ArrayWeil „normaler“ Urlaub schon wegen des hohen Pflegeaufwands nicht möglich ist, sollten sich die Familien eine Auszeit in einer besonderen Unterkunft nehmen können. Dort würden ihre kranken Kinder von Fachkräften ver- und umsorgt, so dass Luft bliebe für gemeinsame Aktivitäten, für Exklusivzeit mit den Geschwistern, zum Durchatmen für die Eltern – eine Einrichtung, wie es sie deutschlandweit bis dahin nur ein einziges Mal gab.
Schon seit 2005 sei sie am „hirnen“ gewesen, berichtet Eckstein rückblickend, fand aber keinen passenden Kooperationspartner für das Projekt. 2011 dann der Durchbruch. Ecksteins Vater findet die Idee so schlüssig, dass er den Hof der Familie im Illinger Ortsteil Schützingen als Bauplatz zur Verfügung stellt. Die vier Geschwister der Initiatorin sind dafür. „Das gibt Rückhalt“, sagt sie heute. „Und sobald das Grundstück da war, kamen die ersten Spenden.“
Der Weg zum Gipfel bleibt trotzdem lang: Da sind Investitionskosten im Millionenbereich, unzählige ungeklärte Fragen, Skepsis im Dorf. Aber Eckstein und ihre überwiegend ehrenamtlichen Mitstreiter gehen Schritt für Schritt. Sie knüpfen Kontakte, informieren öffentlich unermüdlich über das Vorhaben, sammeln eine Zuwendung nach der anderen. Es läuft, doch werden die Gönner irgendwann ungeduldig. „Wir spenden schon so lange für die grüne Wiese. Wann fangt ihr endlich an?“, hätten manche wissen wollen.
Die Initiatorin will eigentlich erst mit dem Rohbau beginnen, wenn das Geld dafür zusammengekommen ist, versteht aber auch die Spender und Sponsoren. Also geht es im Juni 2015 los. Als der erste Spatenstich erfolgt, hat der eigens gegründete Förderverein rund 500 000 Euro eingeworben. Noch einmal dieselbe Summe wollen Unterstützer freigeben, wenn die Bagger rollen.
Millionenprojekt war schon zur Eröffnung schuldenfrei
Drei Jahre später ist sie Realität, die Familienherberge Lebensweg Schützingen. Zur Eröffnung des drei Millionen Euro teuren Hauses am 5. Mai 2018 ist man bereits schuldenfrei. Wie das klappte? Wenn etwas vorangeht, wird’s einfacher, hat die Ideengeberin festgestellt. Privatpersonen, lokale und überregionale Unternehmen, Stiftungen und Vereine hätten gespendet oder das Vorankommen anderweitig unterstützt.
Heute, weitere drei Jahre späte, sieht Karin Eckstein, die als eine von zwei Geschäftsführern fungiert, ein wichtiges Ziel erreicht: „Die Herberge, ist vom Stil her so geworden, wie sie werden sollte.“ Inzwischen waren 379 kranke Kinder zu Gast. Ihnen stehen unter anderem eine Pflegestation, ein Therapie- und ein Snoozle-Raum, Rückzugsmöglichkeiten für die Eltern, Speiseraum, Innenhof und Spielplatz im Freien zur Verfügung. 49 festangestellte Mitarbeiter und mehrere Ehrenamtliche kümmern sich darum, dass es den kranken Kindern gut geht und entlasten die Familien.
2019, das erste volle Jahr in Betrieb, war „ein ganz tolles“, so Eckstein. Die Belegung sei gut gewesen, manche Prozesse standen schon. „Leider durften wir 2020 nicht so erleben“, fügt sie an. Mit Ausbruch der Corona-Pandemie blieb die Einrichtung zunächst zwei Monate lange geschlossen. Um den Betrieb wiederaufnehmen zu können, wurde ein Sicherheitskonzept erstellt, das seither ständig den sich verändernden Bedingungen angepasst wird. Denn alle jungen Patienten im Haus gehören zur Risikogruppe.
Aktuell können nur vier Kinder gleichzeitig aufgenommen werden, regulär wären es bis zu zwölf. Grund: Um Kontakte zu minimieren, sind Mitarbeiter nun fest einem Gast zugeteilt. „Das ist eine Eins-zu-eins-Betreuung. Da brauchen wir für vier Kinder das gesamte Personal“, sagt die Chefin. Zudem sind aus Schutzgründen nicht alle Pflegezimmer im Haus belegbar. Je nach Lage dürfen nur die zu pflegenden Kinder, nicht aber Eltern und Geschwister anreisen. Bevor neue Gäste kommen, wird die Herberge einen Tag lang gereinigt und desinfiziert. Und das Konzept funktioniert: „Wir hatten noch keinen Covid-19-Fall im Haus“, so Eckstein.
Die Familien seien jetzt durch Home Office, daheim zu unterrichtende Geschwister, vielleicht auch durch den Verzicht auf den Pflegedienst – aus Angst vor Ansteckung – noch stärker belastet. 80 Familien hätten aber auf ihren Aufenthalt im Lebensweg der geschilderten Umstände wegen verzichten müssen, sagt Eckstein.
Für die Einrichtung, die von einer gemeinnützigen GmbH getragen wird und die auch für den laufenden Betrieb auf Spenden angewiesen ist, offenbart sich ein doppeltes Dilemma: Nicht nur, dass sie nicht so viel helfen kann, wie sie möchte. Zudem sinken die Einnahmen, während die Ausgaben gleichbleiben. „Wir sind nicht existenzgefährdet“, sagt Karin Eckstein. Aber die Situation sei schwierig.
Stelle für Sozialberatung läuft aus, Unterstützung gesucht
Man suche neue Wege, um mit Spendern und Sponsoren in Kontakt zu bleiben, etwa über soziale Medien und ein eigenes Magazin, sagt die fürs Fundraising zuständige Mitarbeiterin Andrea Kienzle. Keinesfalls wolle man betteln, informiere stattdessen transparent über die eigene Arbeit. 2020 sei die Spendenbereitschaft durchaus hoch gewesen. „Unternehmen und Vereine haben sich kleine Aktionen ausgedacht, um uns zu unterstützen. Das hat Mut gemacht“, so Kienzle. Schwieriger könnte dagegen 2021 werden. So laufe die Stelle für Sozialberatung, die bei betroffenen Familien besonders stark gefragt sei, nun aus. Um das Angebot weiterführen zu können, suche man nun Unterstützung.
Trotz allem will das Lebensweg-Team positiv bleiben. „Wir merken jetzt mehr denn je, dass Geld nicht alles ist“, sagt Karin Eckstein. Zusammenhalt und Einsatz der Mitarbeiter seien groß. Für sich selbst ist die Chefin nach einem Jahrzehnt sicher: „Ich würde es sofort nochmal machen.“
Wer den Lebensweg unterstützen möchte, kann sich an Andrea Kienzle wenden: ak@familienherberge-lebensweg.de, Telefon 0 70 43 / 95 96 48 16, www. familienherberge-lebensweg.de.

