Die Sonne wärmt die Mauern der kleinen Städtchen in Frankreichs Süden und sorgt für jenes typische Wohlgefühl des „Midi“. Man döst, geht müßig - und mag sich gar nicht vorstellen, dass genau hier vor 800 Jahren ein Religionskrieg wütete.
Es gibt keine Hölle - die Hölle ist auf Erden
Seit Mitte des 12. Jahrhunderts grassierte hier die fromme Sektenbewegung der Katharer, eine religiöse Lehre, die wohl durch die Kreuzzüge aus dem Orient importiert worden war. Ihre Anhänger wurden - nach ihrer Hochburg Albi - auch „Albigenser“ genannt.
Die dualistische Theologie der Katharer (von altgriechisch katharoi, die Reinen) lautet kurz zusammengefasst: Weil Gott gut ist und die Menschen schlecht, müssen sie vom Teufel geschaffen sein. Es gibt keine Hölle; die Hölle ist auf Erden. Christus sei weder gestorben noch auferstanden; nicht als Erlöser gekommen, sondern als Bote.
Armut, Keuschheit, Reinheit
Ihr Mittel zur Befreiung des Menschen: die Geisttaufe durch Handauflegen (lateinisch consolamentum), dazu Armut, Keuschheit und Reinheit. Diese eigentümliche und radikale Büßerethik, ja Weltflucht der Katharer traf offenbar einen Nerv bei den so lebensfrohen wie frommen Südfranzosen. Jedenfalls breitete sich die Lehre in einer Weise aus, die auch den Papst in Rom beunruhigte.
Geschickt verknüpfte Frankreichs Krone die Ängste vor den Häretikern mit ihren eigenen Interessen. Und sie schaffte es, ihren Kreuzzug gegen die Albigenser (1209-1229) zur politischen Unterwerfung der mächtigen Grafschaft Toulouse zu nutzen. Graf Raymond VI. verlor so seinen Besitz und seine Rechte an den Führer des Kreuzzugs, Simon de Montfort.
Dass es dabei äußerst brutal zuging, belegt ein angebliches Zitat des päpstlichen Gesandten (Legaten) Arnaud Amaury, Zisterzienserabt und später Erzbischof von Narbonne, der bei der Einnahme der Katharerstadt Béziers 1209 durch nordfranzösische Ritter auf die Frage, was mit den Ketzern und was mit rechtgläubigen Katholiken geschehen solle, geantwortet haben soll: „Tötet sie alle! Gott wird die Seinen schon erkennen.“
„Gott wird die Seinen schon erkennen“
Waren die Katharer im Midi lange Zeit eher ein historisches Relikt unter vielen anderen, so erleben sie in den vergangenen Jahren eine Art Renaissance - ja sie werden als Kulturerbe Okzitaniens regelrecht adoptiert. Die „Châteaux cathares“ - Katharer-Burgen - sind inzwischen ein touristisches Label. Regionale Lebensmittel wie „Katharer-Brot“, „Katharer-Oliven“ und „Katharer-Wein“ gehören zum Selbstbild einer Region, die heute fast ausschließlich vom Weinbau und vom Tourismus lebt.
Bei ihrer am Sonntag (19. Juli) begonnenen Tagung beraten die Mitglieder des Unesco-Welterbekomitees bis 29. Juli im südkoreanischen Busan über die Neuaufnahme von insgesamt rund 30 Welterbestätten. Darunter auch die mittelalterliche Festungsstadt Carcassonne und sieben der Katharer-Burgen im Pyrenäenvorland. Sie stehen laut dem Aufnahmeantrag stellvertretend für die Eroberung des Languedoc durch den König von Frankreich und seinen Vasallen im 13. Jahrhundert.
Da ist etwa das Château de Peyrepertuse, die größte Festungsanlage der Katharer, 800 Meter hoch über dem Tal des Verdouble im Süden der Corbières gelegen. Oder der Montségur im Département Ariège, ihre letzte Schutzburg. Im Morgengrauen des 16. März 1244 wurde der Montségur an die Belagerer übergeben. Die Kreuzritter verbrannten die verbliebenen 225 Katharer mit ihrem Bischof Bertrand als Ketzer, weil sie sich weigerten, ihren Lehren abzuschwören.
Entschuldigung der Kirche nach 800 Jahren
Die Einnahme des Montségur: das letzte große Kapitel jenes Kreuzzugs, der das heutige Südfrankreich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts prägte. In den nachfolgenden Jahrhunderten von Inquisition und Glaubenskriegen blieb das Kapitel des Albigenser-Kreuzzugs ohne Aufarbeitung.
Erst 2016, knapp 800 Jahre nach den Ereignissen und im Zeitalter der Religionsfreiheit, entschuldigte sich der damalige katholische Bischof der Region, Jean-Marc Eychenne, Bischof von Pamiers, im Rahmen eines Versöhnungsgottesdienstes.
Carcassone: Derselbe Restaurator wie Notre-Dame
Das touristische Highlight auf der Kandidatenliste ist zweifellos Carcassonne mit seinem mittelalterlichen Festungsring wie aus dem Märchen und rund vier Millionen Besuchern pro Jahr. Zu Beginn des Kreuzzugs war die Stadt ein Hauptstützpunkt der Katharer. Die Festungsstadt ist von einer doppelten Mauer von je rund drei Kilometer Länge und insgesamt 52 Türmen umgeben.
Im 19. Jahrhundert weitgehend verfallen, wurde sie von Eugène Viollet-le-Duc (1814-1879) restauriert, einem der zentralen Persönlichkeiten der frühen Denkmalpflege in Europa. Seit 1853 war er Oberaufseher aller Sakralbauten Frankreichs. Die Befestigungsmauern von Carcassonne gehörten zu den wichtigsten seiner vielen restauratorischen Arbeiten, neben Notre-Dame in Paris oder der Basilika Saint-Sernin in Toulouse.
À propos Toulouse: Auch eine der bedeutendsten Ordensgemeinschaften der katholischen Kirche geht auf die Bekämpfung der Katharer zurück: In Toulouse steht die Wiege des Dominikanerordens. Der heilige Dominikus (1170-1221) gründete dort 1215 den „Ordo predicatorum“, den Predigerorden, der sich der rechten theologischen Verkündigung verschrieb. Toulouse freilich, die kulturgeschichtlich erstrangige „Rote Stadt“ an der Garonne, ist diesmal nicht Gegenstand der Welterbe-Debatte. Ihre Stätten sind schon seit 1998 gelistet. (Text: Alexander Brüggemann/KNA)

