Stuttgart - Abseits des Fußballs spüren immer mehr Vereine bei der Sponsorenakquise, dass die Wirtschaft harte Zeiten durchmacht. Volleyball-Bundesligist Allianz MTV Stuttgart zum Beispiel ist enorm froh, dass die Allianz, einer der beiden Hauptgeldgeber, für drei weitere Jahre im Spiel bleibt und nun auch noch als Gesellschafter eingestiegen ist. Das bringt große Sicherheit. Eine Steigerung der finanziellen Unterstützung, die im mittleren sechsstelligen Bereich liegt, gab es aber schon länger nicht mehr. Wie gut die Verhandlungsbasis für Unternehmen derzeit ist, bekam nun auch die Volleyball-Bundesliga (VBL) zu spüren.
Schon lange versucht die VBL, die Namensrechte für ihre beiden Eliteklassen zu verkaufen. Das ursprüngliche, in einem Masterplan festgeschrieben Ziel war, für die Frauen- und die Männer-Bundesliga jeweils 900.000 Euro zu erlösen. Interessenten gab es für diese Summe nicht. Auch Kim Renkema, bis vor eineinhalb Sportchefin von Allianz MTV Stuttgart, hatte in ihrer Zeit als Club-Funktionärin immer wieder erklärt, dass sie sich von den Liga-Verantwortlichen einen lukrativen Abschluss erhofft. Mittlerweile ist die frühere MTV-Kapitänin, die in Esslingen lebt, als Geschäftsführerin der Volleyball-Bundesliga selbst für deren Vermarktung verantwortlich – und sagt: „1,8 Millionen Euro erwirtschaften zu wollen, war völlig unrealistisch.“
Dazu passt die jüngste Nachricht: Erstmals ist für die Frauen-Bundesliga ein Namenssponsor gefunden worden. Allerdings zu völlig anderen Konditionen.
Die Dekra ist nicht nur die weltweit größte nicht-börsennotierte Prüfungsgesellschaft mit etwas mehr als 48.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von zuletzt 4,44 Milliarden Euro, das Unternehmen mit Hauptsitz in Stuttgart engagiert sich auch im Volleyball. Früher war die Dekra ein mittelgroßer Sponsor bei Allianz MTV Stuttgart, seit 2022 präsentiert die Firma die Schiedsrichter-Teams der VBL und ließ sich diese Unterstützung nach Informationen unserer Zeitung rund 250.000 Euro pro Saison kosten. „Mit den Unparteiischen“, sagt Deutschland-Chef Guido Kutschera, „verbinden uns als unabhängige Expertenorganisation zentrale Werte wie Neutralität, Sachverstand und Fair-Play.“ Aber das Unternehmen kann auch gut und hart verhandeln.
In den nächsten zwei Jahren wird der Dekra-Schriftzug nicht mehr nur auf den Schiedsrichter-Shirts zu sehen sein. Die Firma aus Stuttgart ist zumindest bis 2028 auch Namensgeber der Liga („Dekra 1. Volleyball Bundesliga Frauen“) sowie Präsentator des Challenge-Systems, das künftig bei jedem Spiel zum Einsatz kommen wird und für das kein eigener Sponsor gefunden wurde. Die Sichtbarkeit der Dekra steigt folglich signifikant, was auch Guido Kutschera („Die Plattform wird immer wertvoller“) freut. Erst recht, weil der Preis dafür nicht allzu hoch ist.
Über genaue Summen spricht zwar niemand, nach Informationen unserer Zeitung musste die Dekra ihr jährliches Engagement von bisher rund 250.000 Euro für die Schiedsrichter allerdings nur um einen vergleichsweise geringen Betrag, der zwischen 60.000 und 70.000 Euro liegen soll, erhöhen, um sich das wesentlich lukrativere Gesamtpaket zu sichern. Bei den Vereinen wird dies mit einem lachenden und einem weinenden Auge gesehen. „Es ist selbstverständlich wertvoll, die Dekra als großen Partner an seiner Seite zu haben“, sagt Aurel Irion, der Geschäftsführer von Allianz MTV Stuttgart, „allerdings sollte von den Erlösen auch etwas bei den Clubs ankommen. Das ist derzeit nicht der Fall.“ Ähnlich ist die Perspektive von Michael Kaiser. „So eine Partnerschaft ist wichtig für die Vermarktung und den Bekanntheitsgrad der Volleyball-Bundesliga“, erklärt der Manager der Binder Blaubären TSV Flacht, „ob das positive wirtschaftliche Auswirkungen für uns hat, darüber haben wir keinerlei Informationen.“
Einen gänzlich anderen Blickwinkel auf den Sponsorendeal hat Kim Renkema. Weil für sie nicht allein das Geld zählt. „Die Dekra ist mit Abstand unser größter und ein sehr treuer Partner, mit dem wir nun den nächsten Schritt gehen“, sagt die VBL-Geschäftsführerin, „das ist ein wichtiges Signal. Wir sind ein reichweitenstarker Sport, der sich positiv entwickelt.“ Auch bei den Finanzen.
Natürlich kann sich die Frauen-Bundesliga im Volleyball nicht mit den großen Männer-Ligen messen. Die Summen, die für Namensrechte im Handball (bisher Daikin/angeblich rund fünf Millionen Euro pro Saison), Basketball (easyCredit/offenbar rund 2,5 Millionen Euro) oder Eishockey (Penny/geschätzt rund 2,2 Millionen Euro) inklusive weiterer PR-Maßnahmen bezahlt werden, sind unerreichbar. Die VBL steht mit ihrem Paketerlös von etwas mehr als 300.000 Euro pro Saison aber im Vergleich zu den Frauen-Bundesligen im Handball (Alsco/rund 150.000 Euro) oder Basketball (Toyota/angeblich rund 90.000 Euro) gut da. Zumal Kim Renkema ankündigt, dass bald noch ein großes Stuttgarter Unternehmen präsentiert werde, das sich ebenfalls ein PR-Paket (Netze, Schiri-Stühle, Banden- und Bodenwerbung) gesichert hat. „Wir sind froh, dass es Firmen gibt, die noch bereit sind, hohe Summen zu investieren“, sagt die VBL-Geschäftsführerin, „wir haben innerhalb eines Jahres 20 neue Partner gewonnen, unsere Erlöse um 50 Prozent gesteigert und fast eine Million Euro erwirtschaftet. Das geht nur mit einer sehr guten Vertriebsstrategie.“
Erst recht in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.

