Angela hat spanischen Jambon besorgt, im Delikatessengeschäft ein paar Blocks von ihrer Wohnung entfernt. Sie hat Käse gekauft und einen riesigen, edlen Teppich aus dem Antikladen. Sie trägt eine neue Bluse und eine komplizierte Flechtfrisur, die nur so aussieht, als sei sie rein zufällig auf ihrem Scheitel gelandet. Angela (Olivia Wilde) hat sich für das Dinner mit den Nachbarn mächtig ins Zeug gelegt. Doch dann schleppt sich Joe (Seth Rogen) die Stufen zur Wohnung hoch; unter einer verschwitzten Achsel das störrische, für Joes stämmige Statur viel zu kleine Klappfahrrad, unter der anderen die Tasche mit den Noten. Joe ist Angelas Ehemann, ein Musiker ohne Band und Engagement, der an einem kleinen College unbegabte Studenten unterrichtet und sonst nicht viel beiträgt zu Angelas Bemühungen. Und deshalb ist Joe der Tropfen, der an diesem Abend Angelas Frustrationsfass zum Überlaufen bringt.
Mit Angela und Joe kann sich jeder identifizieren
Schon die Eingangssituation von Olivia Wildes bitter lustiger Beziehungstragikomödie ist so brillant beobachtet, dass es weh tut. Wirklich jeder Mensch kann sich mit Angela und Joe identifizieren, diesem künstlerisch veranlagten, aber in beruflich unbefriedigender Mittelmäßigkeit verhafteten Ehepaar Mitte-Ende Vierzig, mit einer Teenagertochter und einer von Angela geschmackvoll eingerichteten Wohnung, die jedoch angesichts der Ambitionen der beiden aus allen Nähten platzt.
Beide leiden unter verkappten Minderwertigkeitskomplexen: Joe, weil er abgesehen von einem Album mit seiner Band keine Musik mehr hervorbringt. Angela, weil sie seit ihrem Kunststudium als Hausfrau und Mutter versauert und sich nur in der Inneneinrichtung ihrer Wohnung austoben kann. In diesen Schlamassel aus Langeweile, Einsamkeit und Selbstzweifeln brechen die Nachbarn von Oben ein, Hawk (Edward Norton), ein früh verwitweter Ex-Feuerwehrmann, und dessen spanische Freundin Pina (Penélope Cruz), eine Psychologin, die in den Augen von Angela und Joe viel cooler, entspannter und glücklicher sind, als sie selbst. Während Angela die beiden um ihre erotische Aura beneidet, will Joe ein Hühnchen mit ihnen rupfen, weil deren überlauter Sex Joe beim Schlafen stört.
Kammerspiele über Paarbeziehungen sind nicht gerade selten. „The Invite“ steht deutlich in der Tradition fast ikonischer Paradebeispiele wie Edward Albees Meisterstück „Wer hat Angst vor Virginia Wolf“ über ein älteres Paar, das sich vor den Augen seiner jüngeren Gäste zerfleischt, oder Yasmina Rezas Konversationskomödie „Der Gott des Gemetzels“ über eine aus dem Ruder laufende Streitschlichtung zweier Elternpaare der Oberschicht. Olivia Wildes Neuinszenierung eines Kammerstücks des spanischen Autors Cesc Gay schlägt fast noch härter zu als diese starken Klassiker, weil sie peinlich lustige Situationskomik mit der panischen Angst ihrer Protagonisten vor sozialem Versagen und deren verschütteten erotischen Bedürfnissen zusammen bringt. Hawk und Pina entpuppen sich als Swinger, die mehr von Joe und Angela wollen, als bloß Käse, Wein und Plaudereien.
Probleme, die viele haben
Wilde kitzelt die Unsicherheiten ihrer Figuren hervor, ihre bedürftige Lust, die unter der zur Schau gestellten Coolness und Reife pulsiert, ihre Verletzungen und Traurigkeit. Obwohl die vier aufgrund ihrer Biografien und ihres sozialen Status wegen außergewöhnlich erscheinen, verkörpern sie mit ihren Problemen den Durchschnitt einer Alterskohorte. Wie treffend Olivia Wilde das Lebensgefühl dieser Jahre beschreibt und wie furchtlos sich das vierköpfige Ensemble in diese komische Katastrophe wirft, ist zum Niederknien.
The Invite: USA 2026. Regie: Olivia Wilde. Mit Olivia Wilde, Seth Rogen, Penélope Cruz, Edward Norton. 108 Minuten. Ab 12 Jahren.

