Stuttgart - Kopf hoch, Brust raus und vorneweg laufen. Auf diese einfache Formel lässt sich Grischa Prömels Haltung zum Fußball reduzieren. Gut zu sehen ist das, wenn sich der Mittelfeldspieler des VfB Stuttgart in seiner typischen Körperhaltung auf dem Platz bewegt. Aufrecht. Er scheint zudem mit einem Radar um sich herum zu spielen, um immer genau zu wissen, wo sich die Kollegen befinden und was sie gerade tun. Dadurch übernimmt der 31-Jährige Verantwortung für das Spiel – nicht nur für das eigene. Und er agiert in einer Intensität und Überzeugung, die beeindruckt.
Fast 13 Kilometer spult Prömel pro Partie ab. In der Bundesliga sind es bislang genau 25,8 Kilometer nach zwei Spieltagen. Kein anderer Spieler ist mehr gerannt und es ist davon auszugehen, dass der neue Mann mit der Rückennummer 21 am Samstag (15.30 Uhr) an alter Wirkungsstätte nicht weniger laufen wird. Es geht nach Sinsheim zur TSG Hoffenheim, bei der er zuletzt vier Jahre lang unter Vertrag stand. „Das wird sicher ein dickeres Brett als Viking Stavanger“, sagt Prömel nach dem 3:1-Sieg gegen den norwegischen Meister zum Champions-League-Auftakt am Mittwochabend.
Der VfB hat dabei dank einer Gala des dreifachen Torschützen Ermedin Demirovic (20./26./32.) in der Königsklasse seine Pflicht seriös erfüllt, mehr nicht. „Wir haben nach der Pause keine Ruhe und Kontrolle ins Spiel mehr bekommen“, sagt Prömel. Zu ungeduldig waren einige Aktionen in der Offensive, aber auch zu nachlässig in der Defensive. „Da waren die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen zu groß“, sagt der neue Stratege an der Seite von Angelo Stiller auf der Doppelsechs – und er sieht es als seine Aufgabe an, die Ordnung herzustellen und zu erhalten. Wenn es sein muss, macht er das lautstark und gestikulierend.
Prömel ist ein Macher auf dem Feld. Er will anpacken, nicht abwarten. So hat er auf Anhieb beim VfB die Rolle eingenommen, die ihm mit der ablösefreien Verpflichtung zugedacht war. Als Führungskraft. Der Routinier steht bereits jetzt im Zentrum der Macht, wenn man auf die Mannschaftshierarchie blickt. Auf der obersten Ebene befindet sich dabei Deniz Undav. Der Kapitän zählt mit Ermedin Demirovic und Atakan Karazor zu den Wortführern in der Kabine und teilweise auf dem Rasen. Wobei Karazors Einfluss schwinden dürfte, da er zum Bundesligastart nicht nur die Spielführerbinde abgeben musste, sondern ebenso seinen Stammplatz los ist. Dass kein Vakuum entstanden ist, liegt an Prömel. Denn der Trainer hat ihn gleich zum Vizekapitän bestimmt. „Er tut uns gut, sportlich wie menschlich“, sagt Sebastian Hoeneß, der die positive Energie und hohe Identifikation des torgefährlichen Mittelfeldspielers hervorhebt: „Es war von Anfang an zu spüren, dass es für Grischa etwas Besonderes ist, für den VfB zu spielen“, sagt Hoeneß. Prömel ist in Bad Cannstatt geboren und in Esslingen aufgewachsen. Dort leben Familie und Freunde, weshalb die Verbindung in die Heimat bei all seinen Profistationen groß war.
Karlsruhe, Berlin, Hoffenheim – der Junge aus der Region musste einen langen Weg nehmen, um nach Stuttgart zu kommen. Als der Spieler, der er nun ist. „Führungsspieler zu sein, ist für mich keine neue Rolle, sondern den Anspruch habe ich auch an mich, dem will ich gerecht werden“, sagt Prömel im Interview mit dem Streamingdienst DAZN. Weitere Stellvertreter des Kapitäns sind Ermedin Demirovic und Maximilian Mittelstädt. Alles gestandene Profis, die in Stressphasen der VfB-Elf Halt geben sollen.
Zum Mannschaftsrat gehören zudem noch Fabian Bredlow, Jeff Chabot und Ramon Hendriks. Sie wurden gewählt, um weitere Interessen des Teams zu vertreten. Damit ist die Führungsstruktur klar beim VfB, wobei Stiller als der Taktgeber im Mittelfeld noch hinzukommt. Ohne den 25-jährigen Linksfuß läuft nichts im Stuttgarter Spiel. Er bestimmte den Rhythmus in den vergangenen Erfolgsjahren nahezu allein. Unterstützt von Karazor oder Chema, aber immer unumstritten auf seiner Position. Jetzt muss der Nationalspieler mit Prömel ein neues Tandem in der Schaltzentrale bilden. Wobei nicht mehr jeder Ball wie selbstverständlich im Aufbau an Stiller geht, sein neuer Kompagnon fordert das Spielgerät ebenfalls ständig, um in Aktion zu sein.
Allerdings handelt es sich bei Prömel und Stiller um unterschiedliche Spielertypen. Sie sollen sich ergänzen, da Stiller mit vielen kurzen und überlegten langen Pässen das VfB-Spiel strukturiert. Prömel ist trotz seiner fußballerischen Fähigkeiten mehr ein Antreiber, der mit seiner Dynamik andere Spieler mitreißen kann. Dabei nimmt der Modellathlet im Trikot mit dem Brustring den Kopf hoch, streckt die Brust raus – und läuft vorneweg.

