Kultur

Schön, robust, recycelbar: So sieht die Architektur-Revolution von heute aus

Wie baut man Wohnhäuser, die extremem Wetter standhalten und sich harmonisch in die Natur einfügen? Architekten zeigen, wie innovatives und zukunftsfähiges Bauen gelingt.

  • Wohnen im Einklang mit der Natur: CPLUSC Architekten und ihr Projekt „Balmy Palmy“,  Palm Beach, Sydney, Australien. Weitere Wohnbeispiele finden sich im Buch „Sustainable Living“.Foto: © Murray Fredericks/Taschen Verlag

    Wohnen im Einklang mit der Natur: CPLUSC Architekten und ihr Projekt „Balmy Palmy“, Palm Beach, Sydney, Australien. Weitere Wohnbeispiele finden sich im Buch „Sustainable Living“.Foto: © Murray Fredericks/Taschen Verlag

  • Vor der Küste Schottlands: Koto, Koto House, North Uist, vor der Küste Schottlands, Vereinigtes Königreich, 2022. Im Buch auf Seite 251.Foto: OLCO Studios/Taschen Verlag

    Vor der Küste Schottlands: Koto, Koto House, North Uist, vor der Küste Schottlands, Vereinigtes Königreich, 2022. Im Buch auf Seite 251.Foto: OLCO Studios/Taschen Verlag

  • Bambus und Stroh: Rama Estudio, Toquilla Houses, Portete Island, Esmeraldas, Equador, 2021. Im Buch auf Seite 373.Foto: © JAG Studio/Taschen Verlag

    Bambus und Stroh: Rama Estudio, Toquilla Houses, Portete Island, Esmeraldas, Equador, 2021. Im Buch auf Seite 373.Foto: © JAG Studio/Taschen Verlag

  • Ein Haus, das Energie produziert von Snohetta:  ZEB Pilot-Multicomfort House, Larvik, Norwegen, 2014. Im Buch auf Seite 419.Foto: Paal-André Schwital/Taschen Verlag

    Ein Haus, das Energie produziert von Snohetta: ZEB Pilot-Multicomfort House, Larvik, Norwegen, 2014. Im Buch auf Seite 419.Foto: Paal-André Schwital/Taschen Verlag

  • Andrés Jaque, Rambla Climate-House, Molina de Segura, Murcia, Spanien, 2021. Im Buch auf Seite 208.Foto: © Jose Hevia/Taschen Verlag

    Andrés Jaque, Rambla Climate-House, Molina de Segura, Murcia, Spanien, 2021. Im Buch auf Seite 208.Foto: © Jose Hevia/Taschen Verlag

  • HW Studio, Casa Enso II, San Miguel de Allende, Guanajuato, Mexiko, 2021–22. Im Buch auf Seite 187.Foto: Cesar Bejar Studio/Taschen Verlag

    HW Studio, Casa Enso II, San Miguel de Allende, Guanajuato, Mexiko, 2021–22. Im Buch auf Seite 187.Foto: Cesar Bejar Studio/Taschen Verlag

  • Níall McLaughlin, Saltmarsh House –  auf der Isle of Wight an der Südküste Großbritanniens, 2020–21. Im Buch auf Seite 36/37.Foto: © Nick Kane/Taschen Verlag

    Níall McLaughlin, Saltmarsh House – auf der Isle of Wight an der Südküste Großbritanniens, 2020–21. Im Buch auf Seite 36/37.Foto: © Nick Kane/Taschen Verlag

  • Vo Trong Nghia, Thang House Da Nang, Vietnam, 2019. Im Buch auf Seite 453.Foto: © Hiroyuki Oki/Taschen Verlag

    Vo Trong Nghia, Thang House Da Nang, Vietnam, 2019. Im Buch auf Seite 453.Foto: © Hiroyuki Oki/Taschen Verlag

  • Wingardhs, Trakt Forest Hotel, Sällehägnad in  Schweden, 2020-2022. Im Buch auf Seite 11.Foto: © James Silverman Photography/Taschen Verlag

    Wingardhs, Trakt Forest Hotel, Sällehägnad in Schweden, 2020-2022. Im Buch auf Seite 11.Foto: © James Silverman Photography/Taschen Verlag

  • Lehmbau: Tsuyoshi Tane, Clay House, Tokyo, Japan, 2019–23. Im Buch auf Seite 443.Foto: © Tomoyuki Kusunose//Taschen Verlag

    Lehmbau: Tsuyoshi Tane, Clay House, Tokyo, Japan, 2019–23. Im Buch auf Seite 443.Foto: © Tomoyuki Kusunose//Taschen Verlag

  • Noch ein Beispiel aus Japan: Ken Nishiguchi, Earth House, Okazaki, Aichi. 2017-2018 erbaut. Im Buch auf Seite 323.Foto: © ToLoLo Studio/Taschen Verlag

    Noch ein Beispiel aus Japan: Ken Nishiguchi, Earth House, Okazaki, Aichi. 2017-2018 erbaut. Im Buch auf Seite 323.Foto: © ToLoLo Studio/Taschen Verlag

  • Alle hier gezeigten Fotos entstammen dem lesenswerten Buch „Homes for Our Time. Sustainable Living“ von Philip Jodidio. Taschen Verlag. 496 Seiten, 75 Euro. www.taschen.com Abgebildet auf dem Cover:  Evergreen, Niwa-no-ie, Chuubu, Gifu, Japan, erbaut 2013–2014.Foto: ToLoLo Studio/Taschen Verlag

    Alle hier gezeigten Fotos entstammen dem lesenswerten Buch „Homes for Our Time. Sustainable Living“ von Philip Jodidio. Taschen Verlag. 496 Seiten, 75 Euro. www.taschen.com Abgebildet auf dem Cover: Evergreen, Niwa-no-ie, Chuubu, Gifu, Japan, erbaut 2013–2014.Foto: ToLoLo Studio/Taschen Verlag

Manchmal ist die Natur so überwältigend, dass sich das Haus, das in ihrer Umgebung entsteht, ziemlich anstrengen muss, um mit Form, Farbwelt und Struktur mithalten zu können. Karger Stein, grüngraue Wiesen, bleigraues Wasser, ein endloser Horizont. Das sieht man, wenn man aus dem vom Architektur- und Designstudio Koto entworfenen Haus auf die Gezeitenlagune in Claddach Valley im Nordwesten der Insel North Uist vor der Küste Schottlands schaut.

Das Haus mit anthrazitfarbener Holzfassade duckt sich in die Landschaft. Erdige Töne, natürliche Stoffe, zurückhaltende Möblierung reagieren auf die Natur. Vorgefertigte Module wurden so konzipiert, das sie den außergewöhnlich widrigen Wetterbedingungen, den extremen Windlasten standhalten.

Häuser, die sich wieder zum Verschwinden bringen

Das sind die Herausforderungen für Architekten heute: Auf die Umgebung, auf veränderte, extremer werdende klimatische Bedingungen reagieren, zugleich gestalterisch überzeugend entwerfen, damit das Haus möglichst lange die ersten und womöglich später folgenden Besitzer so überzeugt, dass sie es höchstens um- und weiterbauen und nicht nach zwanzig Jahren gleich wieder abreißen wollen.

Wenn man freilich mitdenkt, dass ein Haus doch irgendwann nicht mehr benötigt wird, sollte es möglichst weiterverwendbar sein. „Eine mögliche Strategie für die Zukunft könnte darin liegen“ schreibt Philip Jodidio in seinem Essay in dem Buch „Homes for Our Time. Sustainable Living“ des Taschen Verlages, „Häuser zunehmend ,biologisch abbaubar’ zu gestalten.“ So wie ein Beispiel von Stararchitekt Norman Foster, das er 2023 in Venedig vorgestellt hat und das als Notunterkunft konzipiert war: ein bunkerartig cooles Haus wird aus recyceltem Schutt „ausgerollt“ und mit Wasser benetzt. So entsteht innerhalb von 24 Stunden eine stabile wasserdichte Hülle, nach Gebrauch kann es vollständig recycelt werden.

Das Haus in Claddach Valley hingegen soll möglichst lange stehen bleiben. Es ist eines von vielen, die diese ökologischen Kriterien erfüllen und die in dem Buch versammelt sind. Der kluge Essay von Philip Jodidio beleuchtet die verschiedenen Aspekte des Titels: nachhaltige Häuser.

Häuser, die auf Natur und Wetter reagieren

Gebaute Beispiele aus Deutschland sind nicht darunter, aber aus Nachbarländern. Eine behutsame Sanierung durch das Büro Klainguti + Rainalter eines ehemaligen Bauernhauses samt Scheune im Engadin nahe St. Moritz in der Schweiz etwa zeigt, wie man mit wenigen Eingriffen den ursprünglichen Charakter eines Hauses bewahren und zugleich für heutige Bedürfnisse umbauen kann.

Nicht immer ist die See still, der Wald lauschig, der Berg einfach nur erhaben und eine schöne Fenster-Kulisse. Natur wirkt mitunter zerstörerisch, durch Hitze, durch Überschwemmungen, durch Beben. In Equador haben Rama Estudio Architekten nach einem Erdbeben sieben neue Häuser so gestaltet, dass sie thermisch effizient sind und keine Klimaanlage benötigen, Trennwände sind aus feuchtigkeitsresistentem Palmholz.

Es gibt eigene Abwassersysteme, samt biologischen Filtern. Dächer sind aus Stroh und Bambus, die Fassaden aus Lorbeerholz und Pambil, Böden und Möbel sind ebenfalls aus Holz. Sie schauen aus wie streng geometrische Eindachhäuser, aufgelockert durch die leicht fransige, lässigen Strohüberstände auf dem Dach.

Tradition und Hightech treffen in China aufeinander. Die Bausubstanz verfallender Holzhäuser in Nanlong, Guizhou wurden gescannt, danach haben die Architekten Lidia Ratoi und Lohn Lin von der Universität Honkong roboterunterstützte, 3D-gedruckte neue Wände hinzugefügt. So konnten die Gebäude aufgestockt werden – mit tatkräftiger Unterstützung der Dorfbewohnerschaft. Die zwei Materialwelten Beton und Holz treffen brutal apart aufeinander.

Die Natur arbeiten lassen für die Bewohner des Hauses

Natur für sich arbeiten lassen beim Hausbau und später auch, das war die Idee des bekannten Büros Snohetta, in die Praxis umgesetzt wurde sie gemeinsam mit Skandinaviens größter unabhängiger Forschungseinrichtung Sintef und den Zero Emission Building-Partnern Brodrene Dahl und Optimera. Das Prototyphaus im norwegischen Larvik deckt den Wohn- und Energiebedarf der Familie und erzeugt so viel Überschuss, dass ein Elektroauto das ganze Jahr über versorgt ist.

Minimale Emission, maximaler gestalterischer Anspruch, optimales Raumklima bei den ausgewählten Materialien machen Häuser wie dieses zum Vorbild für zukunftsgerichtetes Bauen. Wohnen, ob am Fjord, auf dem Berg, im Wald, an der See, im Dorf oder in der Stadt muss der Mensch, am besten mit Hilfe der Natur.

Info

Buch
Philip Jodidio: Homes for Our Time. Sustainable Living. Texte in deutscher und englischer Sprache. Taschen Verlag, Köln. 496 Seiten, 75 Euro. www.taschen.com

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