„Pflanze“ steht auf dem Zettel, den das Mädchen mit dem geflochtenen Haar vor sich hält. Was das ist? Lehrerin Sabine Schmidt gibt einen Tipp: „Hier sind drei davon.“ Dann rennt das Mädchen los und klebt das Papier auf einen Blumentopf. Schmidt lächelt zufrieden. Seit September ist sie Lehrerin der Sprachförderklasse der Sersheimer Hofäckerschule. Dort unterrichtet sie unter anderem Kinder von Flüchtlingen.
Die wachsende Zahl an Flüchtlingen geht auch an den Schulen nicht spurlos vorüber. Denn Kinder von Flüchtlingsfamilien dürfen – ebenso wie die von Wirtschaftsmigranten – eine Schulklasse besuchen, informiert Lieselotte Seemüller vom Staatlichen Schulamt Ludwigsburg. Um den steigenden Zahlen an Flüchtlingskindern gerecht zu werden, hat das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg für dieses Schuljahr landesweit 200 zusätzliche Stellen für sogenannte Vorbereitungs- beziehungsweise Sprachförderklassen zur Verfügung gestellt. In ihnen lernen Kinder die deutsche Sprache und werden auf den Besuch der Regelklassen vorbereitet. Im VKZ-Verbreitungsgebiet gibt es fünf solcher Klassen, zwei an der Vaihinger Schlossbergschule, je eine an der Enzweihinger und der Sersheimer Schule sowie eine in Wiernsheim. Flüchtlingskinder aus Illingen gehen nach Maulbronn und Mühlacker. Die VKZ hat einen Blick in die Sersheimer Schule geworfen.
Auf den ersten Blick sieht der Raum im ersten Stockwerk der Hofäckerschule wie ein gewöhnliches Klassenzimmer aus. Schulranzen stehen neben Bänken, an einer Pinnwand hängen Steckbriefe, auf den Tischen liegen Lineale. Einzig die Namensschilder lassen vermuten, dass hier keine gewöhnliche Klasse unterrichtet wird. Zaklina ist dort zu lesen. Ebenso Mohamad und Lucia. Sie alle eint, dass sie erst seit kurzem hier in Deutschland leben und daher noch nicht so gut Deutsch sprechen. „Manche sind im Juni oder Juli hierher gekommen. Andere erst vor wenigen Wochen“, erzählt Rektor Werner Wöhr.
Zwei weitere Anmeldungen für die Vorbereitungsklasse liegen vor
Neben Flüchtlingskindern besuchen auch Jungs und Mädchen, deren Eltern aus beruflichen Gründen nach Deutschland gezogen sind, die Sprachförderklasse. Aktuell zählt die Sersheimer Klasse sieben Schüler zwischen sechs und neun Jahren. Zwei Jungs und ein Mädchen sind aus Syrien, zwei Schwestern aus Serbien, ein Mädchen aus Spanien und ein Junge hat spanisch-nigerianische Wurzeln. Gestern sind die Anmeldungen zweier weiterer syrischer Jungs in Sersheim eingegangen.
Der Unterrichtsinhalt entspricht dem der ersten Klasse. „Sie lernen das ABC, Lesen und die Zahlen“, erklärt Schmidt. Zudem wird der Wortschatz erweitert.
Aktuell bringt Schmidt den Jungs und Mädchen die Farben bei. Dazu hält sie abwechselnd bunte Pappdeckel hoch. „Welche Farbe ist das?“, fragt sie. Sekundenschnell rasen sechs Hände in die Höhe. Sana antwortet: „Blau!“ Schmidt nickt, möchte aber, dass das Mädchen in einem ganzen Satz antwortet. „Das ist Blau“, spricht Schmidt ihm vor. Das Kind versteht und wiederholt: „Das ist Blau“, sagt es – und das völlig akzentfrei. „Kinder lernen wahnsinnig schnell“, sagt Schulleiter Wöhr stolz.
Bereits vor diesem Spiel hat Schmidt die Kinder aufgefordert, aufzustehen und im vorderen Bereich des Zimmers einen Sitzkreis zu bilden. Verständnisprobleme? Fehlanzeige. Die Jungs und Mädchen springen sofort auf und setzen sich vorne hin.
„Es gibt einen Vater, der mit seinem Kind schon in den Sommerferien einen Sprachkurs besucht hat“, erzählt Wöhr. Andere Kinder haben bis vor ihrem Besuch der Vorbereitungsklasse kaum ein Wort Deutsch gesprochen. Der spielerische Unterricht scheint den Jungs und Mädchen aber gelegen zu kommen. Begeistert machen sie mit, etwa bei der Aufgabe Begriffe zuzuordnen. Dazu hat Schmidt verschiedene Wörter wie Schrank und Tür auf Zettel geschrieben. Die Kinder müssen diese nun auf den dazugehörenden Gegenstand kleben.
Ein Mädchen hat ein Papier mit dem Namen „Schrank“. Zielstrebig läuft sie auf einen solchen zu und klebt den Zettel drauf. Ein Junge läuft vorbei und versucht den Begriff zu lesen. „Scha-rank“, sagt er. Zweiter Versuch: „Sche-rank.“ Beim dritten Mal klappt’s: „Schrank!“, ruft er und rennt zum nächsten Zettel. Kommt es in dieser Klasse denn nie zu Verständnisschwierigkeiten? Natürlich habe es das schon gegeben, sagt Schmidt. Meist helfen sich die Kinder dann gegenseitig. Beispielsweise hat anfänglich ein syrisches Kind einem anderen übersetzt. „Wir müssen aber aufpassen, dass es nicht überhandnimmt, dass sich die Kinder in ihrer Sprache unterhalten. Aber ich bin auch froh, wenn sie sich helfen“, so Schmidt.
Zum spielerischen Lernen gehört auch das Reimen. „Ene, mene, miste, es rappelt in der Kiste“, sagen alle problemlos.
Die Sprachförderklasse gibt es in Sersheim im dritten Jahr, seit diesem Schuljahr aber erstmals als Klasse mit eigenem Klassenzimmer und -lehrer. Neben den sieben Kindern besuchen 17 weitere Schüler stundenweise den Unterricht. „Das sind Schüler, bei denen wir oder die Kindergärten diagnostiziert haben, dass sie sprachliche Probleme haben, beispielsweise mit den Artikeln. Diese Kinder können ansonsten aber gut Deutsch sprechen“, sagt Wöhr.
Ziel ist es, die Jungs und Mädchen mit ausländischen Wurzeln nach und nach in die Regelklassen einzugliedern. Manche von ihnen besuchen diese schon jetzt ab und an, beispielsweise in Sport oder Kunst. Zwei Kinder wollen auch im Computer-Kurs ITG mitmachen, wie Wöhr berichtet. „Die Kinder sind sehr offen. Man merkt, dass sie lernen wollen“, so der Rektor.
Die Schüler sind aber nicht die Einzigen, die in der Förderklasse eine neue Sprache lernen. Auch Lehrerin Sabine Schmidt hat sich durch den Unterricht fortgebildet. Das Wort „Hallo“ kann sie nun auf Arabisch schreiben.


