Stuttgart

Wie die USA um ihre Seele kämpfen

Ob die Ideale der Unabhängigkeit Donald Trump überleben, geht auch uns Europäer etwas an.

  • Donald Trump blickt grimmig vom Entwurf des zum 250. Jubiläum der US-Unabhängigkeitserklärung herausgegebenen Sonder-Passes.Foto: IMAGO/BONNIE CASH

    Donald Trump blickt grimmig vom Entwurf des zum 250. Jubiläum der US-Unabhängigkeitserklärung herausgegebenen Sonder-Passes.Foto: IMAGO/BONNIE CASH

Stuttgart - Als Metapher für den Zustand der Vereinigten Staaten zu ihrem 250. Geburtstag passt die komplett verkorkste Renovierung eines nationalen Symbols in Washington perfekt. Großspurig hatte US-Präsident Donald Trump verkündet, zum Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung den reflektierenden Pool von der Lincoln-Gedenkstätte zu neuem Glanz zu verhelfen – leuchtend blau statt algengrün. Mehr als 14 Millionen Dollar später gibt es dort einen schlimmeren Algensumpf denn je. Während man die Verzierung von Jubiläumsgeldschein, -münze und -pass mit Trumps Konterfei noch als alberne Eitelkeit abtun kann, spiegelt der Lincoln-Pool die arrogante und desaströse Inkompetenz der aktuellen US-Politik.

Wie soll da Feststimmung aufkommen? So geht es nicht nur den Amerikanern, sondern vielen Menschen weltweit, die eigentlich von diesem unvergleichlichen Land fasziniert sind. Unvergleichlich deshalb, weil die Gründung der USA nicht auf einem engen Nationalbegriff, sondern auf universalen Idealen gründet. Die USA konnten sich wegen ihrer Einwanderungsgeschichte nie als ethnisch abgegrenzte Nation nach europäischem Muster verstehen. Sie berufen sich auf eine universale Idee.

US-Präsident Trump und seine Anhänger wollen hingegen ein Land, das sich konventionell nationalistisch aus gemeinsamer Herkunft definiert. Doch selbst Konservative begreifen, dass es hier ums Ganze geht. Der Trump-freundliche Kolumnist Marc A. Thiessen hat es anlässlich des 4. Juli in der „Washington Post“ so formuliert: „Wir sind die erste Nation in der Geschichte, die sich nicht auf Blut und Boden gründet, sondern auf eine Idee: Die Idee der menschlichen Freiheit.“

Sozusagen als Jubiläumsgeschenk hat kurz vor dem 4. Juli der Oberste Gerichtshof einen zentralen Pfeiler dieser US-Identität gegen Trumps Attacken verteidigt: Wer auch immer auf amerikanischen Boden geboren wird, erhält die US-Staatsbürgerschaft. Das gilt auch, wenn sich die Eltern illegal im Land aufhalten. Dieser seit 1868 geltende 14. Verfassungszusatz sollte ursprünglich die Rechte der nach dem Bürgerkrieg befreiten Sklaven garantieren. Heute ist er der Schlüssel zur Integrationskraft der USA.

Wir sollten in Europa aber erkennen, dass wir im selben Konflikt stecken. Auch die europäischen Staaten sind zu Einwanderungsgesellschaften geworden. Und deshalb sind die USA ein unersetzlicher Orientierungspunkt. Die Ideen von 1776 haben auch das deutsche Grundgesetz geprägt. Spätestens wenn von ostdeutschen Landesparlamenten ausgehend die radikale Rechte auch hierzulande nach der Macht greift, ist für Arroganz gegenüber den USA keinerlei Platz.

Trumps zweite Amtszeit hat dabei eines auf deprimierende Weise gelehrt: Wie feige sich viele, von Universitäten bis zu Unternehmen, gegenüber autoritären Bestrebungen wegducken. Auch 250 Jahre Freiheitstradition sind keine Garantie für das Überleben einer Demokratie. Es sind erst einmal nur Minderheiten, die zur Auflehnung bereit sind. Erst wenn – wie in es in Minnesota nach den Exzessen der Einwanderungspolizei ICE der Fall war – die breite Mehrheit ihr freiheitliches Leben bedroht sieht, wird ein solcher Widerstand wirksam. Es sind und bleiben die Ideen von 1776, die dafür den geistigen Überbau liefern. In der US-Geschichte waren sie Bezugspunkte für alle Freiheits- und Widerstandsbewegungen. Offen ist, wer im Kampf und die Seele der Vereinigten Staaten die Oberhand gewinnt. Wer sich allzu sicher wähnt, dass nach Trump die USA ganz selbstverständlich zu ihren Wurzeln zurückkehren werden, hegt eine gefährliche Illusion. Der Kampf um die Ideale der Unabhängigkeitserklärung hat erst begonnen.

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