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„Angst wäre ein schlechter Ratgeber“

Simon Zachenhuber hat die Chance seines Lebens: Er kann  gegen Hamzah Sheeraz Weltmeister werden. Doch er trifft auf einen brachialen Boxer.

  • Boxer Simon Zachenhuber fordert den amtierenden Weltmeister heraus.Foto: Baumann

    Boxer Simon Zachenhuber fordert den amtierenden Weltmeister heraus.Foto: Baumann

Stuttgart - Es ist der wichtigste Kampf seiner Karriere: Boxer Simon Zachenhuber (28), der seit achteinhalb Jahren in Stuttgart lebt und trainiert, kann am Samstag in Saudi-Arabien WBO-Weltmeister im Supermittelgewicht (bis 76,2 Kilo) werden. Das Problem: Sein Gegner Hamza Sheeraz (27) ist nicht nur der amtierende Weltmeister, sondern auch klarer Favorit. Der ungeschlagene Brite hat 19 seiner 23 Kämpfe vorzeitig gewonnen. Trotzdem glaubt Zachenhuber (29 Siege, eine Niederlage) an seine Chance.

Herr Zachenhuber, Sie stehen vor der größten Herausforderung Ihrer Karriere. Verspüren Sie so etwas wie Angst?

Nein. Nur Motivation. Freude. Und den Willen, unbedingt zu gewinnen. Das muss auch so sein.

Warum?

Weil Angst ein schlechter Ratgeber wäre. Respekt vor der Aufgabe ist vorhanden, Angst nicht. Hamzah Sheeraz ist der Weltmeister, er muss seinen Titel verteidigen. Ich kann nur gewinnen.

Wirklich? In manchen Kommentaren in den sozialen Medien wird Ihnen eine Tracht Prügel prophezeit.

Ich lese solche Kommentare nicht, das lenkt nur ab.

Wie stehen Ihre Chancen?

50:50 – mit dem Vorteil, dass ich bei dieser Rechnung nichts zu verlieren habe.

Wie groß ist ihre Sorge, harte Schläge zu kassieren?

So zu denken, verbietet sich. Man kann nicht schwimmen, ohne nass zu werden. Und Boxen ist eben nicht möglich, ohne getroffen zu werden. Das gehört dazu, daran bin ich gewöhnt. Das haut mich nicht um.

Was stimmt Sie zuversichtlich?

Auch Hamzah Sheeraz ist nur ein Boxer, der viel trainiert, der Schmerzen verspürt, der einen Kopf, eine Leber und einen Solarplexus hat, die man treffen kann.

Wo liegen seine Stärken?

Mit 1,91 Metern ist er außergewöhnlich groß. Durch seine langen Hebel hat er einen großen Punch. Er ist ein brachialer Boxer, der seinen Gegner vernichten will.

Wie wird Ihre Taktik aussehen?

Das ist Geheimsache, auch Hamzah Sheeraz und die Leute in seinem Umfeld werden die Stuttgarter Zeitungen lesen.

Was können Sie verraten?

Dass ich den Kampf schlau angehen werde, um nicht gleich in einen Schlaghagel zu geraten. Ich muss versuchen, ihn nicht in seinen Rhythmus kommen zu lassen.

Der Kampf ist auf zwölf Runden angesetzt. So lange standen Sie noch nie im Ring.

Das wird kein Problem sein. Im Sparring bin ich oft über diese Distanz gegangen. Konditionell habe ich zwölf Runden absolut drauf.

Sie sprachen zuletzt darüber, Ihren Stil geändert zu haben und nun offensiver zu agieren. Auch im WM-Duell?

Es wird eine Auseinandersetzung auf einem ganz anderen Niveau, ich werde taktischer agieren müssen. Mein Vorteil ist, dass ich vor einem Jahr in Heidelberg Paulinus Ndjolonimu geschlagen habe. Er ist genauso groß wie Hamzah Sheeraz, hat ebenfalls einen wahnsinnigen Punch. Die Erfahrung, die ich damals gesammelt habe, wird mir helfen.

Sie haben lange auf einen WM-Kampf gehofft. Nun bietet sich diese Chance ausgerechnet drei Monate nach der ersten Niederlage Ihrer Karriere gegen Pawel August. Wie ist das zu erklären?

Erst einmal hatte diese Niederlage keine Auswirkungen auf die WBO-Rangliste, weil es nur ein Kampf über sechs Runden gewesen ist, der aus Sicht des Verbandes belanglos war. Ich bin folglich die Nummer sieben geblieben. Für eine freiwillige Titelverteidigung hat der Weltmeister das Recht, sich einen Boxer aus den Top-15 auszusuchen – und da war meine Niederlage vielleicht sogar hilfreich: Es ist gut möglich, dass Sheeraz denkt, er habe gegen mich leichtes Spiel.

Ist das so?

Ich kann nur sagen: Sollte er mich unterschätzen, begeht er einen großen Fehler.

Der Kampf wurde erst zwölf Tage vor dem Termin offiziell bekanntgegeben. Wie sehr hat das Ihre Vorbereitung beeinträchtigt?

Überhaupt nicht. Ich habe viereinhalb Wochen vorher Bescheid bekommen, kurz vor meinem letzten Kampf gegen Armin Ajrulai in Köln. Folglich war dieses Duell die perfekte Generalprobe. Und danach habe ich voll weitertrainiert, mein Sparring intensiviert. Ich bin topfit. Den Rest hat mein Trainer Conny Mittermeier geregelt: Ich werde perfekt auf Hamzah Sheeraz eingestellt sein.

Sie boxen erstmals außerhalb Europas. Beschäftigt Sie das?

Nein. Der Zeitunterschied beträgt nur eine Stunde, und in Saudi-Arabien ist es auch nicht heißer als zuletzt bei uns. Der Jeddah Superdome hat 40.000 Sitzplätze – das wird ein mega Ereignis.

Bei dem Sie die Chance haben, erster deutscher Weltmeister im Supermittelgewicht seit Tyron Zeuge zu werden.

Das stimmt. Er holte vor zehn Jahren den WBA-Gürtel. Und wissen Sie, wer damals sein Trainer in der Ecke war?

Conny Mittermeier.

Richtig. Er weiß, wie man Weltmeister formt.

Sie haben davon gesprochen, dass sich durch den WM-Kampf ein Traum erfülle. Gehört dazu nicht noch ein Sieg?

Das ist eine Frage der Sichtweise. Ich habe jetzt erreicht, worauf ich achteinhalb Jahre hingearbeitet habe: Ich wollte in die absolute Weltspitze, große Kämpfe machen, gegen die Besten boxen. Das habe ich geschafft.

Und jetzt?

Ich gehöre zu den Menschen, die immer mehr wollen. Ich spüre deutlich, dass ich noch nicht am Ziel bin – dafür fehlt mir der WM-Gürtel.

Was bedeutet dieser WM-Kampf finanziell für Sie?

Ich bekomme die höchste Börse meiner Karriere. Doch ich muss nach all den Entbehrungen der Vergangenheit gewinnen, damit sich das, was ich ins Boxen investiert habe, wirklich lohnt. Für den ganz großen Zahltag brauche ich den Titel und einen Kampf, in den ich als Weltmeister gehe.

Würden Sie bei einer Niederlage über Ihr Karriereende nachdenken?

Auf keinen Fall! Wir würden analysieren, woran es gelegen hat und voll motiviert bleiben. Wir denken langfristig. Ich bin erst 28 Jahre alt, die Zukunft liegt noch vor mir. Dazu gehört eine wichtige Sache.

Welche?

Egal ob ich gegen Hamzah Sheeraz gewinne oder verliere: In diesem Kampf werde ich reifen und unglaublich viel lernen. Ich werde danach ein viel besserer Boxer sein, als ich es vorher gewesen bin.

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