Zwar führte Croatia-Trainer Muhamed Bajrami seine Mannschaft in der 83. Minute nach aus seiner Sicht zwei fragwürdigen Platzverweisen und einen Elfmeterpfiff gegen sein Team vom Platz. Seine Begründung: Er habe sich und seine Mannschaft vom Schiedsrichter die gesamte Partie über benachteiligt gefühlt. Man kann davon ausgehen, dass weder er noch Anhänger von Croatia mit ihrem Unmut gegenüber dem Unparteiischen hinter dem Zaun gehalten haben.
Wirklich in Erinnerung bleiben aber nur die Fälle, in denen die Beleidigungen am Ende in körperliche Gewalt gegenüber dem Schiedsrichter ausarten – so zum Beispiel in Saison 2019/2020, als der TSV Enzweihingen in der Kreisliga B 7 beim TSV Großglattbach spielte, oder vor knapp acht Jahren, als der FV Kirchheim mit dem TSV Nussdorf im Hardtwäldle um den Aufstieg in die Bezirksliga kämpfte. „Um zu verstehen, worüber wir bei den schlimmsten Fällen reden, muss man auch die sprachliche Gewalt benennen“, erklärt Thaya Vester zu ihrer aktuellen Studie zu Spielabbrüchen im Amateurfußball. In den Akten findet man übelste Beleidigungen, rassistische und misogyne Diskriminierungen und auch Morddrohungen.
Eine wissenschaftliche Untersuchung von Christian Rullang hat schon 2017 ergeben, dass Beleidigungen von Schiedsrichtern fast an der Tagesordnung sind. Von den befragten 4399 Unparteiischen gaben nur 230 an, noch nie beleidigt worden zu sein. Das entspricht gerade einmal 5,2 Prozent der an der Studie Beteiligten. Auf der anderen Seite sagten 977 – mit 22,2 Prozent der Befragten rund ein Viertel –, dass sie schon häufig Opfer von Beleidigungen geworden sind.
„Es ist ein allgemeines gesellschaftliches Problem und gibt es nicht erst seit gestern. Und die Pandemie hat das Problem noch mal verstärlt. Heutzutage ist es in Deutschland praktisch nicht mehr möglich, gesittet eine Diskussion zu führen“, erklärt Ingo Ernst, der Vorsitzende des Fußballbezirks Enz/Murr. „Einige haben dann unter der Woche vielleicht etwas Stress auf der Arbeit gehabt und wollen am Wochenende ihren Frust abbauen. Aber dazu ist der Sportplatz der falsche Ort. Und ich höre dann immer: Emotionen gehören zum Fußball oder zum Sport generell dazu. Allerdings kann man nicht alles mit Emotionen begründen.“
Der Hessische Fußball-Verband (HFV) hat nun ein Pilotprojekt in den Jugendklassen angestoßen, um den zunehmenden verbalen Ausfällen vor allem auch der Zuschauer entgegenzuwirken. Dieses umfasst ein Drei-Stufen-Moedell. Nimmt der Schiedsrichter eine Beleidigung wahr, wird das Spiel in der ersten Stufe für fünf, bei einer Wiederholung in der zweiten Stufe für zehn Minuten unterbrochen. Der Grund der Unterbrechung wird beiden Trainern und dem Platzordnerobmann mitgeteilt, so dass diese den Dialog mit den aggressiven Zuschauern suchen können. In letzter Konsequenz, wenn sich die Zuschauer nicht beruhigen oder der Sportanlage verweisen lassen, soll das Spiel abgebrochen werden. Letztlich muss dann das Sportgericht über die Konsequenzen des Spielabbruchs entscheiden. Unter Beleidigungen fallen aber nicht kritische Äußerungen über die Leistung des Schiedsrichters. Sätze wie „Schiri, das war Abseits“ oder „Was pfeifst du wieder für einen Dreck“ fallen darunter. Wenn es allerdings persönlich wird – meist mit einem Kraftausdruck –, sei definitiv eine Linie überschritten.
„Jeder Verein ist für seine Zuschauer verantwortlich. Und es ist nicht hinnehmbar, sich dass Zuschauer unter der Gürtellinie artikulueren. Schiedsrichter sind kein Freiwild“, erklärt Ernst. Für den Vorsitzenden im Bezirk Enz/Murr ist das ein gutes Modell, um Ausfälligkeiten auf den Sportplätzen einzudämmen. Denn Spieler und Teamverantwortliche könnten wahrscheinlich am meisten bewirken. „Irgendwann werden sich die Spieler über die Zuschauer aufregen, wenn die Partie dauernd unterbrochen wird“, berichtet Ernst. Spätestens dann sei der Punkt erreicht, dass die Spieler ihren Einfluss geltend machen würden.
Und geht es nach Ernst, dann gibt es demnächst ein ähnliches Projekt auch im Bereich des Württembergischen Fußball-Verbands (WFV). „Der Bezirk Enz/Murr hat die Unterlagen des Hessischen Fußball-Verbands an den WFV geschickt mit der Bitte, eine Umsetzung in Württemberg zu prüfen. Wir, also der Bezirk Enz/Murr, wären auch bereit, ein solches Pilotprojekt umzusetzen“, erklärt Ernst. „Vielleicht setzt dann bei den Personen, die immer wieder auffallen, ein Lernprozess ein. Man muss seine Emotionen im Zaum halten, um nicht beleidigend zu werden. Ein normales Kritisieren des Schiedsrichters ist ja kaum noch zu hören. Meist wird noch eine Beleidigung drangehängt“, berichtet der Bezirksvorsitzende.
Die Entscheidung liegt nun in Stuttgart. Denn: Um so ein Projekt umzusetzen, müsste die Spielordnung gendert werden. „Der WFV hat die Zeichen der Zeit auch erkannt. Wir haben jetzt schon ein Schiedsrichter-Problem: Immer weniger junge Menschen wollen zur Pfeife greifen. Doch wenn wir die Unparteiischen nicht schützen, wird das Problem immer größer. In letzter Konsequenz werden Spiele in den untersten Klassen überhaupt nicht mehr mit Schiedsrichtern besetzt“, berichtet Ernst.

