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Vom Kapitän zum Hinterbänkler

Seit er am 2. Mai im Spiel bei der TSG Hoffenheim Rot sah, hat Atakan Karazor keine Minute mehr für den VfB gespielt. Gibt es in Sinsheim eine neue Chance?

  • Nur noch in der Zuschauerrolle: Ex-VfB-Kapitän Atakan KarazorFoto: Baumann

    Nur noch in der Zuschauerrolle: Ex-VfB-Kapitän Atakan KarazorFoto: Baumann

Stuttgart - Als beim Stand von 3:1 in der Champions League gegen Viking Stavanger die 86. Spielminute angebrochen war und mit Ameen Al-Dakhil der letzte Einwechselspieler des VfB die Partie gegen den norwegischen Meister bereicherte, da war es für den ehemaligen Kapitän der Stuttgarter Gewissheit: Atakan Karazor hat auch im vierten Pflichtspiel der Saison von seinem Cheftrainer Sebastian Hoeneß keine einzige Einsatzminute erhalten.

Natürlich ist die Saison noch jung – und es werden sich bei einem Programm von 44 Saisonspielen plus x beim Tanz auf drei Hochzeiten noch viele Möglichkeiten ergeben. Und doch dürfte der rapide Bedeutungsverlust für Karazor, der noch im Mai 2025 als Capitano den DFB-Pokal als Erster in die Berliner Abendluft heben durfte, eine sehr schmerzliche Erfahrung sein. Vom Anführer zum Hinterbänkler in nur wenigen Monaten – das muss auch ein gestandener Profi wie der 29-jährige Essener mit deutschem und türkischem Pass erst einmal verarbeiten. Von 2019 an hatte Karazor von Holstein Kiel kommend den VfB mit aus den Niederungen der zweiten Liga geführt.

Weil der defensive Mittelfeldspieler ein erfahrener Bundesligaakteur ist – und vor allem, weil das VfB-Gen längst tief in seiner DNA verwurzelt ist, wird Atakan Karazor sich nicht öffentlich über seine Lage beschweren. Auch wenn aktuell gar der Jungprofi Yanik Spalt an ihm vorbeigezogen ist. „Der VfB bedeutet mir so viel. Ich weiß, was ich dem Verein zu verdanken habe – und will ihm das alles zurückgeben“, hatte Karazor vor einigen Monaten gesagt.

Aktuell geben andere beim VfB den Ton an. Die Spielführerbinde trägt inzwischen Deniz Undav. Und mit dem Hoffenheim-Neuzugang Grischa Prömel ist gerade jener Spieler unter den VfB-Profis von Trainer Sebastian Hoeneß zu Undavs Stellvertreter bestimmt worden, der auf dem Feld an der Seite von Angelo Stiller die Stammposition von Karazor eingenommen hat.

Allerdings ist diese Entwicklung keineswegs aus dem Nichts gekommen. Den ersten Nackenschlag hatte Atakan Karazor im Mai hinnehmen müssen, als ihn der türkische Nationaltrainer Vincenzo Montella zwar ins erweiterte Aufgebot berief, ihn aber letztlich nicht mit zur WM nahm. Während die Türken als Gruppenletzter beim Turnier in Nordamerika ausschieden, zogen für den defensiven Mittelfeldspieler in heimischen Gefilden neue dunkle Wolken auf.

Bereits in der abgelaufenen Spielzeit hat sich Atakan Karazor im Neckarpark behaupten müssen. Als VfB-Kapitän zu dieser Zeit noch unumstritten, sägte der junge Spanier Chema eifrig an seinem Stuhl. Zur Erinnerung: In den ersten Spielen der Vorsaison in der Bundesliga und Europa League hatte „Ata“, wie die Mitspieler ihn nennen, häufig in der Startelf gefehlt. Von Anfang Dezember an setzten sich aber die Qualitäten Karazors als laufstarker Mittelfeldspieler mit gutem taktischen Verständnis und Zweikampfstärke – gerade in Pressing-Situationen – wieder durch. Der Mann mit der Binde hatte sich seinen Stammplatz zurückerkämpft.

Im Vorlauf der aktuellen Saison spitzte sich die Situation weiter zu: Der VfB, hätte Karazor in dieser Transferperiode gerne abgegeben. Als Hindernis erwies sich dabei der Umstand, dass gegen den Spieler in Spanien noch immer ein Verfahren aus dem Juni 2022 wegen sexueller Nötigung anhängig ist. Auch wenn beim VfB niemand an der Unschuld Karazors zweifelt. Angebote hat es für den 29-Jährigen, der in Stuttgart noch einen Vertrag bis 2028 besitzt, aber trotz dieser Gemengelage gegeben. Trabzonspor aus der Türkei soll interessiert gewesen sein – und bei der Offerte von Saudi-Club Al Shabab hätte Karazor sein Gehalt nach Medienberichten gar verdoppeln können. Doch Karazor entschied sich wie die Kollegen Ermedin Demirovic, Jamie Leweling oder Bilal El Khannouss trotz finanziell lukrativer Alternativen dafür, beim VfB zu bleiben.

An diesem Samstag (15.30 Uhr) tritt der VfB nun bei der TSG Hoffenheim an. Das Stadion in Sinsheim ist für Karazor eine Rückkehr an jenen Ort, an dem er am 2. Mai in der 69. Minute beim Stand von 2:3 wegen groben Foulspiels Rot gesehen hatte. Der VfB schaffte in Unterzahl noch das 3:3 bei einem direkten Konkurrenten um Champions-League-Platz vier. Der VfB hat es letztlich in die Königsklasse geschafft. Karazor saß im Pokalfinale 2026 komplett auf der Bank – und hat seither gar nicht mehr für die Stuttgarter gespielt. Und so wäre der Ex-Kapitän schon froh, wenn er zeitnah zu seinem 232. Pflichtspieleinsatz im VfB-Trikot kommen würde.

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