Stuttgart - Das Projekt Stuttgart Surge ist seit einem Jahr Geschichte. Viele Chat-Gruppen, die damals eingerichtet wurden, gibt es jedoch noch immer. Sie werden weiterhin stark genutzt, in den vergangenen Wochen sogar fast so oft wie früher. Denn an diesem Montag jährt sich das Ereignis, das die Footballer von Stuttgart Surge für immer verbinden wird: Am 7. September 2025 gewannen sie vor 36.784 Fans in der MHP-Arena das Finale der European League of Football (ELF) gegen die Vienna Vikings mit 24:17. „Es war ein Erfolg für die Ewigkeit“, sagt Defensivspezialist Lasse Engel, „so etwas wird keiner von uns je wieder erleben. Unser Team war ein ganz besonderes.“ Was sich immer noch zeigt.
Zum einen sportlich. Nach der Insolvenz des Meisters verteilten sich die Spieler über ganz Europa – und viele von ihnen blieben erfolgreich. Vor einer Woche holten Mitch Fettig und Roberto Miranda ihren nächsten Titel. Mit Nordic Storm gewannen sie das Endspiel der European Football Alliance (EFA) in Innsbruck vor 4157 Zuschauern gegen die Munich Ravens um den früheren Surge-Star Louis Geyer 48:28. Am Sonntag (15.30 Uhr) steigt in Duisburg das nächste Finale, diesmal in der American Football League Europe (AFLE), aber wieder mit Ex-Stuttgartern. Bei den Vienna Vikings ist der Surge-Meistertrainer Jordan Neuman Coach der Offensive, ihm zur Seite steht Johannes Brenner, einer der Runningbacks ist Albert Wiesigstrauch. Beim Gegner Wroclaw Panthers spielen auch die Stuttgarter Ben Wenzler und Marko Vidackovic. Und dann gibt es ja noch die German Football League (GFL). Die Schwäbisch Hall Unicorns zogen als ungeschlagener Erster der Süd-Grupe in die Play-offs ein, dahinter belegten die Pforzheim Wilddogs Rang zwei – beide Clubs setzen auf die Qualität vieler ehemaliger Stuttgarter. „Diese Ergebnisse unterstreichen, wie stark das Surge-Team gewesen ist“, sagt Lasse Engel, „und das nicht nur auf dem Feld. Wir waren mehr als eine Football-Mannschaft.“
Das zeigt sich auch daran, dass ständig über das nächste Meister-Treffen diskutiert wird. Einen Termin gibt es noch nicht, aber zugleich keine Zweifel, dass es bald stattfindet. Ein Thema werden dann sicher auch die sozialen Projekte sein, die ein Ergebnis des großen Team-Zusammenhalts sind.
Schon vor dem ELF-Finale 2025 hatte Lasse Engel Kontakte zum Klinikum Stuttgart. Nach der Surge-Insolvenz wollte er diese Verbindung nicht wieder kappen, also gründete er zusammen mit seinem Bruder Jesper die Guardian Angel Foundation. „Unser Ziel ist es, Sport und Jugendarbeit zu verknüpfen“, sagt Lasse Engel, „wir wollen Athleten aus Randsportarten die Möglichkeit geben, ihren Einfluss zu nutzen, um Gutes zu tun.“ Bei vielen seiner Football-Kollegen kommt diese Idee sehr gut an.
Ende März gab es einen ersten Besuch von acht früheren Surge-Spielern am Zentrum für Seelische Gesundheit des Klinikums Stuttgart, rund 50 Kinder und Jugendliche nahmen teil. Es folgte eine ähnliche Aktion an der Kinderklinik Schwabing in München (unter anderem mit Louis Geyer), zudem fand ein Projekt in Zusammenarbeit mit den Schwäbisch Hall Unicorns und den Pforzheim Wilddogs zugunsten der Onkologie-Abteilung des Klinikums Stuttgart statt, bei dem 2500 Euro für die Anschaffung von Sport- und Reha-Geräten zusammenkamen. Und auch in Dänemark war die Stiftung aktiv.
Lasse Engel (28), dessen Mutter Dänin ist, hatte nach dem Surge-Aus vor, zu Nordic Storm nach Kopenhagen zu wechseln. Doch das zerschlug sich. Nun spielt er Flag Football für die dänische Nationalmannschaft, mit der er sich für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles qualifizieren will. Zudem arbeitet er nebenher als Schauspieler, aktuell gehört er zum Ensemble einer sechsteiligen dänischen Krimiserie, die an der Westküste gedreht wird.
Und auch sein soziales Engagement treibt er voran. Er organisierte mehrere Aktionen an der Kinderklinik in Kopenhagen, auch seine früheren Surge-Mitspieler Mitch Fettig und Roberto Miranda waren vor Ort. „Rund 15 Jungs von damals sind aktiv dabei, einige übernehmen mittlerweile selbstständig Projekte. Ihre Unterstützung ist unglaublich“, sagt Lasse Engel, der auch für 2027 viele Pläne hat, „wir versuchen, den Kindern möglichst viel Energie zu geben, bekommen aber auch enorm viel Energie zurück. Es ist unglaublich schön zu sehen, welch positiven Einfluss man als Sportler haben kann.“ Das motiviert.
Und zugleich beweisen die Surge-Footballer, dass ihre Erfolgsgeschichte, der Insolvenz zum Trotz, auch ein Jahr nach dem Titelgewinn noch lange nicht zu Ende ist.
