Die Hilfe der Notfallseelsorger möchte keiner in Anspruch nehmen müssen. Denn wenn diese Helfer kommen, ist etwas Schreckliches passiert. Notfallseelsorger leisten in schlimmsten Momenten menschlichen Beistand. Im Landkreis Ludwigsburg gibt es den Dienst nun seit 15 Jahren.
Notfallseelsorger sind Frauen und Männer, die Menschen in ihren schlimmsten Momenten Beistand leisten. Sie überbringen gemeinsam mit der Polizei Todesnachrichten, stehen Angehörigen bei einem Suizidfall oder dem Tod von Kindern bei. Weitere Einsatzbereiche sind schwere Unfälle, Großschadensereignisse, häuslicher Todesfall und erfolglose Reanimation.
„Statistisch dauert ein Einsatz zweieinhalb Stunden“, sagt der Ulrich Gratz, Leitender Notfallseelsorger im Landkreis Ludwigsburg und evangelischer Pfarrer in Oberriexingen. In dieser Zeit „halten wir die Situation mit ihrer Fassungs-, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit mit den Menschen aus“, sagt Gratz. „Wenn man die Personen in einer solchen Situation nicht alleine lässt, ist die Chance auf eine gesunde Verarbeitung relativ hoch“, weiß der Notfallseelsorger. In diesen ersten Stunden nach einer Akutsituation versuchen die Notfallretter behutsam, den Weg zu den Selbstheilungskräften freizuräumen. Sobald den Betroffenen beispielsweise jemand einfalle, den sie anrufen könnten, sei schon viel gewonnen. Die Menschen, deren Leben sich von einer auf die andere Sekunde völlig verändert hat, sind dann wieder ein Stück weit handlungsfähig.
Seit 15 Jahren leisten Notfallseelsorger im Landkreis Ludwigsburg menschlichen Beistand. Ulrich Gratz erinnert an die Anfänge: „Im Jahr 1998 wurden die Kirchen und Hilfsorganisationen vom Landratsamt gebeten, eine psychologisch/seelsorgerliche Unterstützung für Einsatzkräfte und Betroffene von Großschadensereignissen ins Leben zu rufen.“ Schwere Unglücksfälle wie beim Flugtag in Ramstein 1988 und der Busunfall von Donaueschingen 1992 und der dort deutlich gewordene Bedarf an psychosozialer Unterstützung seien die Auslöser für dieses Anliegen gewesen.
Die mit der Bildung eines entsprechenden Dienstes betrauten vier Leute waren Dietmar Hein vom DRK, Hermann Bohm von der Feuerwehr sowie die beiden evangelischen Pfarrer Martin Schuster und Hermann Emmerling, sagt Gratz. Zunächst habe das Augenmerk auf der Hilfe für Einsatzkräfte gelegen, von denen manche posttraumatische Störungen entwickelten oder sich das Leben nahmen. Doch die vier Gründerväter seien sich sofort einig gewesen, dass ein solcher Dienst auch für die Betroffenen von persönlichen Katastrophen zur Verfügung stehen muss.
Der Rotkreuzler Hein hatte schon im 1996 den Kurs „Fachberater für Krisenintervention und Notfallnachsorge im Rettungswesen“ absolviert – das sei der erste Kurs dieser Art in Deutschland gewesen. „Die DRK-Verantwortlichen hatten schon damals Weitblick gezeigt“, lobt Gratz. Die ersten Einsätze im Jahr 1999 seien von den vier Gründern geleistet worden, bevor dann am 1. Januar 2000 die Notfallseelsorge mit zunächst 60 Mitarbeitern offiziell ihren Dienst aufnahm. Seither befinden sich rund um die Uhr zwei Diensthabende im Landkreis in Bereitschaft und leisten etwa 150 Einsätze im Jahr. Aus diesen „Einzelkämpfern“ sollen laut Gratz bald Duos werden, weshalb weiterhin vor allem ehrenamtlicher Nachwuchs gesucht werde. Zehn neue Notfallseelsorger werden heute Abend nach absolvierter Ausbildung bei einem Festgottesdienst in ihren Dienst eingesetzt. Eine davon ist die Vaihingerin Iris van Bergen. Sie ist ehrenamtliche Notfallseelsorgerin – also nicht hauptberuflich in der Kirche oder bei Hilfsdiensten tätig. Seit vier Jahren ist sie in der Hospizgruppe aktiv. „Es kam immer wieder was über die Notfallseelsorge in der Zeitung“, sagt van Bergen. Da habe sie Ulrich Gratz angerufen und im vergangenen Jahr einen Kurs für ehrenamtliche Seelsorger (Kess) in Oberriexingen absolvieren können. Danach schließt sich der Grundkurs Notfallseelsorge an, der zunächst in der Landesfeuerwehrschule in Bruchsal, dann bei der Polizei in Rastatt stattfindet.
Jetzt befindet sich van Bergen in der Hospitationsphase und hat rund elf Einsätze erlebt, viele davon in Zusammenhang mit einem Suizid. Iris van Bergen sagt, sie habe gemerkt, wie wichtig in solchen Momenten Beistand für die Menschen ist, „ich habe das Bedürfnis, da zu sein“.
Diese Ausbildung aus Kess und Grundkurs Notfallseelsorge „ist das Beste, was wir je gemacht haben, weil wir jetzt motivierte und qualifizierte Mitarbeiter haben“, sagt Gratz. „Das wird der Standard für die Zukunft“, ist er sich sicher.
Die erste Quereinsteigerin der Notfallseelsorge war Gisela Hahn-Flegl. Seit acht Jahren ist sie ehrenamtlich dabei. „Ich habe es nicht bereut, es ist meine Bestimmung“, sagt die Sachsenheimerin. Im Landkreis gebe es mittlerweile ein großes Team und eine sehr gute Vernetzung, betont Gratz. Es sei eine der Besonderheiten des Ludwigsburger Systems, „dass unter dem Dach des DRK die Kirchen und Hilfsdienste gemeinsam einen Dienst anbieten, der in seiner Struktur und Vielfalt besonders gut aufgestellt ist“.


