Stuttgart - Ein gechartertes Flugzeug auf dem Stuttgarter Flughafen, das nie in Richtung Rom abgehoben ist, Zusagen von Spieler- und seiner Beraterseite, den Verein wechseln zu wollen. Dann aber wiederholt Kehrtwenden und Absagen, und einen VfB Stuttgart, der bereit gewesen wäre, einen deutschen A-Nationalspieler und WM-Fahrer entweder für 43 Millionen Euro an den FC Everton oder an die AS Rom für annähernd dieselbe Summe zu verkaufen – all das hat es rund um den turbulenten Deadline Day an der Cannstatter Mercedesstraße gegeben.
Die Rede ist vom großen Hin und Her rund um die Personalie Jamie Leweling, welche die VfB-Macher um den Sportvorstand Fabian Wohlgemuth und den Vorstandsboss Alexander Wehrle bis in den späten Dienstagabend in Atem gehalten hatte. Sowohl von den Engländern wie von der Roma hatte der Rechtsaußen Leweling unterschriftsreife Verträge vorliegen, hätte sein Gehalt gar in beiden Fällen mehr als verdoppeln können. Die Italiener hatten ihr Angebot mehrfach bis wenige Stunden vor Torschluss der Sommer-Transferperiode stufenweise verbessert. Am Ende half es nichts.
Jamie Leweling hat sich nach turbulentem Hin und Her für einen Verbleib beim VfB entschieden, was nicht nur der Trainer Sebastian Hoeneß als eine sportlich substanzielle Angelegenheit betrachtet, sondern auch viele Fans als eine Herzenssache werten dürften. Das Flugzeug in die Ewige Stadt, das Leweling zum Medizincheck hätte bringen sollen, es blieb also am Boden.
Letztlich hob dann gegen 15.30 Uhr aber doch noch ein Flieger mit einem VfB-Profi an Bord von der Piste in Echterdingen ab. Der Passagier war Chema, sein Ziel die britische Insel. Mit an Bord die Freigabe der Stuttgarter Bosse, dass der junge Spanier, 21, nach dem geplatzten Deal mit Leweling nun seinen nächsten Karriereschritt in der englischen Premier League wagen dürfe. In England angekommen, erhielt dann spät am Dienstagabend nach erfolgreicher medizinischer Untersuchung der englische Premier-League-Club Brighton Hove & Albion für eine Ablösesumme von 25 Millionen Euro tatsächlich den Zuschlag. Und der VfB, er hatte letztlich nach einem aufreibenden Verhandlungstag doch noch gut Kasse gemacht und seine Transferbilanz nahezu ausgeglichen.
Dabei beweist der hitzige Verhandlungstag: Nach guter schwäbischer Kaufmannsart hatte man es sich beim VfB dann doch nicht auf dem opulent anmutenden finanziellen Polster gemütlich machen wollen. 83,4 Millionen Euro an Eigenkapital, 22,5 Millionen Euro Gewinn im Geschäftsjahr 2025 – das sind zwar starke Zahlen. Ganz offensichtlich mit Blick auf die eminent gestiegenen Ausgaben des Clubs aber doch nicht stark genug, um am Ende nach den teuren Einkäufen von Dzenan Pejcinovic (für 25 Millionen Euro aus Wolfsburg) sowie von Leo Sauer (für 13 Millionen Euro aus Rotterdam) auf dem Sommermarkt der Bundesliga mit einem satten Transferminus vom Spielfeld zu gehen.
Also fügten Wohlgemuth, Wehrle und der Sportdirektor Christian Gentner ihren bisherigen Abgängen Jovan Milosovic (für acht Millionen Euro zum SC Braga) und Lazar Jovanvic (für rund sieben Millionen Euro zu Udinese Calcio) mit Chema noch den Königstransfer auf der Abgabeseite hinzu. 16 Millionen Euro bringt der Transfer des Sechsers zu Brighton Hove & Albion letztlich ein, weil Chemas Heimatverein Real Madrid noch an der Ablöse partizipiert. Nun hat sich der VfB aber seinerseits eine Weiterverkaufsbeteiligung von rund 20 Prozent gesichert für den Fall, dass die Engländer den Spanier, der bei ihnen bis 2031 unterschrieb, irgendwann einmal verkaufen.
Rein finanziell betrachtet ist der Chema-Deal ein bärenstarker. Zur Erinnerung: der Spanier kam erst im Vorjahr für fünf Millionen – bringt nun mehr als das Dreifache, plus den möglichen Erträgen bei einem Weiterverkauf. Dazu Fabian Wohlgemuth: „Aus sportlicher Sicht hätten wir Chema gerne gehalten, dem gegenüber stand der Wechselwunsch des Spielers. Wir haben den Transfer an entsprechende finanzielle Bedingungen geknüpft, die erfüllt wurden.“
Während Trainer Hoeneß mit einem Chema-Abgang sicherlich besser leben kann als mit einem von Leweling, steht dennoch erneut der Vorwurf diverser Fans im Raum, der VfB würde lieber in Steine, nämlich in den geplanten Kauf des Carl-Benz-Centers für 50 Millionen Euro, statt in Beine investieren.
Fest steht andererseits: Auch nach dem Abgang von Chema ist der VfB im defensiven Mittelfeld gut aufgestellt. Denn da ist neben dem Fixpunkt Angelo Stiller und dem ablösefreien Hoffenheim-Neuzugang Grischa Prömel noch der ehemalige Kapitän Atakan Karazor, der nun sportlich wieder mehr Luft zum Atmen hat. Der aktuell verletzte Nikolas Nartey kann auf der Sechs spielen, ebenso wie Yanik Spalt, ein junges Eigengewächs, von dem sich auch der Trainer Sebastian Hoeneß einiges verspricht. Klar ist zudem, dass der VfB-Kader auch ohne Chema dem Champions-League-Anspruch der Stuttgarter, diesmal womöglich die Ligaphase erfolgreich zu bestehen und in die Play-offs einzuziehen, von seiner Qualität her genügt. Man ist nicht nur im Sturm mit dem neuen Dreizack Deniz Undav, Ermedin Demirovic und Dzenan Pejcinovic besser aufgestellt als bei der letzten Königsklassen-Kampagne in der Saison 2024/25.
Das liegt auch daran, dass neben Leweling mit Bilal El Khannouss ein anderer WM-Fahrer weiter für den VfB spielt. So ließ sich für den Marokkaner die Zielsumme von 50 Millionen Euro plus x nicht generieren. Ein Angebot aus Saudi-Arabien um die 40 Millionen Euro hat es gegeben – aber das wollte der offensive Mittelfeldspieler nicht annehmen.
Weil in einigen Ländern wie der Schweiz, der Türkei, Schottland oder Portugal das Transferfenster noch geöffnet ist, könnte es noch weitere Abgänge geben. Etwa den von Rechtsaußen Badredine Bouanani per Leihe, von dessen Verpflichtung Werder Bremen am Deadline Day trotz anfänglichem Interesse abgesehen hatte. Auch Jeremy Arevalo ist noch ein Kandidat für eine Leihe in einem Kader, der mit 30 Profis weiterhin recht üppig besetzt ist.
