Panorama

Spaniens Mogli: Marcos Rodríguez Pantoja lebte elf Jahre unter Wölfen

In der Wildnis überleben nur die Stärksten - wie Mogli, die fiktive Figur aus der Erzählung „Das Dschungelbuch“. Und Marcos Rodríguez Pantoja, der in der Realität einem Wolfsrudel angehörte. Die Natur war sein Zuhause, in der Zivilisation fühlte er sich immer etwas fremd. Jetzt ist er im Alter von 80 Jahren gestorben.

  • Auch als Erwachsener konnte Marcos Rodríguez Pantoja Wolfslaute nachahmen und die Reaktionen der Tiere deuten. Das zeigt der Dokumentarfilm „Entrelobos" aus dem Jahr 2010.Paislobo Prensa/YouTube

    Auch als Erwachsener konnte Marcos Rodríguez Pantoja Wolfslaute nachahmen und die Reaktionen der Tiere deuten. Das zeigt der Dokumentarfilm „Entrelobos" aus dem Jahr 2010.Paislobo Prensa/YouTube

„Und mit den Wölfen wächst Mogli auf. Er jagt mit ihnen und schläft in ihrer Höhle. Balu, der Bär, und Baghira, der schwarze Panther, nehmen sich seiner an. Klettern, schwimmen und jagen lehrt ihn Baghira; Balu aber hat bessere Weisheit; den Erkennungs- und Jagdruf aller Tiere im Dschungel lehrt er ihn, in dem Art zu Art sich findet. Grüßt Mogli die Schlangen mit ihrem gezischten Willkommen, ist er vor ihrem Giftzahn sicher. Und alle die Tiere im Dschungel haben Mogli lieb. Aber in die Augen ihm zu sehen, das vermag keines.“

So erzählt es der britische Autor Rudyard Kipling (1865-1936) in „The Jungle Books“, erschienen in den Jahren 1894/95.

Eine harte Kindheit

Eine fiktive Geschichte, aber sie hat einen wahren Kern. Findelkinder, die unter Wölfen leben und von ihnen großgezogen werden, gibt es tatsächlich. Marcos Rodríguez Pantoja, der Mogli der Sierra Morena, war einer von ihnen.

Rodríguez wurde am 7. Juni 1946 in dem kleinen Ort Añora in der spanischen Provinz Córdoba geboren. Seine Eltern zogen kurz darauf nach Madrid, wo seine Mutter bei der Geburt ihres achten Kindes starb, als Marcos drei Jahre alt war.

Sein Vater heiratete wieder, eine Frau, die ein Kind aus einer früheren Ehe mitbrachte und Marcos stetig misshandelte. Anfang der 1950er Jahre zog die Familie nach Fuencaliente in der Sierra Morena, wo der Vater sein Geld als Köhler verdiente.

1954, da war der Junge gerade sieben Jahre alt, verkauften ihn seine Eltern an einen Landbesitzer, der ihn einem Ziegenhirten übergab, um bei ihm in die Lehre zu gehen

Die Wildnis wird sein Zuhause

Doch der Schäfer starb ein Jahr darauf und der Junge war auf sich allein gestellt. Ein Waisenkind, das die Wildnis zu seinem Zuhause machte, in einer Höhle lebte und in den Tieren eine neue Familie fand. Zwölf Jahre lang lebte er ohne jeden Kontakt zu anderen Menschen.

Er lernte die Laute der Tiere, glaubte, sich mit Vögeln, Füchsen und Wölfen zu verständigen. Marcos gewann das Vertrauen eines Wolfsrudels, als er dessen Jungtiere mit Futter versorgte und heulte, wenn er Gefahr witterte.

Rückkehr in die Zivilisation

Im Jahr 1965 wurde er von der Guardia Civil aufgegriffen, gefesselt und geknebelt nach Fuencaliente gebracht. Ein Priester in Jáen und später Nonnen in Madrid nahmen ihn in ihre Obhut, brachten ihm wieder das Sprechen, das Anziehen, den aufrechten Gang und das Essen mit Besteck bei.

Nach einem längeren Aufenthalt in einem Reha-Krankenhaus der Vallejo-Stiftung in Madrid zog er in ein Wohnheim auf Mallorca, wo er auch Arbeit fand. Danach leistete er seinen Militärdienst ab, arbeitete als Hirte und im Gastgewerbe u. a. in Fuengirola und Málaga.

Der Naturmensch wird zum Studienobjekt

1975 hörte der Anthropologe Gabriel Janer Manila von dem „Wolfsjungen“ und führte im Rahmen einer sozialwissenschaftlichen Studie zwischen November 1975 und April 197 Interviews mit Rodríguez für die Philosophische Fakultät der Universität von Palma de Mallorca durch. Manila wollte anhand dieser ungewöhnlichen Lebensgeschichte untersuchen, ob und wie sich ein abseits menschlicher Gesellschaft aufgewachsenes Individuum mithilfe von Bildung integrieren lassen könne.

Der Anthropologe stellte fest, dass der Junge einst von seinen Eltern vorsätzlich und aufgrund extremer Armut verstoßen wurde. Aus der Fallstudie wurde schließlich eine Doktorarbeit, die Janer unter dem Titel „He jugado con lobos“ („Ich habe mit Wölfen gespielt“) publizierte. Seiner Ansicht nach konnte Rodríguez nur dank seiner Intelligenz und Vorstellungskraft überleben.

Wie der Waisenjunge zum „Wolfsjunge“ wurde

In seiner Dissertation beschreibt Janer die verschiedenen Phasen von Rodríguez’ Leben: Wie er sukzessive Teil der animalischen Gemeinschaft wurde, wie er deren Regeln und die Sprache seiner Umgebung erlernte und wie er die Tiere als gleichwertig behandelte.

„Ich weinte, und sie sprangen auf mich zu. Dann zeigten sie mir den Weg zu ihrer Höhle, dem Bau der Wölfe“, erzählte er Janer. Dabei beschrieb er, wie die Wolfsjungen bei ihrer Begrüßung um ihn herumspielten und hochsprangen. „Wenn ich fischen wollte, ging ich zum Fluss und fischte, wenn ich ein Kaninchen wollte, fing ich eines, wenn ich einen Hirsch wollte, rief ich meine Eltern, die Wölfe, stieß einen Heuler aus, versteckte mich im Fluss, und die Wölfe trieben das Vieh zu mir herunter.“

Ein Zuhause in der Provinz

2001 zog Rodríguez in das kleine Dorf Rante bei der Stadt Ourense , wo der pensionierte Polizist Manuel Barandela Losada ihn bei sich aufnahm. Er nannte ihn „den Jefe“, für ihn war Manuel bis zu seinem Tod seine Familie. Danach wurde er von der Öffentlichkeit „entdeckt“.

Eine niederländische Familie förderte ihn, er wurde zu Vorträgen und Berichten von Stadträten, Vereinen, verschiedenen Organisationen und in zahlreiche TV-Sendungen eingeladen.

„Wolfsbrüder“

Anfang 2010 kam ein Team der spanischen RTVE-Sendung Informe Semanal zu Rodríguez und schlug ihm vor, einen Film über sein Leben zu drehen. Mit den Team kehrte er erstmals nach 60 Jahren in seinen Heimatort Añora zurück.

Am 26. November 2010 kam der Film unter dem „Entrelobos“ („Wolfsbrüder“) in Spanien in die Kinos. Zwei Jahre später, am 7. Juni 2012, erschien der Spielfilm auch in Deutschland. „Mir ging es sehr gut. Ich wusste nicht, was Geld ist, aber ich hatte immer genug zu essen“, erzählt Rodríguez darin.

Immer wieder betonte er, dass er in den Bergen glücklich gewesen sei. Sein eigentliches Leiden habe erst begonnen, als er gefunden wurde und sich gezwungenermaßen in die Gesellschaft eingliedern musste. Doch warum zog er nicht wieder zurück in die Wildnis? Weil er seine Geschichte weitergeben wollte, um „die Natur zu schützen und ein besseres Verständnis für sie zu fördern, weil wir uns so sehr von ihr entfernt haben“.

Der Abschied

Am 15. August 2026 starb Marcos Rodríguez Pantoja im Alter von 80 Jahren. Die Gemeinde San Cibrao das Viñas, zu der Rante gehört, nahm in den Sozialen Medien Abschied von ihrem prominenten Mitbürger:  „Marcos kam nach Rante mit einer Geschichte, die die ganze Welt kannte. Er hinterlässt eine Geschichte, die auch zu unserer geworden ist“, schreibt die Gemeinde in den sozialen Medien.

Marcos Rodríguez Pantoja letzten Worte sollen seiner glücklichen Kindheit bei den Wölfen gegolten haben.

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