Stuttgart/Wien - Groß gefeiert hat Jordan Neuman nicht nach dem Gewinn der Meisterschaft in der American Football League Europe (AFLE). Der Offensiv-Coach der Vienna Vikings wollte nach dem 68:5-Triumph in Duisburg gegen die Wroclaw Panthers vor allem eines: schnell nach Hause zu seiner Familie, die in Schwäbisch Hall lebt. „Ich bin komplett leer“, sagt der Erfolgstrainer, „es war eine lange Saison.“ Nach der vieles offen ist – auch die persönliche Zukunft von Jordan Neuman (43).
Der US-Amerikaner war vor einem Jahr der sportliche Kopf von Stuttgart Surge, führte sein Team am Ende einer herausragenden Saison zum Titelgewinn in der damaligen European League of Football (ELF). Danach brach alles auseinander. Die Liga war am Ende, das Projekt in Stuttgart ging in die Insolvenz. „Das Surge-Aus hat meine Welt auf den Kopf gestellt“, sagt Jordan Neuman, „es waren schwierige Zeiten.“
Entsprechend dankbar ist der Profi-Trainer gewesen, als er ein Angebot der Vienna Vikings erhielt – von dem Club, den Stuttgart Surge im Finale in der MHP-Arena 24:17 geschlagen und für den er schon von 2011 bis 2013 gearbeitet hatte. Neuman wurde Offensive Coordinator in Wien, was eine Umstellung war. Nicht, weil er in Chris Calaycay plötzlich wieder einen Chef hatte, sondern da er bei den Vikings sein Angriffssystem etablieren sollte. „Für mich war alles neu: meine Rolle, das Team, der Staff, die Umgebung“, sagt Jordan Neuman, „es hat gedauert, bis ich meinen Rhythmus gefunden habe.“ Auch weil zwischen Schwäbisch Hall und Wien 600 Kilometer Autobahn liegen.
Wann immer es möglich war, besuchte Neuman seine Frau und die beiden Kinder, die vielen Reisen zehrten an der Substanz. Umso wichtiger ist gewesen, dass der sportliche Weg erfolgreich war. Die Vikings dominierten die mit acht Teams spielende AFLE, kassierten nur eine Niederlage gegen die Panthers, die sie so ärgerte und motivierte, dass sie das Team aus dem polnischen Breslau im Finale demontierten. „Unser Ziel war der Titel, und wir sind unserer Favoritenrolle gerecht geworden“, sagt Jordan Neuman, „es war ein großartiges Finale.“ Auch, weil es ein Wiedersehen alter Freunde gab.
In Duisburg traf der Coach seine früheren Surge-Akteure Ben Wenzler, Marko Vidackovic und Mike Harley jr. wieder, für die Vikings machte der Ex-Stuttgarter Albert Wiesigstrauch ein starkes Spiel. „Die Beziehung untereinander ist weiterhin sehr stark“, sagt Jordan Neuman, „das ist immer zu spüren, wenn sich ehemalige Surge-Leute treffen.“ Es ist nicht gänzlich auszuschließen, dass dies in Zukunft wieder öfter passieren wird.
Das Gerücht, er werde im nächsten Jahr zum Chefcoach der Vienna Vikings befördert, während Chris Calaycay die sportliche Leitung übernimmt, will Jordan Neuman jedenfalls nicht bestätigen. „Wenn Wien in der Nähe von Schwäbisch Hall liegen würde, wäre die Antwort einfach“, sagt der Football-Trainer, in dessen Planungen die Familie eine sehr wichtige Rolle einnimmt, „ich habe in nächster Zeit viel zu überlegen. Derzeit weiß ich noch nicht, wie es bei mir weitergehen wird – es ist noch nichts entschieden.“ Was womöglich auch mit einem weiteren Gerücht zu tun hat.
Insolvenzverwalter Sebastian Mielke bestätigte bereits Ende Januar gegenüber unserer Redaktion, dass Interesse an der Marke Stuttgart Surge bestehe. Mittlerweile sollen die Namensrechte verkauft worden sein, und es gibt auch schon erste Spekulationen darüber, dass im Jahr 2028 ein neues Stuttgarter Team in einer europäischen Liga antreten könnte. Dies ist auch Jordan Neuman zu Ohren gekommen. „Erstmals habe ich davon schon vor sechs Monaten gehört“, sagt er, „danach gab es widersprüchliche Informationen. Einmal hieß es, das werde nicht funktionieren, ein andermal, dass es durchaus möglich sei. Aktuell weiß ich nichts Konkretes.“
Eines allerdings ist klar: Sollte das Football-Projekt Stuttgart Surge wiederbelebt werden, würde dies Jordan Neuman nicht nur freuen – er könnte sich auch vorstellen, erneut ein Teil davon zu sein. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich kein Interesse an Stuttgart Surge hätte“, sagt er, „es gäbe zwar viel zu reparieren, es gibt aber auch weiterhin sehr enge Verbindungen. Man müsste viele Dinge klären, zum Beispiel den Spielort, den Trainingsplatz und natürlich vor allem die finanziellen Möglichkeiten. Aber wenn mir eine Perspektive aufgezeigt werden würde, wäre dies natürlich eine spannende Sache.“ Und das sicherlich nicht nur für Jordan Neuman. Sondern auch für einige der früheren Surge-Footballer, die derzeit über ganz Europa verstreut sind. Für sie gilt nun: Eine Rückkehr nach Hause scheint nicht mehr gänzlich ausgeschlossen zu sein.

