Stuttgart - Sebastian Hoeneß hat dem Frieden nicht getraut. Bis zuletzt. Er ist ja ein gebrannter Trainer, da im Vorjahr Nick Woltemade den VfB Stuttgart kurz vor Ablauf der Transferfrist verließ. Sportlich war das in jenem Moment ein großer Verlust, da Hoeneß das Angriffsspiel auf den blonden Schlaks ausgerichtet hatte. Da schmerzte der kurzfristige Abgang. Und auch diesmal hat der sogenannte Deadline Day offensichtlich Spuren in der Gefühlswelt des Trainers hinterlassen. Jedenfalls kurzzeitig.
Allerdings sollen die Turbulenzen des vergangenen Dienstags den Ambitionen des Fußball-Bundesligisten keinen Abbruch tun. Denn mit Ausnahme von Torhüter Alexander Nübel ist dem VfB kein Schlüsselspieler mehr abhandengekommen, was gleichzeitig bedeutet: Der Traditionsverein von 1893 verfügt sicher über einen sehr teueren Kader – und es ist wohl auch der beste in der jüngeren Vergangenheit. „Ich will nicht zu sehr zurückblicken. Wir brauchen Ruhe und den nötigen Fokus auf das nächste Spiel“, sagt Hoeneß nach ärgerlichen Stunden rund um die endgültige Zusammenstellung seiner Mannschaft, die an diesem Freitag (20.30 Uhr) den 1. FC Köln erwartet.
Die Begegnung mit den Rheinländern ist zweifellos wichtig. Vielleicht sogar wichtiger als zunächst gedacht, da der VfB nach dem 1:5 beim FC Bayern München einen zweiten Anlauf unternehmen muss, um gut in die Punktspielrunde zu kommen. Dabei geht es diesmal nicht gegen den übermächtigen Rekordmeister, sondern gegen eine Elf, die zwar mit einem Sieg in die Saison gestartet ist, aber grundsätzlich schwächer als die Stuttgarter eingeschätzt wird.
Das liegt daran, dass es der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth in den vergangenen drei Jahren gemeinsam mit Hoeneß, dem Vorstandschef Alexander Wehrle und dem Sportdirektor Christian Gentner geschafft hat, einen Kader zu bauen, der breit genug ist, um in drei Wettbewerben bestehen zu können – und der in der Spitze stark genug ist, um sich ehrgeizigen Zielen zu widmen.
Nach außen werden die Vorgaben dabei nicht in Platzierungen formuliert, weil der Chefcoach es bevorzugt, leise Töne anzuschlagen, und die Erwartungen nicht zu hoch schrauben will. Nach innen gibt es dennoch klare Vorstellungen. Jenseits der attraktiven und erfolgreichen Spielweise. Ein Tabellenplatz unter den ersten fünf sollte es in der Liga schon sein mit einem Kader, der mehr als 90 Millionen Euro an Personalkosten verschlingt. In der Champions League wird nach zwei Jahren internationaler Erfahrung zudem mit einem Weiterkommen geliebäugelt, und wie besonders der DFB-Pokal sein kann, hat sich mit dem Triumph 2025 und der Finalteilnahme 2026 gezeigt.
Realistisch wird das Leistungsvermögen eingeschätzt, sofern die Saison normal verläuft und sich keine Hauptfigur verletzt. Denn abgegeben wurde keine Stammkraft mehr. Obwohl es bei Jamie Leweling zeitweise danach aussah und sich auch für Bilal El Khannouss eine Möglichkeit zum Absprung bot. Beide Offensivspieler hätten deutlich mehr verdienen können. Dennoch sind sie geblieben. „Der VfB ist eine sehr attraktive Adresse“, sagt Hoeneß, „da haben die Jungs an ihre Karrieren gedacht.“
Trotzdem spielt das Geld immer mit, diesmal verstärkt auf Vereinsseite. Bei den Angeboten für Leweling und El Khannouss handelte es sich zwar nicht um die ersehnten 50 oder 60 Millionen Euro an Ablöse, aber mehr als 40 Millionen wurden jeweils offeriert. Marktgerechte Summen, welche die VfB-Verantwortlichen aus kaufmännischer Sicht ins Grübeln gebracht haben. Sie hätten aus finanziellen Gründen einen der WM-Teilnehmer abgegeben – aber die Spieler wollten nicht gehen, was die Bosse respektierten. Dennoch bleibt unter dem roten Clubdach ein ungutes Gefühl, da das Hin und Her von Außenangreifer Leweling dem Trainer beinahe ein Déjà-vu-Erlebnis beschert hätte. In Anlehnung an Woltemade.
Doch auch so war Hoeneß offenbar verstimmt, weil zu guter Letzt Chema für 23 Millionen Euro nach England verkauft wurde. Auf Wunsch des Spaniers. Den 21-Jährigen zog es in die Premier League, weil er sich in Brighton mehr Einsatzminuten erhofft. In Stuttgart sah er für sich nur den Status der Ergänzung auf der Sechserposition hinter Angelo Stiller und Grischa Prömel. Auch, wenn der Trainer den Mittelfeldspieler als die Zukunft im Zentrum des Spiels betrachtet hat. „Wir werden ihn in vielerlei Hinsicht vermissen“, sagt Hoeneß.
An Substanz hat der VfB durch Chemas Weggang im Kern jedoch nicht verloren. Vielmehr rücken der ehemalige Kapitän Atakan Karazor und das Eigengewächs Yanik Spalt nach. Gerade von Spalt verspricht sich Hoeneß einiges – langfristig. Kurzfristig blickt der Trainer auf die Kölner und hat den 19-jährigen Österreicher schon einmal in den Spieltagskader berufen.
Das eröffnet die Einsatzchance in einem Team, das insgesamt stark besetzt ist. „Wir haben vor allem in der Offensive eine große Auswahl“, sagt der Trainer. Deniz Undav, Dzenan Pejcinovic und Ermedin Demirovic seien da nur genannt. Fast schon eine Luxussituation, die den Konkurrenzdruck erhöht und Hoeneß zwingt, die Einsatzzeiten und Eitelkeiten gut auszutarieren.

