Stuttgart - Neben dem Münchner Harry Kane und dem Hoffenheimer Andrej Kramaric hat nur er in den vergangenen drei Bundesliga-Spielzeiten stets zweistellig getroffen. Dennoch gehört es schon fast zum Standardrepertoire des Ermedin Demirovic beim VfB Stuttgart, sich stets rechtfertigen zu müssen. Das war auch nach dem 4:1 gegen den 1. FC Köln so, obwohl Demirovic gleich fünf Minuten nach seiner Einwechslung zum zwischenzeitlichen 3:0 eingenetzt hatte.
„Es wurde mir in der Sommerpause einfach zu viel geredet und geschrieben. Von wegen, ich sei ein Verkaufskandidat“, sagte der VfB-Angreifer. Keineswegs sei er nämlich ein Offensivspieler, der sich anbiedern müsse. „Ich habe mich selbstbewusst dafür entschieden, hier zu bleiben. Es gibt kaum eine bessere Adresse als den VfB“, sagte der Angreifer, der ein fürstliches Angebot von Galatasaray Istanbul abgelehnt hatte: „Und ich habe heute gezeigt, dass ich voll da bin.“
Ein Mittelstürmer inmitten einer neuen Konkurrenzsituation – das ist Ermedin Demirovic aber schon. Schließlich hat man beim VfB den Königstransfer dieser Sommer-Wechselperiode genau auf seiner Position getätigt. Für die stolze Summe von 25 Millionen Euro ist Dzenan Pejcinovic vom VfL Wolfsburg in den Neckarpark gewechselt. Dabei hatte sich auch der VfB-Cheftrainer persönlich ordentlich ins Zeug gelegt, um den Transfer zu realisieren. „Ich habe mit Dzenan einige Male telefoniert“, verriet Sebastian Hoeneß.
Also zahlte man am Ende die 25 Millionen Euro, die der Wunschpreis der Wölfe gewesen sind, um Pejcinovic zu bekommen. Mit dem Platzhirsch Demirovic, der gemeinsam mit seinem Sturmpartner Deniz Undav in der Vorsaison den Last-Minute-Abgang von Nick Woltemade vergessen gemacht und im Duett für 40 Pflichtspieltore gesorgt hatte, hat dies ohne Frage etwas gemacht. Zwar ist Demirovic, der im Trikot von Bosnien-Herzegowina seine erste WM spielte, in erster Linie ein Kämpfer – aber er ist eben auch ein Grübler. „Ich hatte schon ein paar schlaflose Nächte, in denen ich mich gefragt habe: ‚Bin ich hier unerwünscht?“, erzählte Demirovic. Doch der Trainer Hoeneß habe ihm die Zweifel dann in einem persönlichen Gespräch genommen.
Dann aber legte der Konkurrent Pejcinovic in seinem ersten Pflichtspiel für den VfB, in der Erstrunden-Pokalpartie bei Drittligist Hansa Rostock, richtig los: Drei Tore steuerte der 21-jährige mit dem gewaltigen Linksschuss zum 4:0 an der Ostsee bei – und zeigte gleich mal, wie viel Freude man in Stuttgart an dem in München geborenen U-21-Nationalspieler haben kann. Auch Jürgen Klopp hat Pejcinovic als Perspektivkandidaten für die deutsche A-Nationalelf ins Visier genommen. Als der Bundestrainer am vergangenen Montag beim VfB vorbeischaute, da redete er mit allen potenziellen Kandidaten für den Länderspiel-Viererpack vom 24. September bis 4. Oktober in der Nations League – auch Pejconivic zählte da zu Klopps Gesprächspartnern.
Auch wenn der Neue im Stuttgarter Sturmzentrum in seinen ersten beiden Bundesliga-Auftritten im Zeichen des Brustrings nicht das Niveau von Rostock halten konnte. Beim 1:5 in München ging Dzenan Pejcinovic wie die Kollegen im zunehmenden bayerischen Sturmlauf irgendwann unter; gegen Köln scheiterte er dann nach 15 Minuten aus vier Metern per Kopf an der Latte, ehe es sich mit zunehmender Spielzeit zeigte, dass dem Neuzugang noch das blinde Verständnis für die Abläufe fehlt.
Das wiederum brachte Demirovic die Chance, im Duell der Rivalen des Strafraums die ersten Pluspunkte zu sammeln. In der 70. Minute für Deniz Undav eingewechselt, brauchte es dann auch nicht lange, bis sich Demirovic in den Mittelpunkt spielte. In der Mitte des Kölner Strafraums kam er an der rechten Außenlinie an den Ball, ehe er wie ein wilder Stier loszog – und den FC-Keeper Marvin Schwäbe mit einem kraftvollen Schuss ins kurze Eck zum 3:0 düpierte. Nach Bundesligatoren liegt Demirovic seither im Duell mit Pejcinovic mit 1:0 vorne.
Doch Hoeneß lehnt es konsequent ab, aus der Situation im Sturmzentrum ein Entweder-oder-Spielchen zu machen. „Die beiden können auch ohne Probleme zusammen auf dem Platz stehen“, sagte der VfB-Cheftrainer: „Konkurrenz belebt das Geschäft. Das macht alle nur stärker, bringt jeden näher an sein eigenes Limit – und ist bei drei Wettbewerben eine gute Sache für uns.“
So ist die Woltemade-Lücke nun geschlossen. Auch wenn Deniz Undav gegen den 1. FC Köln kein gutes Spiel machte. Wie wichtig auch Demirovic für die Kabine ist, zeigte sich, als der 28-Jährige jüngst von den Kollegen in den Mannschaftsrat gewählt wurde. Und Dzenan Pejcinovic gehört nicht nur nach Auffassung von Bundestrainer Klopp die Zukunft. „Dzenan ist ein super Spieler mit viel Potenzial“, lobte auch Demirovic: „Wenn du immer wieder Spieler reinwerfen kannst, die das Niveau heben – dann sind am Ende alle glücklich.“
