Stuttgart - Der Start des VfB Stuttgart in die Bundesliga war nahezu optimal, soll aber erst der Anfang gewesen sein. Vor dem Heimspiel an diesem Sonntag (14 Uhr) gegen den VfL Wolfsburg spricht Manager Sascha Glass über das Entwicklungspotenzial der VfB-Fußballerinnen: „2030 wollen wir uns in anderen Tabellenregionen bewegen.“
Herr Glass, Ihr Team ist nach drei Spieltagen Tabellendritter. Wäre es nicht langsam an der Zeit, das Saisonziel Klassenverbleib zu überdenken?
(lacht) Nein, das passt so. Es geht weiterhin nur darum, zwei Teams hinter uns zu lassen. Und das ist kein Gerede.
Sondern?
Die Realität. Schon die ersten drei Spiele waren alles andere als einfach. Wir lagen dreimal in Rückstand und haben vor allem deshalb gepunktet, weil die Mannschaft den Glauben an sich nie verloren hat. In den nächsten Wochen treffen wir allerdings auf Gegner, die noch stärker sind. Lassen Sie uns in der Winterpause noch einmal telefonieren.
Gerne – aber warum sind Sie so zurückhaltend?
Die Liga ist sehr ausgeglichen, es kann sich alles sehr schnell drehen. Wir haben einen tollen Start hingelegt, mehr aber auch nicht.
Hatten Sie sich einen solchen Auftakt erhofft?
Ich war vor dem ersten Spiel ziemlich entspannt, denn ich habe gesehen, wie gut die Spielerinnen und die Trainer in der Vorbereitung gearbeitet haben. Dieser Eindruck hat sich bestätigt: Man kommt nicht dreimal zurück, ohne einen sehr guten Teamspirit zu haben.
Was war sonst noch positiv?
Der Fitnesszustand ist gut, wir hatten spielerisch tolle Momente, haben schon drei Tore nach Standardsituationen erzielt und defensiv nicht allzu viel zugelassen.
Wo gibt es Verbesserungspotenzial?
Im Spiel mit dem Ball. Und in Nürnberg sind die Gegentore zu einfach gefallen, auch das müssen wir ändern.
Am besten schon am Sonntag gegen den siebenmaligen Meister und Tabellenführer VfL Wolfsburg.
Das wird nicht einfach, denn da kommt viel Qualität auf uns zu. Das Team ist gespickt mit Nationalspielerinnen und auf allen Positionen hervorragend besetzt. Vor allem die Offensive ist sehr stark, deshalb müssen wir viel stabiler stehen als gegen den 1. FC Nürnberg.
Gibt es eine Chance?
Selbstverständlich. Auch der VfL Wolfsburg ist verwundbar, das Team lag wie wir in Nürnberg 0:2 hinten ...
... hat dann in Überzahl aber noch 8:2 gewonnen.
Das war beeindruckend, und trotzdem rechnen wir uns etwas aus. Die sieben Punkte, die wir geholt haben, geben Sicherheit und Selbstvertrauen. Unser Team wird sich zerreißen und versuchen, die Fans mit einer starken Leistung mitzunehmen.
Das Max-Morlock-Stadion in Nürnberg hat 50.000 Plätze, am Sonntagabend verloren sich dort 1301 Zuschauer. Wie haben Sie die Atmosphäre empfunden?
Der 1. FC Nürnberg hätte ein größere Kulisse verdient. Umso mehr habe ich mich über die 200 VfB-Fans gefreut, die deutlich zu hören waren. Und ich bin voller Vorfreude auf unser nächstes Spiel im Gazi-Stadion.
Zur Heimpremiere gegen den Hamburger SV kamen 3370 Zuschauer. Wie viele werden es gegen den VfL Wolfsburg sein?
Die Stimmung gegen den HSV war super. Jetzt hoffen wir nochmal auf eine Steigerung. Damit würde honoriert werden, was die Mannschaft leistet. Dieses Team macht einfach Spaß!
Vor dem HSV-Spiel standen Sie neben dem VfB-Vorstandsvorsitzenden Alexander Wehrle, als er dem Publikum verkündet hat, dass das Ziel sei, in ein paar Jahren in der MHP-Arena zu spielen. Wie sehr hat Sie diese Aussage erschrocken?
Gar nicht. Das Gazi-Stadion ist top geeignet für unsere aktuellen Ansprüche. Und zugleich bin ich sehr froh darüber, dass der Vorstand und das Präsidium des VfB das Thema Frauenfußball vorantreiben. Alexander Wehrle ist ein großer Förderer – es ist doch schön, dass er solche Visionen hat.
Wie weit ist der Sprung in die MHP-Arena entfernt?
Wir haben eine superschnelle Entwicklung mit drei Aufstiegen nacheinander hinter uns und sind froh über den Schritt ins Gazi-Stadion. Unser Ziel ist, weiter zu wachsen und uns 2030 in anderen Tabellenregionen zu bewegen. Einen konkreten Zeitpunkt für den Umzug in die MHP-Arena gibt es nicht.
Wo soll das Team in vier Jahren sportlich stehen?
In der oberen Hälfte, vielleicht sogar im oberen Drittel. Ich bin sehr gespannt, wie sich die Bundesliga entwickeln wird. Derzeit liegen finanziell noch Welten zwischen der Spitze und uns. Während wir alle neun Neuzugänge ablösefrei geholt haben, zahlen andere für Verstärkungen sechsstellige Summen. Da bestehen schon noch große Unterschiede.
In dieser Saison gibt es in der Bundesliga 13 Vereine, die auch bei den Männern erstklassig sind, dazu den 1. FC Nürnberg. Was sagt das über die Stärke der Liga aus?
Es ist super und extrem wichtig, dass die großen Clubs nun in den Frauenfußball investieren. In den nächsten zwei Jahren wird auch Borussia Dortmund oben angekommen sein. Auch der VfB tut dieser Liga sehr, sehr gut – das sehen alle so! Und trotzdem ist die Konkurrenz für die Bundesliga groß: Viele Stars gehen ins Ausland, in diesem Jahr spielt nur der FC Bayern in der Champions League. In der unteren Hälfte der Tabelle gibt es deutlich mehr Qualität als früher, da geht es sehr eng zu. Aber es ist auf keinen Fall die stärkste Bundesliga, die es je gab. Es wartet weiterhin viel Arbeit auf uns. Und dann gibt es noch einen bedauerlichen Aspekt.
Welchen?
Die Entwicklung tut mir ein bisschen leid für die Traditionsvereine, die enorm viel für den Frauenfußball getan und einige Nationalspielerinnen herausgebracht haben. Ich hätte nichts dagegen, wenn der eine oder andere dieser Clubs den Weg zurück schaffen würde.
