Stuttgart - Es hat sich nur um eine Nuance gehandelt. Eine Mini-Fehlstellung des rechten Fußes im Bruchteil einer Sekunde, als Josha Vagnoman die Innenseite gegen den heranfliegenden Ball drückte. Aus etwa drei Metern schoss die Kugel steil nach oben und krachte gegen die Latte des Tores. Unglaublich, dachten sich viele Fans des VfB Stuttgart. Kopfschütteln auch in Fachkreisen. Wie konnte der Fußballprofi diese Riesenchance gegen den 1. FC Köln nur vergeben?
Typisch Vagnoman mögen da manche gedacht haben, da über den 25-Jährigen gerne gespottet wird, dass sich seine Aktionen immer wieder dem Kreisklassen-Niveau annähern. Vagnoman kann aber auch Weltklasse sein. Wie sein Volleytreffer gegen die Kölner zum 4:1-Endstand zeigt. Aus 18 Metern präzise mit dem Vollspann getroffen, rauschte das Spielgerät ins Netz.
Unhaltbar – und dennoch bleibt bei dem Außenverteidiger in der Öffentlichkeit vorrangig die Szene in Erinnerung, die ihn schlecht aussehen lässt. Dies scheint genauso ein Phänomen zu sein wie das Spiel des Stuttgarters. Es ist alles andere als konstant und in den meisten Köpfen steckt, wie die Stürmer von Paris Saint-Germain Vagnoman in der Champions League mit ihren Dribblings vorführten. Vergessen ist dagegen, wie Vagnoman gegen Real Madrid auftrumpfte.
Die Begegnungen mit Europas Elite spielten sich in der Saison 2024/2025 ab. Jetzt tritt der VfB wieder in der Königsklasse an und vor dem Heimauftritt am Mittwoch (20.45 Uhr) gegen Viking Stavanger hat sich offenbar nichts daran geändert, wie Vagnoman wahrgenommen wird. Kommt er an den Ball, entsteht unter den Anhängern auf den Rängen oder vor den TV-Geräten eine gewisse Unruhe, da Schlimmes befürchtet wird.
Die Fakten sagen häufig jedoch etwas anderes aus. Der Mann mit der Rückennummer vier ist defensiv verlässlich, er verfügt über hohes Tempo und körperliche Robustheit. An Vagnoman muss man erst einmal vorbeikommen. Zudem reißt er auf der rechten Seite viele Kilometer ab, schaltet sich als Verteidiger in die Offensive ein und ist torgefährlich. Im Moment weist ihn die Statistik beim VfB mit zwei Treffern und einer Torvorlage sogar als besten Ligascorer aus.
Der Modellathlet mit der ordentlichen Technik bringt also beste Voraussetzungen mit und ist gewillt, sich voll einzusetzen. Dennoch bleibt Vagnoman ungeliebt im Trikot mit dem Brustring. Von außen betrachtet. In der Mannschaft genießt er hohe Wertschätzung und im Club, wissen die Verantwortlichen, was sie an ihm haben. Ein feiner, angenehmer Kerl, der sich in guten Phasen in das Blickfeld der deutschen Nationalmannschaft spielt.
Zwei Länderspiel-Einsätze hat Vagnoman vorzuweisen – und schaut man auf die Alternativen auf der Position des Rechtsverteidigers, gibt es nicht viele Spieler, die einem Bundestrainer sein Profil bieten können. Ähnlich sehen es englische Vereine, die immer wieder Interesse zeigen, weil er mit seiner Physis und Dynamik in die Premier League passt. Allerdings gibt es auch den Vagnoman, der gelegentlich abwesend wirkt.
Ähnlich verhält es sich beim VfB. Regelmäßig gilt Vagnoman als Verkaufskandidat, weil man sich eine ordentliche Ablösesumme erhofft und weil er sportlich zu stagnieren scheint. Dann wiederum wird er wichtig für die Mannschaft, weil er eine gute Vorbereitung hinlegt oder sich die Konkurrenten verletzen. Wie diesmal Lorenz Assignon und Nikolas Nartey. Das eröffnete dem gebürtigen Hamburger eine neue Chance, obwohl er in den Testspielen von Trainer Sebastian Hoeneß auf der linken Seite eingesetzt wurde. Was zur Vielseitigkeit des Spielers führt.
Vagnoman kann rechts wie links, hinten wie vorne auflaufen. Beim Hamburger SV hat er gelegentlich sogar im defensiven Mittelfeld ausgeholfen. Aber nicht auf allen Positionen tritt er wie der natürliche Kandidat dafür auf. Im Grunde ist er Rechtsverteidiger. Da kommen seine Stärken am besten zur Geltung. Als äußeres Glied in einer Vierer- oder Fünferkette.
Diese Rolle hat Vagnoman nun bei Hoeneß auch wieder inne. Gegen den FC Bayern München und den 1. FC Köln lief er in der Bundesliga von Anfang an auf, weil er schnell genug für die rasenden Außenstürmer ist. Gegen den norwegischen Meister aus Stavanger dürfte sich daran wenig ändern. Ein Umstand, der dem Spieler auf dem Außenposten Sicherheit geben dürfte – selbst wenn sich an Vagnomans Leistungen wohl ewig die Geister scheiden werden.
