Würde man herumfragen, käme die Antwort zumindest bei der weißen Lilie prompt: Sie steht für die Unschuld. Bei der Rose würden die meisten sicher auf die Liebe tippen. Aber wofür stehen Akelei oder Nelke? Über Jahrhunderte hinweg war den Menschen die Symbolik der Blumen selbstverständlich vertraut. Bekam ein Ehepaar zur Hochzeit einen bemalten Bauernschrank geschenkt, auf dem aus Füllhörnern bunte Blüten quollen, dann wussten sie auch, dass man ihm Wohlstand und einen reichen Kindersegen wünschte.
Riesige Blüten hängen von der Decke
Wer weiß, ob Petrit Halilaj und Álvaro Urbano noch die Hintergründe zu den Blumen kennen, die sie riesenhaft nachgebildet haben – zum Beispiel monströse Forsythien, die nun in der Kunsthalle Baden-Baden hängen, weil sie für das Künstlerpaar eine große Bedeutung haben. Forsythien seien die ersten Blumen gewesen, die sie sich schenkten. Die mehrere Meter große Hibiskus-Blüte, die unter der Decke schwebt, steht dagegen für irgendeinen anderen privaten Moment. Das individuelle Erleben ist heute eben wichtiger als die Symbolik des Christentums, die nicht mehr als verbindlich gilt.
Es geht um Blumen in der Kunsthalle Baden-Baden, ein Thema, über das doch eigentlich schon genug gesagt sein sollte. „Bloom up! Die Sprache der Blumen“ nennt sich die erste große Ausstellung, die das Badische Landesmuseum nun in der Kunsthalle Baden-Baden zeigt. Da das Karlsruher Schloss derzeit saniert wird, hat man notgedrungen zwei Teams zusammengewürfelt: Die Kunsthalle Baden-Baden war auf zeitgenössische Kunst spezialisiert, während das Badische Landesmuseum eine große kulturgeschichtliche Sammlung besitzt und seinen Blick eher in die Vergangenheit richtet.
Die gute Nachricht ist: Schon lange hat man die Kunsthalle Baden-Baden nicht mehr so freundlich und ansprechend erlebt. Nachdem das bisherige Berliner Kuratorenteam die Räume eher lieblos bespielt hatte, wirken sie nun attraktiv und sind mit professionellen Vitrinen ausgestattet. Die ausführlichen Informationen signalisieren zudem, dass man ein breites Publikum erreichen möchte, das war hier bisher selten der Fall.
Das Streitbeil ist mit Tulpen dekoriert
Aber auch inhaltlich nimmt „Bloom up!“ sofort gefangen, das Zusammenspiel der beiden Disziplinen erweist sich als durchaus fruchtbar. Statt das Thema streng durchzudeklinieren und lehrbuchhaft die historische Entwicklung von Ornamenten, Attributen oder Symbolen aufzuarbeiten, werden schlaglichtartige Blicke auf einzelne originelle Aspekte geworfen – hier mit aktueller Kunst, dort mit kulturgeschichtlichen Objekten.
So kann man sich schon wundern, dass ausgerechnet Blumen, die doch für Leben und Fruchtbarkeit stehen, auch als Ornament herhalten mussten für ein martialisches Streitbeil von 1691. Es ist reich mit Tulpen verziert, weshalb der Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden vermutlich stolz war, dass er die hübsch daherkommende Waffe ergattern konnte. Sie ist eine der Trophäen der sogenannten Türkenbeute.
Man kann sich aber auch fragen, warum bei wichtigen Anlässen immer Blumengestecke zum Einsatz kommen. Die amerikanische Künstlerin Taryn Simon zeigt mehr oder minder schöne Gestecke, die auf den Tischen standen, auf denen Politiker oder Machthaber wichtige Unterschriften tätigen – etwa der frühere US-Präsident Ronald Reagan oder der iranische Schah.
In der Kunsthalle ist aber auch einiges für den Geruchssinn geboten. Die norwegische Künstlerin Sissel Tolaas sammelt Düfte. Mehr als 7800 verschiedene Gerüche hat sie bereits in ihrem Archiv zusammengetragen und einige der Moleküle nun eigens für die Ausstellung zusammengemischt zu wohligen Düften, die Sitzwürfel verströmen.
Ein anregender Parcours
Dagegen fühlt man sich eher an eine Trauerhalle erinnert bei dem schweren, morbiden Duft der Blumensträuße von Belia Zanna Geetha Brückner. Die Künstlerin erinnert mit ihnen an Momente in ihrem Leben, die oft, aber nicht nur positiv waren: Da ist der Tankstellenstrauß, den sie am Geburtstag ihres Sohnes geschenkt bekam, da sind die roten Rosen, mit denen „er“ plötzlich vor ihrer Tür stand. Da ist aber auch einer der vielen Entschuldigungssträuße, die sie eher als „Schmerzensgeld“ erlebt hat für all die Wunden, die dieser Er ihr angetan hat. Auch hier stehen die Blumen für biografische Momente. Aber es wird auch entlarvt, wie die Schönheit der Blumen instrumentalisiert wird und wie ambivalent sie sein können.
Ob es die Kamillenblüten sind, die auf einem ägyptischen Sarg dargestellt wurden, oder die Bauernschränke aus dem 19. Jahrhundert – „Bloom up!“ ist ein anregender Parcours durch Epochen und Themen und stimmt zuversichtlich. Denn so bitter es sein mag, dass die Kunsthalle Baden-Baden als eigenständiger Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst geopfert wurde, ist ihre Neuausrichtung für die Stadt und das Publikum zweifellos ein großer Gewinn.
Dating-Tour und Familien-Mission
App
Zur Ausstellung gibt es eine klassische Audiotour, aber auch eine App mit weiteren Angeboten – einer „Dating-Tour“ mit tiefgründigen Gesprächen rund um die Sprache der Blumen, eine „Familien-Mission“, bei der interaktive Aufgaben zu lösen sind, sowie einem „Team-Erlebnis“ mit Fragen, die zu gemeinsamen Entdeckungen motivieren wollen.
Info
Ausstellung bis 10. Januar in der Kunsthalle Baden-Baden, geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr.

