München - Der Trend, Mann gegen Mann über den ganzen Platz spielen zu lassen, ist längst auch in Stuttgart angekommen. Das war auch beim 1:5 des VfB zum Ligaauftakt bei den Münchner Bayern gut zu sehen. So folgte Stuttgarts Jeff Chabot dem Münchner Harry Kane in guter alter Kreisliga-Manndecker-Manier über den ganzen Platz.
Stuttgarts Trainer Sebastian Hoeneß ließ seine Mannschaft mit aggressivem Anlaufverhalten auf die Bayern los. Das zahlte sich zum einen aus, insbesondere nachdem die verkehrsbedingt verspäteten Stuttgarter Fans in voller Zahl in der Arena ankamen und es plötzlich wirklich laut wurde im Oberrang. Unter anderem die Chance von Tiago Tomas (12. Minute) legte die Münchner Schwächen in dieser Phase offen. Allerdings küsste der satte Versuch nur das Aluminium der Querlatte. Es hätte die frühe Führung sein können, vielleicht sogar müssen.
Doch es zeigten sich eben auch schnell die Schwächen einer solchen Marschroute. Denn eine Mannschaft von der Qualität der Münchner ist jederzeit in der Lage, sich mit spielerischen Mitteln aus Druck zu befreien und wenn der öffnende Pass sitzt, geht meist ein Stürmer nahezu ohne Gegenwehr in die Tiefe durch. So wie Luis Diaz (26.), Nathaniel Brown (38.) oder Michael Olisé (45.+1). In allen Szenen blieb der in der ersten Spielhälfte starke Fabian Bredlow Sieger.
Nur in der 21. Minute hatte der Keeper das Nachsehen. Nach einem scharf nach innen getretenen Eckball von Joshua Kimmich schlug die beste Standard-Mannschaft der letzten Saison zu. Dayot Upamecano erzielte so per Kopf das erste Tor der Bundesliga-Saison 2026/27. Pausenfazit: Stuttgart startete vielversprechend in die neue Saison, muss wohl auch führen. Mit zunehmender Spielzeit fand das Heimteam schließlich zu mehr Kontrolle, sodass der knappe Vorsprung das Geschehen leistungsgerecht abbildete.
Vielsprechend startete der VfB auch in den zweiten Durchgang – vor allem weil man sich treu blieb und weiter versuchte, mit dem ursprünglich gewählten Ansatz zum Erfolg zu kommen. Das gelang auch in der 52. Minute hervorragend – ein durchs Pressing initiierter hoher Ballgewinn, Maximilian Mittelstädt wuchtete die Flanke auf den zweiten Pfosten, wo wieder einmal Chabot hauteng an Kane dran war – nur eben auf der anderen Seite des Spielfeldes. Chabots Kopfball wurde noch abgewehrt, den Nachschuss verwandelte Josha Vagnoman technisch anspruchsvoll zum 1:1.
Die Freude über das Erreichte währte nur kurz. Knappe drei Minuten. Dann versuchte Angelo Stiller ohne Not, mit einem Befreiungsschlag den Ball im Spiel zu halten. Ein freiwillig hergegebener Einwurf wäre die bessere Wahl gewesen. Kimmich nahm das Geschenk dankend an, legte per Kopf auf Olisé vor und der ließ Bredlow keine Chance (55.). Wenige Sekunden später hatte der VfB wieder eigentlich alles im Griff, gab erneut das Spielgerät her und Vagnoman rutschte beim Rettungsversuch so aus, dass er den Ball unhaltbar für Bredlow ins eigene Tor verwandelte.
In der 82. Minute machten die Münchner den Deckel drauf – und hier offenbarte sich eine weitere Schwäche des mannorientierten Ansatzes: Er ist sehr kräfteraubend. So kam es wie es kommen musste. Ismael Saibari legte auf Alexander Pavlovic ab, der Nationalspieler stellte auf 4:1, in der Nachspielzeit erhöhte Diaz noch auf 5:1. So blieb den Stuttgartern am Ende nur das Fazit, mutig und mit viel Aufwand einen vielversprechenden Ansatz gewählt zu haben – was sie phasenweise auf Augenhöhe mit den Bayern brachte.
„Die Niederlage schmerzt wegen der Art und Weise. Wir haben streckenweise eine gute Leistung gezeigt und brechen wieder einmal ein“, bilanzierte VfB-Kapitän Deniz Undav, um sogleich den Blick nach vorn zu richten: „Jetzt heißt es Mund abputzen und weiter machen.“ Auf die Saison geblickt, muss den Schwaben nicht bange sein: Bleibt die Mannschaft auch nach der Schließung des Transferfensters am Montag in dieser Besetzung zusammen, so dürfte es in der Bundesliga nicht viele Mannschaften geben, die den VfB mit vier Toren Differenz bezwingen.
