Stuttgart - Viele Sportarten haben einen mythischen Ort, an dem Siege stets heldenhaft, Dramen groß und Niederlagen tragisch sind. Einen Ort, der immer wieder Geschichte schreibt. Und einen Ort, der den Athleten alles abverlangt. Tennis hat Wimbledon, die Formel 1 Monaco, Golf das Masters in Augusta, der alpine Skisport Kitzbühel. Und der Radsport hat L'Alpe d'Huez.
Die Zielankünfte in dem 1850 Meter hoch gelegenen Retortenskiort in den französischen Alpen sind so legendär, dass die Macher der Tour France, die stets auf der Suche nach dem nächsten, noch größeren Spektakel sind, der Idee verfielen, das Peloton in diesem Jahr gleich zweimal nach L'Alpe d'Huez zu schicken.
Erst an diesem Freitag über die bekannten, auf 13,8 Kilometer und 1132 Höhenmeter verteilten 21 Serpentinen. Und dann am Samstag erstmals über den Col de Sarenne (12,8 Kilometer, rund 900 Höhenmeter), der sich etwas weiter westlich auf eine Höhe von 1999 Metern hinaufwindet, ehe es die letzten 15 Kilometer ins Ziel nach L'Alpe d'Huez geht. Seit diese Streckenführung bekannt ist, stellt sich vor allem eine Frage: Lässt sich ein Mythos verdoppeln?
Einen Teil der Antwort gab es 2013, bei der 100. Austragung des Rennens. Damals musste das Peloton auf der 18. Etappe zweimal hinauf nach L'Alpe d'Huez – an einem Tag. Christian Prudhomme ist sich sicher, dass nun auch das zweitägige Spektakel niemand der Beteiligten je vergessen wird. Das Alpen-Double, erklärt der mächtige Chef der Tour de France, werde die nächste Geschichte für die Ewigkeit schreiben: „Diese Etappen sind für Giganten.“
Das liegt vor allem an der körperlichen Herausforderung. Am Freitag haben die Profis schon den Col du Noyer (1664 Meter) und den Col d'Ornon (1371 Meter) in den Beinen, wenn die 21 Spitzkehren auf sie warten. Und am Samstag, dem vorletzten Tag der Tour, steht die 170,9 Kilometer lange Königsetappe an. Es geht zunächst über den Col de la Croix de Fer (2067 Meter), den Col du Telégraphe (1566 Meter) und den Col du Galibier (2642 Meter), erst dann folgt der Anstieg auf den Col de Sarenne, wo die Qual noch nicht endet. Nach einer Abfahrt sind noch einmal 3,7 steile Kilometer nach L'Alpe d'Huez zu bewältigen – das macht in der Summe 5450 (!) Höhenmeter. Dazu kommt die psychische Belastung.
An den beiden Tagen, an denen sich die Tour entscheidet, werden Hunderttausende an den Anstiegen ein Volksfest des Radsports feiern. „Auf dem Weg hinauf nach L'Alpe d'Huez“, sagt der Autor Patrick Fillion, „geht die Leidenschaft der Zuschauer einher mit dem Leiden der Sportler.“ Oder anders ausgedrückt: Nirgendwo anders kommen sich Fahrer und Fans so nahe. Das Asphaltband, das nach oben führt, ist für die Radler kaum sichtbar. Erst im letzten Moment teilt sich die Menge auf der Straße, gibt einen schmalen Korridor frei. Da muss man als Profi durch. „Ich wusste, wie man an diesem Publikum vorbeifahren sollte“, erinnert sich der Franzose Bernard Hinault, der die Tour fünfmal gewonnen hat, „schnurgerade mit bösem Blick und zusammengepresstem Kiefer.“ Es ist nicht die Art, die Tadej Pogacar pflegt. Aber auch der Slowene, der das Rennen überlegen anführt und dem nicht wenige Experten zutrauen, in L'Alpe d'Huez doppelt zu triumphieren, muss hochkonzentriert bleiben. Trotz aller Vorfreude auf das Spektakel. „Dieses Jahr“, sagt der Superstar, „wird es ikonisch.“
Die 21 Kehren gelten als größte Freiluftarena des Sports, und am nächsten Tag wird L'Alpe d'Huez dem Publikum noch einmal eine große Bühne bieten, um die Tour zu feiern. Aber auch sich selbst. Vor allem in Kehre sieben. Dort stehen seit Jahrzehnten die niederländischen Fans, um tagelang eine exzessive Party in Orange zu feiern. Mit viel Begeisterung und noch mehr Bier. „Der Berg wird wieder knallvoll sein“, sagt Ralph Denk, der Chef des deutsch-österreichischen Rennstalls Red Bull-Bora-hansgrohe, „ich finde mega, dass es zweimal nach L'Alpe d'Huez geht. Das wird Entertainment pur.“ So wie immer. Nur doppelt.
1952 war der Wintersportort, den der Sommer berühmt gemacht hat, erstmals Etappenziel. Damals gewann der legendäre Fausto Coppi. Viele Triumphe und Anekdoten folgten. Nach dem Sieg von Joop Zoetemelk, dem die Holländer-Kurve heute noch huldigt, läutete 1967 Priester Jaap Reuten die Glocken seiner Kirche Notre-Dame des Neiges in L'Alpe d'Huez. Die Teamkollegen und Erzrivalen Bernard Hinault und Greg LeMond fuhren 1986 Hand in Hand über die Ziellinie. 1999 kam Telekom-Profi Giuseppe Guerini alleine oben an, wurde von einem aufgeregten Hobby-Fotografen vom Rad geholt, rappelte sich auf und gewann dennoch. Jeder Sieger erhält eine eigene Plakette, die in einer der 21 Haarnadelkurven platziert wird, unabhängig vom Leumund. Auch Dopingbetrüger wie Lance Armstrong oder Marco Pantani sind dort verewigt. Zu Recht, wie Fabrice Hurth, der frühere Tourismusdirektor von L'Alpe d'Huez, findet. „Wer hier oben gewinnt“, sagte er einmal, „hat eine Meisterleistung vollbracht. Und, mit Verlaub: Hier kotzt sich jeder aus.“
In diesem Jahr sogar zweimal.

